Gibt es einen Unterschied zwischen den beiden Begriffen “Gesandter” und “Prophet”?

von Ecevit Polat am 6. Januar 2013


 

 

In der gängigen islamischen Literatur werden Propheten (nabi) und Gesandte (rasul) nicht als Synonyme verwendet, sondern mit jeweils unterschiedlichen Fähigkeiten ausgestattet postuliert. Dies wird vor allem in den islamischen Katechismen (türk. Ilmihal) ausführlich dargelegt. So heißt es in dem von der türkischen Religionsbehörde publiziertem Katechismus: „Einige Propheten haben Schriften erhalten. Diese Propheten nennen wir Gesandte (rasul). Es gibt aber auch Propheten, die nicht mit einer Buchreligion gekommen sind. Diese Propheten folgen den Geboten der vorangegangenen Schrift und verkünden diese. Diese nennen wir Propheten (nabi). Dementsprechend ist zwar jeder Gesandte gleichzeitig ein Prophet, doch nicht jeder Prophet gleichzeitig Gesandter im engeren Sinn(Grundzüge islamischer Religion, S. 57, Diyanet 2004).

Demnach erhielten auch nach dem Katechismus (Ilmihal) von Ömer Nasuhi Bilmen, nur folgende Propheten eine göttliche Schrift: „Einige dieser Bücher werden als „Seiten“ bezeichnet, weil sie tatsächlich aus lediglich ein paar Seiten bestanden. Vier von ihnen sind wirkliche Bücher. Zehn Seiten wurden Adam, fünfzig Seiten Seth, dreißig Seiten Idris und zehn Seiten Abraham offenbart. Was die Heiligen Schriften unter den Büchern betrifft, so erhielt Moses die Thora, David den Psalter und Jesus das Evangelium. Der Koran ist das vierte Buch und ist unserem Propheten Muhammad offenbart worden(Feinheiten islamischen Glaubens-islamischer Katechismus, S. 30-31).

Hiernach ist ein Gesandter (rasul) derjenige, der eine neue Offenbarungsschrift von Gott erhält. Im Unterschied dazu liegt die Aufgabe eines Propheten (nabi) hauptsächlich darin, mit der Verwirklichung einer bereits vorliegenden Offenbarungsschrift die Gemeinschaft (umma) zu führen (Dini Kavramlar Sözlügü, S. 552, Diyanet Yayinlari).

In einem Koranvers scheint dieser Unterschied bestätigt zu werden:

Und Wir sandten vor dir keinen Gesandten (rasul) oder Propheten (nabi), ohne dass ihm, wenn er etwas wünschte, der Satan in seinen Wunsch etwas dazwischen geworfen hätte. Aber Gott hebt auf, was der Satan dazwischen wirft“ (22:52).

Der Koran erwähnt in diesem Zusammenhang nur eine Handvoll von Propheten, die Blätter bzw. Bücher von Gott offenbart bekommen haben. Diese sind folgende: „Dies stand wahrlich in den ersten Schriften, den Schriften Abrahams und Moses“ (Koran 87:18-19).

Und wir haben doch, nachdem wir die früheren Generationen hatten zugrunde gehen lassen, dem Moses die Schrift gegeben, als sichtbare Beweise für die Menschen, und als eine Rechtleitung und Barmherzigkeit, damit sie sich vielleicht mahnen lassen würden“ (Koran 28:43).

Dein Herr kennt am besten jene, die in den Himmeln und auf der Erde sind. Wir erhöhten einige der Propheten über die anderen, und David gaben Wir ein Buch“ (Koran 17:55).

Wahrlich, Wir haben dir offenbart, wie Wir Noah und den Propheten nach ihm offenbart haben. Und Wir offenbarten Abraham, Ismael, Isaak, Jakob, den Stämmen (Israels), Jesus, Hiob, Jonas, Aaron und Salomo; und Wir haben David einen Psalter gegeben“ (Koran 4:163).

Auf ihre Propheten ließen Wir Jesus Christus, Marias Sohn, folgen, der die vor ihm offenbarte Thora bestätigte. Ihm gaben Wir das Evangelium, das Rechtleitung und Licht enthält und die Wahrheit der vorhandenen Thora bekräftigt, als Rechtleitung und erbauliche Ermahnung für die Gottesfürchtigen“ (Koran 5:46).

Auch westliche Islamforscher unterstreichen zudem, ohne zu hinterfragen  die traditionelle  Sichtweise, wie z. B: Professor Peter Heine und Professor Adel Theodor Khoury: „Dabei unterscheidet er (der Koran) zunächst zwischen zwei Arten von Propheten. Die ersten sind als Warner von Gott zu den Menschen gesandt worden. Der Koran nennt sie nabi. Die anderen bringen eine schriftliche Offenbarung; der Koran nennt sie Gesandte (arabisch rasul)“- (Der Islam, erschlossen und kommentiert, S. 72, Heine. Siehe auch: Der Koran, erschlossen und kommentiert, S. 118, Khoury).

Eine Reihe von Gelehrten wiedersprechen vehement der offiziellen Sichtweise und führen zugleich als Beleg Koranverse an, die in diesem Zusammenhang kaum beachtet werden.

In einem Koranvers werden 18 Propheten namentlich aufgezählt, die die Schrift Gottes erhalten haben. Kurioserweise gelten diese 18 Propheten in den Religionsbüchern (Ilmihal) nicht als Gesandte, ja sie werden nicht einmal als Erhalter einer Schrift erwähnt: „Das ist Unser Beweis, den Wir Abraham seinem Volk gegenüber gaben. Wir erheben in den Rängen, wen Wir wollen. Siehe, dein Herr ist Allweise, allwissend. Wir schenkten ihm Isaak und Jakob; jeden leiteten Wir recht, wie Wir vor dem Noah recht geleitet hatten und von seinen Nachfahren David und Salomo und Hiob und Joseph und Moses und Aaron. Also belohnen Wir die Wirker des Guten. Und (Wir leiteten) Zacharias und Johannes und Jesus und Elias; alle gehörten sie zu den Rechtschaffenen. Und (Wir leiteten) Ismael und Elisa und Jonas und Lot; sie alle zeichneten Wir aus unter den Völkern. Ebenso manche von ihren Vätern und ihren Kindern und ihren Brüdern: Wir erwählten sie und leiteten sie auf den geraden Weg. Das ist der Weg Allahs; damit leitet Er von Seinen Dienern, wen Er will. Hätten sie aber anderes angebetet, wahrlich, nichts hätte ihnen all ihr Tun gefruchtet. Diese sind es, denen Wir die Schrift (kitabe) gaben und die Weisheit und das Prophetentum. Wenn aber diese das (Prophetentum) leugnen, dann haben Wir es einem Volke anvertraut, das es nicht leugnet“ (Koran 6:83-89).

Einige Koranübersetzer wie Mustafa Islamoglu, übersetzten den Vers ganz eigentümlich, indem das Wort „kitabe“ nicht als Schrift sondern als „wahy“ = Offenbarung übersetzt wird. Somit bekommt dieser Vers eine ganz andere Bedeutung (siehe hierzu: Hayat Kitabi Kuran, S. 240).

Für den Theologen Professor Süleyman Ates, besteht indes kein Unterschied zwischen einem Gesandten (rasul) und Propheten (nabi). Für ihn sind es in erster Linie die Koranexegeten selbst, die einen grundlegenden Unterschied in den betreffenden Koranvers hinein projizieren: „Und Wir sandten vor dir keinen Gesandten (rasul) oder Propheten (nabi), ohne dass ihm, wenn er etwas wünschte, der Satan in seinen Wunsch etwas dazwischen geworfen hätte. Aber Gott hebt auf, was der Satan dazwischenwirft“ (22:52).

Ates kommt deshalb zu der folgenden Schlussfolgerung: „Im Koran lässt sich, wie seit jeher von den islamischen Gelehrten tradiert wird,  kein  sichtlicher Unterschied in den Aufgaben der Propheten und Gesandten herausfiltern. Im Gegenteil, beide Begriffe bilden ein Synonym“ (Kuran Ansiklopedisi, Bd. 16, S. 522).

Der Prophet Ismail (a) verkörperte gewiss beide Eigenschaften, sowohl als nabi  als auch rasul in seiner Person: „Und erwähne in diesem Buch Ismael. Er blieb wahrlich seinem Versprechen treu und war ein Gesandter (rasulen), ein Prophet (nebiyya)“ (Koran 19:54). Bekanntlich erhielt Ismail (a) keine heilige Schrift von seinem Schöpfer, sondern wurde hauptsächlich damit beauftragt, die Scharia (wörtlich Weg zur Tränke) von seinem Vater Abraham (a) weiter zu führen: „Ist ihm nicht über das berichtet worden, was in den Schriftblättern von Moses und von Abraham steht, der allem genau nachging, wozu er verpflichtet war?“ (Koran 53:36-37. Siehe hierzu im Detail: Elmalili, Hak Dini Kuran Dili, Bd. 5, S. 311).

Bereits im 13. Jahrhundert wies der andalusische Korankommentator Imam Kurtubi (gest. 1273) darauf hin, dass die Auslegung zu 22:52 nicht so einfach wie konventionell überliefert ist, anzunehmen sei. Dieser Sachverhalt bedürfe einer ausführlichen Erläuterung. In seinem Tafsir „El Camiul Li Ahkami´L- Kur´an“ befasste sich Kurtubi eingehend mit dieser Thematik, in dem er hauptsächlich diverse Überlieferungen (Hadithe) heranzog und gegeneinander abwog. Anschließend bestätigte auch Kurtubi in seinem Kommentar (tafsir), dass ein Gesandter nicht unbedingt dasselbe sei wie ein Prophet (siehe hierzu:  El Camiul Li Ahkami´L- Kur´an, Bd. 12, S. 127-128).

Für den in Münster lehrenden Theologen Professor Mouhanad Khorchide, gibt es einen erheblichen Unterschied zwischen dem Auftreten eines Gesandten und einem Propheten, besonders in der Person Muhammads (s) seien diese explizit auffallend. Der Koran verdeutlicht gravierende Wesensmerkmale zwischen diesen beiden Begriffen. Als Gesandter Gottes hatte der Prophet lediglich die Aufgabe gehabt, die Botschaft der Heiligen Schrift zu übermitteln. In seiner Funktion als rasul (Gesandter) sei er jedenfalls unfehlbar. Im Gegensatz dazu, wird Muhammad (s) als nabi (Prophet) mehrfach getadelt und von Gott zurechtgewiesen. Khorchide schreibt dazu: „Der Koran macht eine Unterscheidung zwischen Muhammad dem Propheten (nabi) und Muhammad dem Gesandten (rasul). Als Gesandter hat er nur die Aufgabe eines Botschafters, der Gottes Botschaft überbringt. Er hat keinen unmittelbaren Einfluss auf sie, daher ist er in seiner Funktion als Gesandter unfehlbar. Seine Aufgabe als Gesandter ist lediglich die Verkündigung, also die Überbringung der Botschaft, nicht mehr“  (Islam ist Barmherzigkeit, S. 132-133).

Dies geht unter anderem aus diversen Koranversen hervor, wie z. B: „Dem Gesandten obliegt nur die Übermittelung (5:99).

Im Gegensatz zum unfehlbaren „rasul“, wird Muhammad (s) in seiner Eigenschaft als  „nabi“ (Prophet) mehrfach in der Offenbarungsschrift getadelt.

Oft genug wird der Prophet mit der Ansprache „Oh Prophet“ im Koran harsch kritisiert, wogegen diese Kritik nie in der Anrede „Oh Gesandter“ zu lesen ist. In einer privaten Auseinandersetzung des Propheten mit seinen Frauen, heißt es im Koran: „O Prophet, warum verbietest du, was Gott dir erlaubt hat, indem du danach trachtest, die Zufriedenheit deiner Gattinnen zu erlangen?“ (66:1).

Er wird als Prophet auch dazu ermahnt, fromm zu sein: „O Prophet, fürchte Gott und gehorche nicht den Ungläubigen und den Heuchlern“ (33:1).

Auffallend in diesem Zusammenhang ist es zudem, dass Muhammad (s) als Prophet wegen irdischen Angelegenheiten angesprochen wird, die hauptsächlich mit der Verkündigung nichts zu tun haben: O Prophet, sag zu deinen Gattinnen: Wenn ihr das diesseitige Leben und seinen Schmuck haben wollt, dann kommt her, ich werde euch eine Abfindung gewähren und euch auf schöne Weise freigeben“ (33:28).

Oder in (33:50): „O Prophet, Wir haben dir (zu heiraten) erlaubt: deine Gattinnen, denen du ihren Lohn gegeben hast…“.

O Prophet, wenn ihr euch von Frauen scheidet, dann scheidet euch von ihnen auf ihre Wartezeit hin, und berechnet die Wartezeit“ (65:1).

Aus dem Wortlaut des Korans geht unmissverständlich hervor, dass der Prophet als Mensch nicht resistent vor dem Rügen Gottes ist (siehe hierzu: Mouhanad Khorchide, Islam ist Barmherzigkeit, S. 133).

Der Koranexeget  Fachr ad-Din ar-Razi (gest. 1209), war seinerseits sehr darum bemüht gewesen, die unterschiedlichen Standpunkte sachlich in seinem Korankommentar „Die Schlüssel zum Verborgenen“ (Mafatih al-ghayb) eingehend in Betracht zu ziehen. Außerdem zitierte er ausgiebig die mutazilitische Sichtweise (eine rationalistisch ausgerichtete Schule der islamischen Theologie), wonach es grundsätzlich keinen Unterschied im Status zwischen einem Propheten und einem Gesandtem geben kann. Die Mutaziliten bezogen sich unter anderem darauf, dass der Prophet Muhammed (s) gleichzeitig  ein Gesandter und Prophet sei. Dabei wird der folgende Koranvers 33:40 als Referenz herangezogen: „Muhammad ist nicht der Vater eines eurer Männern, sondern Gottes Gesandter (rasulellahi) und das Siegel der Propheten (nebiyyin)“ (siehe hierzu: ar-Razi, Mafatih al-ghayb, Bd. 16, S. 336-337).

Ob die Bezeichnungen „Gesandter“ und „Prophet“ tatsächlich auch als  Synonyme verwendet werden, und ob es denn eine klare Trennlinie zwischen diesen beiden besteht, bleibt in der islamischen Theologie noch weitgehend ungeklärt. Wenn jedoch ein Gesandter (rasul) nur jener ist, der eine Offenbarungsschrift erhalten hat, so müssten nach diesem Kriterium alle achtzehn namentlich erwähnten Propheten auch als Gesandte betrachtet werden:

Das ist Unser Beweis, den Wir Abraham seinem Volk gegenüber gaben. Wir erheben in den Rängen, wen Wir wollen. Siehe, dein Herr ist Allweise, allwissend. Wir schenkten ihm Isaak und Jakob; jeden leiteten Wir recht, wie Wir vordem Noah recht geleitet hatten und von seinen Nachfahren David und Salomo und Hiob und Joseph und Moses und Aaron. Also belohnen Wir die Wirker des Guten. Und (Wir leiteten) Zacharias und Johannes und Jesus und Elias; alle gehörten sie zu den Rechtschaffenen. Und (Wir leiteten) Ismael und Elisa und Jonas und Lot; sie alle zeichneten Wir aus unter den Völkern. Ebenso manche von ihren Vätern und ihren Kindern und ihren Brüdern: Wir erwählten sie und leiteten sie auf den geraden Weg. Das ist der Weg Allahs; damit leitet Er von Seinen Dienern, wen Er will. Hätten sie aber anderes angebetet, wahrlich, nichts hätte ihnen all ihr Tun gefruchtet. Diese sind es, denen Wir die Schrift (kitabe) gaben und die Weisheit und das Prophetentum. Wenn aber diese das (Prophetentum) leugnen, dann haben Wir es einem Volke anvertraut, das es nicht leugnet“ (Koran 6:83-89).

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Baycan Yanar Januar 7, 2013 um 02:41

selam Ecevit abi. Eine sehr wissenschaftliche Auseinandersetzung. Ich lasse diese Sichtweise offen weil es zuviele verschiedene Sichtweisen gibt und aus dem Koran kein eindeutiges Urteil hervorgeht. Was man jedoch nur als Argument bringen könnte wäre, dass diese 18 namentlich erwähnten Prophten als “Propheten” bezeichnet werden, weil sie im Endeffekt durch diese zwei Eigenschaften gleichzeit ein Prophet und Gesandter sind. in Sure 33:7 werden ebenfalls jene Gesandte nur als Propheten bezeichnet:

“Einst haben Wir von den früheren Propheten Gelöbnisse entgegengenommen genauso wie von dir, desgleichen von Noah, Abraham, Moses und Jesus, Marias Sohn. Von ihnen haben Wir ein festes Gelöbnis entgegengenommen.”

Wenn einige Gelehrte einen Anagolieschluss ziehen indem sie behaupten, dass jeder Gesandte ein Prophet ist, aber nicht jeder Prophet ein Gesandter ist, dann besteht kein Wiederspruch wenn in einigen Versen Gesandte nur als Propheten bezeichnet werden. Es ist schwer zu sagen, dass ich zu einer Sichtweise tendiere und belasse es bei “Gott weiss es besser (Allahu Alim).

wslm :))

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Eddy Januar 16, 2013 um 17:22

Ich würde so, wenn ich den Text mir anschaue, zuallererst sagen, dass dieses Thema noch nicht hinreichend eforscht ist und das man sich in den Katechismusbüchern des Islam zu schnell festgelegt hat was der Autor sehr gut aufdecken kann und somit ein breites Feld zur Diskussion öffnet –

Danke für die Aufklärung zur diesem Thema und bitte weiter so!!!!

LG Eddy

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nadiaAmiri Januar 28, 2017 um 12:29

Salamulaikum,

danke für den schönen Artikel.
Jedoch habe ich einen kleinen Einwand : Katechismus ist ein
Begriff, der vom Christentum abstammt, er ist geschichtlich mit negativen Konnotationen behaftet, s. absolutistische Macht der Kirche im Mittelalter und teilweise in der frühen Neuzeit.
Ein muslimisch, gängiger Begriff wäre einfach den Koran oder die Sunna, oder die Hadithe.
Trotzdem danke für den freshen Artikel
Wslm

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