Gibt es unter den Propheten Rangstufen?

von Ecevit Polat am 4. November 2013


Gerne verweisen muslimische Referenten in den Vorträgen der christlich-islamischen Dialog-Veranstaltungen darauf hin, dass besonders Muslime durch den Koran daran angehalten sind, keine Unterschiede in Bezug auf die Propheten zu machen. Dabei wird vor allem der folgende Koranvers 2:285 aufgeführt: „Gottes Gesandter glaubt an das ihm von seinem Herrn Offenbarte, und also die Gläubigen: sie glauben alle an Gott, an Seine Engel, an Seine Bücher und an Seine Gesandten. Sie sagen: “Wir glauben an die Gesandten, ohne Unterschiede zwischen ihnen zu machen.

Der ehemalige Dekan der Fakultät für Islamische Theologie und Religionsminister von Ägypten Prof. Mahmoud Zakzouk, ist in Europa ein angesehener Gast für Vortragsreden in Fragen des interreligiösen Dialogs. In seinen Vorträgen wird des öfteren von Zakzouk auch der oben aufgeführte Koranvers zitiert, um aufzeigen zu können, dass der Islam unter den Propheten keine Rangstufen etabliert hat. So schreibt er: „Im Islam gehört die Anerkennung der anderen geoffenbarten Religionen und ihre jeweiligen Propheten zu den religiösen Geboten. Die Muslime werden im Koran ausdrücklich dazu aufgefordert, keine Unterschiede zwischen den Propheten zu machen.1 In Anlehnung auf 2:285 wird weiter nachdrücklich folgendes erwähnt: „Die Zeichen der wirklich gläubigen Menschen sind, dass sie an Gott, Seine Engel, Seine Bücher und Seine Propheten glauben und keinen Unterschied zwischen den Propheten machen!2

Dem Ägypter Zakzouk wird indes von Kritikern vorgeworfen, den zitierten Koranvers nach Belieben zu deuten. Denn die klassischen Koranexegeten wie Taberi (gest. 923) und Mukatil ibn Suleyman (gest. 767) interpretieren den Vers dahingehend, dass es hierbei nicht um die Rangstufen innerhalb der Propheten geht, sondern um die Akzeptanz aller Propheten und nicht wie Juden und Christen der Glaube an einige und die Ablehnung anderer Propheten.3

Bekanntlich unterscheidet das Neue Testament das Verhältnis von Moses (a) zu Jesus (a) in seinen Rangstufen im Angesicht Gottes deutlich: „Er (Jesus) ist aber größerer Ehre wert als Mose, so wie der Erbauer des Hauses größere Ehre hat als das Haus (…) Und Mose zwar treu in Gottes ganzem Hause als Knecht, zum Zeugnis für das, was später gesagt werden sollte. Christus aber war treu als Sohn über Gottes Haus.4

Für den andalusischen Sufi und auch von vielen als der größte Meister „ash-Shaykh al-Akbar“ betitelte Muhyiddin Ibn Arabi (gest. 1240) gesteht unverhohlen ein, dass Muhammad (s) durch die abschließend übermittelte Botschaft von Gott zum bedeutendsten Propheten auserwählt sei: „Muhammad war der größte Ort der Göttlichen Offenbarung. Daher wurde ihm das Wissen der alten und der kommenden Völker gegeben. Unter den alten befand sich Adam, der über das Wissen der Namen verfügte. Muhammad wurden die allumfassenden Worte gegeben, und die Worte Gottes sind niemals erschöpft.“5

Islamische Theologen begründen durch diverse Stellen im Koran, unübersehbare Qualitätsunterschiede der Propheten in ihren Auftreten. So ist besonders Muhammad (s) nicht nur an ein Volk entsandt worden, sondern für die gesamte Menschheit: „Und Wir entsandten dich (Muhammad) nur aus Barmherzigkeit für alle Welten.6 Und genau das soll den Unterschied von Muhammad (s) im Vergleich zu den anderen Gesandten ausdrücklich hervorheben. Der indische Gelehrte Prof. Muhammed Hamidullah (gest. 2002) skizziert die Beauftragung der Propheten in ihrer unterschiedlichen Verantwortung und Entsendung durch Gott wie folgt zusammen: „Manche Propheten haben von Gott die Aufgabe erhalten, die Glieder eines einzigen „Hauses“ (Volkes oder Stammes), einer einzigen Rasse, eines einzigen Landes zu erziehen, andere hatten ausgedehntere Aufträge, die die ganze Menschheit umfassten und für ewige Zeiten Geltung haben sollen. Diese letztere Aufgabe ist offensichtlich das Merkmal des letzten Propheten.7

Eine weitere Besonderheit von Muhammad (s) soll unter anderem auch sein, dass er nicht nur an Menschen, sondern gleichzeitig auch als Prophet an die Dschinns entsandt wurde.8  Der türkische Prediger Fethullah Gülen beschreibt dies folgendermaßen: „Ihre Berufung unterschieden sich nur insofern voneinander, dass der Prophet Muhammad als Barmherzigkeit zu allen Welten einschließlich der der Menschen und der der Dschinn gesandt wurde, während die Mission aller ihm vorangegangenem Propheten auf ein Volk und eine festgelegte Zeit begrenzt war.9

Andere Fundstellen im Koran sollen noch weitestgehend die herausragende Stellung von Muhammad (s) und weitere Propheten unterstreichen: Wir erhöhten einige der Propheten über die anderen.“ 10

In seinem Werk „Mefatihul-Gayb“ beschreibt der Korankommentator Fahruddin ar-Razi (gest. 1209) unter der Überschrift „neunzehn Beweise“ die außergewöhnliche Ranghöhe von Muhammad (s) im Vergleich zu den anderen Gesandten. Einige dieser Beweise sind nach ar-Razi folgende:

1. Die Umma(Gemeinschaft) von Muhammad (s) ist die angesehenste und höchste Umma. Deshalb muss  zwangsweise Muhammad (s) über die anderen Propheten erhaben sein“. „Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand (…).“11

2. Der Prophet ist der letzte Gesandte Gottes, wonach keiner mehr ihm nachfolgen wird: „Muhammad ist nicht der Vater irgend eines eurer Männer, sondern der Gesandte Gottes und der letzte der Propheten.12

3. Ar-Razi zitiert von Bayhaki und dessen Werk „Fedailu´s-Sahaba“ die folgende Überlieferung: „Als der Prophet Ali ibn Talib vom weiten sah, sagte er, dass dieser der Sayyid der Araber sei. Daraufhin fragte Aisa den Propheten, ob nicht er der Sayyid der Araber sei, woraufhin der Prophet antwortete: „ich bin der Sayyid der gesamten Welt und Ali nur von den Arabern.13

In einem anderen Koranvers scheinen die diversen Rangstufen der Propheten von Gott besiegelt zu sein: „Dies sind die Gesandten. Wir haben einigen von ihnen den Vorrang über andere gegeben. Unter ihnen sind welche, zu denen Gott gesprochen hat, und einige, die Er um Rangstufen erhöht hat.14 Muhammad Asad (gest. 1992) nahm diesen Vers zum Anlass für die außergewöhnliche Erscheinung von Muhammad (s) zu interpretieren. Asad lässt keinen Zweifel daran, dass es sich in „die Er um Rangstufen erhöht hat“ um eine Anspielung und auf die Besonderheit des letzten Propheten handelt: „Dies scheint insofern eine Anspielung auf Muhammad zu sein, als er der Letzte Prophet und der Überbringer einer universalen Botschaft war, die für alle Menschen und alle Zeiten gültig ist.“15

Nach welchen Kriterien werden die Propheten in ihren Rangstufen denn überhaupt unterschieden? Werden diese explizit im Koran genannt? Für den iranischen Politiker und Korangelehrten Mehdi Bazargan (gest. 1995) ist nach den Kriterien in der Zuschreibung zum „Wunder“ der Propheten kein anderer als Jesus (a), der bei Weitem die bedeutendste Stellung haben muss. Nicht einmal Muhammad (s) könnte sich mit ihm messen. Bazargan erläutert dazu: „Der Koran bestätigt alle Wunder und übermenschlichen Handlungen und Zeichen des Messias und schreibt sie einer höheren Macht- Gott- zu. Er räumt Jesus Besonderheiten und eine Stellung ein, die er keinem der anderen Propheten, noch nicht einmal seinem letzten Propheten, Muhammad, zugesteht.16

In Al-Buharyy“, der authentischsten Hadith-Sammlung der Sunniten, werden sämtliche Überlieferungen von Muhammad (s) tradiert, die im Besonderen die außergewöhnliche Stellung über Jesus (a) beschreiben soll. Danach soll nur Maria (a) und ihr Sohn Jesus (a) die einzigen in der Menschheitsgeschichte gewesen sein, die der Satan bei ihren Geburten nicht berührt habe: „Es gibt unter den Menschen keinen Neugeborenen, der nicht bei seiner Geburt von Satan berührt wird, und er auf Grund der Berührung durch Satan zu schreien beginnt. Nur Maria und ihr Sohn (Jesus) sind die Ausnahmen davon.17

Bei näherer Betrachtung der Überlieferungen fällt jedoch unmissverständlich auf, dass der Prophet Muhammad (S) eindringlich die Muslime davor warnte, ihn nicht über andere Propheten zu stellen: „Ich (Muhammad) stehe dem Sohn der Maria am nächsten, sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. Die Propheten sind Brüder auf Grund des (göttlichen) Auftrags. Ihre Mütter sind verschieden und ihr Glaube ist nur einer.18

Noch deutlicher wird der Prophet in Bezug zu seinen Vorgängern, in dem er auf die grundlegende Gleichstellung in einem Metapher hinweist: „Mein Gleichnis mit den Propheten vor mir, ist das eines Mannes, der ein Haus gut und schön gebaut und dabei eine Stelle in einer Ecke ausgelassen hatte, in der ein Ziegel fehlte. Die Leute, die um das Haus herumgingen und es zu bewundern anfingen, sagten: Es wäre doch schöner gewesen, wenn der Stein an dieser Stelle angebracht worden wäre! Ich bin dieser Ziegel, und ich bin der letzte aller Propheten.19

Insofern sollte sich niemand anmaßen und darüber spekulieren, den einen Propheten dem anderen vorzuziehen und dabei eine “Rangliste der Propheten“ zu erstellen. Es liegt allein bei Gott, wessen Ansehen höher bei Ihm besteht.

1 Zakzouk, Einführung in den Islam, S. 390.

2 Zakzouk, Einführung in den Islam, S. 438.

3 Mukatil ibn Suleyman, Bd. 1, S. 240, Tefsir-i Kabir. Bekanntlich akzeptieren Juden Jesus nicht an, wie auch die Christen Muhammad nicht als Propheten anerkennen.

4 Hebräer, Kapitel 3:1-6.

5 Muhyiddin Ibn Arabi, Der grenzenlose Barmherzige, S. 107.

6 Koran 21:107.

7 Der Islam, Geschichte Religion Kultur, S. 86, veröffentlicht durch die türkische Religionsstiftung.

8 Siehe zum Begriff und Konzept zu Dschinn „Die Botschaft des Koran, Anhang 3, S. 1209-1210, Muhammad Asad.

9 Fethullah Gülen, Muhammad der Gesandte Gottes, S. 30.

10 Koran 17:55.

11 Koran 3:110.

12 Koran 33:40.

13 Fahredding Ar-Razi, Tefsir-i Kabir, Bd. 5, S. 377-385.

14 Koran 2: 252-253.

15 Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, S. 93 Fußnote 243.

16 Und Jesus ist sein Prophet, S. 26.

17 Hadith 3431, Auszüge aus dem Sahih Al-Buharyy, S. 359, Islamische Bibliothek.

18 Hadith 3443, Auszüge aus dem Sahih Al-Buharyy, S. 360, Islamische Bibliothek.

19 Hadith 3535, Auszüge aus dem Sahih Al-Buharyy, S. 376, Islamische Bibliothek.

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Eddy November 4, 2013 um 18:36

Selam sehr guter und interessanter Artikel !

Ich glaube alle Propheten haben geiches Ansehen – will hier noch auf folgendes eingehen:

“Unter ihnen sind welche, zu denen Gott gesprochen hat, und einige, die Er um Rangstufen erhöht hat.“14 Muhammad Asad (gest. 1992) nahm diesen Vers zum Anlass für die außergewöhnliche Erscheinung von Muhammad (s) zu interpretieren. Asad lässt keinen Zweifel daran, dass es sich in „die Er um Rangstufen erhöht hat“ um eine Anspielung und auf die Besonderheit des letzten Propheten handelt: „Dies scheint insofern eine Anspielung auf Muhammad zu sein, als er der Letzte Prophet und der Überbringer einer universalen Botschaft war, die für alle Menschen und alle Zeiten gültig ist.“15″

ich glaube viel eher hier handelt es sich um die Zeichen, die ein Prophet für seine Autorität bekommen hat – Jesus zB hat geheilt und Moses das Meer getrennt deswegen sind aber die Propheten untereinander nicht einfach besser / schlechter nach meiner Auffassung

im Koran wird nämlich darauf Bezug genommen das zB nicht mal Wunder manche vom Glauben überzeugen würden (man fordert dies von Mohammed ein im Koran)

Aber der Autor hat mit seinem letzten Satz das Beste dazu gesagt:

“Insofern sollte sich niemand anmaßen und darüber spekulieren, den einen Propheten dem anderen vorzuziehen und dabei eine “Rangliste der Propheten“ zu erstellen. Es liegt allein bei Gott, wessen Ansehen höher bei Ihm besteht.”

LG Eddy

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Abdussamed November 4, 2013 um 22:26

S.a. sehr guter Artikel.
Ich denke, dass eines der Gründe, warum Muslime wie Nicht-Muslime denken, dass Muhammad a.s. eine Art Vormachtstellung unter allen anderen Propheten genießt, das Glaubensbekenntnis der Muslime ist, worin es heisst, dass es keine Gottheit gibt außer Gott und Muhammad der Gesandte Gottes ist. Auf dem ersten Blick und oberflächlich gelesen ohne den geschichtlichen Kontext mit einzubeziehen könnte man meinen, dass der Glaube an das Prophetentum Muhammads vordergründig ist wie der an die anderen Propheten.

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Eddy November 6, 2013 um 19:24

Zu Zitat 4 möchte ich ergänzen (Hebräer, Kapitel 3:1-6.):

Das der Koran nicht die ganze Bibel anerkennt sondern nur die Evangelien und dort findet man keine Erhöhungen wie diese.

Zu Razis 19 Beweisen:

Die Umma(Gemeinschaft) von Muhammad (s) ist die angesehenste und höchste Umma. Deshalb muss zwangsweise Muhammad (s) über die anderen Propheten erhaben sein“. „Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand (…).“11

Sure 3:110 – das muß sich nicht auf die ganze Menschheit beziehen sondern nur die damaligen Menschen – warum sollten sich gute Taten nur auf eine Gemeinde beschränken?

„Der Prophet ist der letzte Gesandte Gottes, wonach keiner mehr ihm nachfolgen wird: „Muhammad ist nicht der Vater irgend eines eurer Männer, sondern der Gesandte Gottes und der letzte der Propheten.“12

Das ist auch kein Argument – der letzte und dann? Nur weil man der letzte ist muß man daraus keine Erhöhung ableiten – da sehe ich schon starke Zweifel an der Behauptung.

Ich habe mir teilweise die „Beweise“ angeschaut und muß leider sagen, dass Razi eine vorgefetigte Meinung gehabt haben muß da er bei diesen Beweisen sich strikt in Richtung „Mohammed ist der beste Prophet/Gesandte“ hält. Nehmen wir allein Band 5 S.378 Punkt 3 wo er argumentiert, das wenn man dem Gesandten gehorcht auch Gott gehorcht und deswegen Mohammed der beste der Propheten sein soll. Nun vergisst er hierbei das dem Gesandten aber nur die Übermittlung obliegt und zudem das alle Gesandten auch nur diese Aufgabe hatten wie der Koran selber sagt. Deswegen ist dieses Argument vom Kontext her nicht haltbar. Oder für mich absurd und absolut nicht nachvollziehbar: man schaue auf den 4. Punkt wo Razi völlig haltlos durch einen Zahlenspiel die Behauptung aufstellt, dass der Prophet Moses nur 9 Wunder vollbracht hätte und weil in Sure 2:23 stehe

“Und wenn ihr hinsichtlich dessen, was wir auf unseren Diener (als Offenbarung) herabgesandt haben, im Zweifel seid, dann bringt doch eine Sure gleicher Art bei und ruft, wenn (anders) ihr die Wahrheit sagt, an Allahs Statt eure (angeblichen) Zeugen an!”

und der Koran – da über 6000 Verse – viel mehr Wunder (auf einmal sind aus Suren Wunder geworden durch 2:23) vollbracht hätte und der Prophet Mohammed deswegen höher als Moses stehe…

Das widerspricht völlig dem Kontext und ist absolut unwissenschaftlich

LG Eddy

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Eddy Dezember 18, 2013 um 09:01

Selam

Hab da noch 2 sehr wichtige Verse gefunden die klar zeigen wie es mit Rangstufen ausssieht:

56:7. und ihr (in) drei Arten (aufgeteilt) werdet:
8. Die Gefährten von der rechten Seite – was sind die Gefährten von der rechten bSeite?
9. Und die Gefährten von der unheilvollen5 Seite – was sind die Gefährten von der unheilvollen Seite?
10. Und die Vorausgeeilten, ja die Vorausgeeilten,
11. das sind diejenigen, die (Allah) nahegestellt sein werden,
12. in den Gärten der Wonne.

Hier gibt es also einmal die Gruppe der Zuvordersten dann eine Stufe niedriger aber auch die, die der Hölle angehören zu diesen gibt es noch explizit eine Uterteilung in 7 Arten (oder 7 Orte ?):

15:43. Und die Hölle ist wahrlich ihrer aller Verabredung(sort).
44. Sie hat sieben Tore, und jedem Tor wird ein Teil von ihnen zugewiesen.

Also insgesamt gibt es unter den zuvordersten oder denen die “darunter” liegen nur 2 Gruppen (im Paradies) deswegen gibt es keine mehrfachen Stufen nachm Koran im Jenseits

LG Eddy

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