Islam und Aufklärung

von Ecevit Polat am 26. August 2014


 

Schon seit geraumer Zeit wartet die Türkei auf ihre noch ausstehende Aufnahme in die politische Gemeinschaft der Europäischen Union. Die Skeptiker gegenüber einem bevorstehenden EU-Beitritt der Türkei akzentuieren unentwegt, dass ein Beitritt aufgrund diverser religiös-kultureller Unterschiede nicht in Frage kommen könne. Dies läge vor allem daran, dass der Islam keine Aufklärung durchlaufen habe wie das Christentum im 18. Jahrhundert in Europa. Deshalb könne man in den mehrheitlich muslimischen Gesellschaften defizitäre Erscheinungsformen feststellen. Den Muslimen sollen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Islam wesentliche Wertvorstellungen wie „geistige Freiheit“ und „die Souveränität der Individuen“ fehlen. Diese Defizite werden durch „Unterordnung unter ein theozentrisches Weltbild“ und die daraus resultierende „geringe Eigeninitiative“ erklärt (siehe hierzu: Alexander Flores, Zivilisation oder Barbarei, S. 77-80, Frankfurt am Main 2011).

Es war kein Geringerer als der Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der im Jahre 2002 mit seinem Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“ der Türkei angesichts ihres islamischen Glaubens die nötigen Voraussetzungen für eine EU-Mitgliedschaft absprach, da der Islam im Gegensatz zu Europa nie eine Phase der Aufklärung durchlaufen habe. Dementsprechend wären die unüberbrückbaren kulturellen Differenzen von außerordentlicher Relevanz gegen einen EU-Beitritt der Türkei. Schmidt schrieb dazu: „Im Islam fehlen die für die europäische Kultur entscheidenden Entwicklungen der Renaissance, der Aufklärung und der Trennung zwischen geistlicher und politischer Autorität (…) Für einen vollen EU-Beitritt der Türkei sind eine Reihe kultureller Unterschiede von Bedeutung“ (Udo Witzens, Aufnahme oder Ausgrenzung? Gehört die Türkei zu Europa?, S. 21-36, Köln 2007).Nach dem katholischen Theologen Prof. Hans Zirker wäre durchaus die Auffassung legitim, dass das Christentum ab dem Zeitalter der Aufklärung ein „selbstgefälliges Gefühl der Überlegenheit“ gegenüber dem Islam beansprucht (Hans Zirker, Islam. Theologische und gesellschaftliche Herausforderungen, S. 289, Düsseldorf 1993). Der Islam sei noch nicht „durch das Feuer der Aufklärung gegangen“ dozierte ein Landtagsabgeordneter (siehe dazu den Beitrag von Navid Kermani in: Heiner Bielefeldt, Muslime im säkularen Rechtsstaat. Integrationschancen durch Religionsfreiheit, S. 11, Bielefeld 2003).

Bemerkenswerterweise wird auch ständig suggeriert, dass der Islam sich anhand seiner theologischen Struktur noch nicht einmal mit dem Judentum des 19. Jahrhunderts auf gleicher Augenhöhe messen kann. Dazu kommentiert der renommierte Theologe Prof. Hans Küng den folgenden Satz: „Europa hat dann aber die Reformation durchgemacht, was trotz aller Schwierigkeiten und Spaltungen eine ungeheure Bereicherung für die künftige Entwicklung bedeutete. Dies wird leicht deutlich im Vergleich zum Islam, der keine Reformation kennt, oder im Vergleich zum Judentum, das erst aufgrund der Aufklärung im sogenannten Reformjudentum des 19. Jahrhunderts eine Reformation durchgemacht hat“ (Hans Küng, Wozu Weltethos? Religion und Ethik in Zeiten der Globalisierung. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren, S. 13, Freiburg im Breisgau 2006). Deshalb wird von diversen Kritikern in aller Deutlichkeit attestiert, dass die islamische Welt erst dann tatsächlich in der Moderne anzukommen vermag, wenn sie nach dem Vorbild der europäischen Gesellschaften einen evidenten Vorgang der Aufklärung durchlaufen würde (vgl. Bassam Tibi, Die Krise des Modernen Islams. Eine vorindustrielle Kultur im wissenschaftlich-technischen Zeitalter, München 1981).

Aufrichtig fragt weiterhin Pastor Johann Hinrich Claussen: „Kann nun der Islam von der westeuropäischen Religionsgeschichte lernen oder mit eigenen Mitteln den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit finden?“ (Johann Hinrich Claussen, Zurück zur Religion. Warum wir vom Christentum nicht loskommen, S. 107, München 2006).Es war der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804), der im Jahre 1784 die zentrale Frage „Was ist Aufklärung?“ in seinem Essay eingehend kommentierte (siehe hierzu auch den Beitrag von Abdul Hadi Christian Hoffmann, Islam und Kant, veröffentlicht in: Islam in der deutschen Gesellschaft). Darin richtete er sein Augenmerk auf den besonderen Stellenwert des Verstandes und prangerte gleichzeitig die Unmündigkeit des Menschen mit den folgenden Sätzen an: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung (Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden, Bd. 6, S. 51-61, Darmstadt 1983).

Erstaunlicherweise wies bereits ca. 700 Jahre vor Kant der islamische Gelehrte Raghib al-Isfahani (gest. 1108) auf den grundlegenden Stellenwert der Vernunft hin. Darüber hinaus wurde in drei Sätzen auch auf die essenzielle Wechselbeziehung zwischen Vernunft und Religion explizit aufmerksam gemacht: „Die Vernunft ist der Kommandeur und die Religion der Soldat. Wenn es die Vernunft nicht geben würde, so würde die Religion keine Gültigkeit und Bestand haben. Freilich, wenn die Religion nicht existieren würde, so würde die Vernunft verwirrt und orientierungslos bleiben“ (Raghib al-Isfahani, ez-Zeria ila Mekarimi‘s-Seria, S. 207. Siehe hierzu ausführlich auch: Yasar Nuri Öztürk, Dincilik, S. 30-32).

Als ein weiterer Vordenker der Aufklärung lieferte der Engländer John Locke (1632-1704) wichtige erkenntnistheoretische Grundlagen. Seine bedeutsamsten Schriften erschienen hierbei zwischen 1689 und 1694, wie z. B. „Über die Toleranz“ (1689) sowie „Über die Regierung“ (1690) und „Über den menschlichen Verstand“ und zuletzt auch „Gedanken über Erziehung“ (1694). Ebenfalls nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang die Veröffentlichungen der Schriften von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), Baron de la Brede et de Montesquieu (1689-1755) und Voltaire (1694-1778), welche ebenfalls maßgeblich zur Entwicklung der Aufklärung beitrugen. In Deutschland war es Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), der dem aufklärerischen Ideengut im Drama „Nathan der Weise“ (1779) einen klassischen Ausdruck verlieh.

Was sind eigentlich die besonderen Merkmale der Aufklärung?

Die Aufklärung hat zweifelsfrei den theoretischen Grundstein für die Modernen Verfassungsstaaten der Gegenwart gelegt. Im Laufe der Zeit arbeiteten ihre Vertreter in ihren Schriften grundlegende Prinzipien heraus, unter anderem wie eine rechtmäßige Herrschaft zu begründen und nach welchen Regeln diese zu gestalten sei. Die unten aufgeführten Prinzipien der Aufklärer haben zum Teil unverändert bis heute ihre Gültigkeit bewahrt.

° Gewaltenteilung: Die ausführende, die gesetzgebende und die rechtsprechende Gewalt müssen voneinander getrennt sein.

° Gleichheit vor dem Gesetz: Der Gesetzgeber ist an Grund- und Menschenrechte gebunden, er darf Menschen z. B. nicht aufgrund von Geschlecht oder Abstammung benachteiligen.

° Volkssouveränität: Das Recht zur Gesetzgebung verbleibt den gewählten Vertretern des Volkes vorbehalten.

Das Prinzip der Gewaltenteilung hat die amerikanische Verfassung von 1787 und die französische von 1791 nachhaltig geprägt. Auch im 21. Jahrhundert stellen die Leitgedanken der Aufklärung das wesentliche Grundgerüst moderner Demokratien dar. (Siehe hierzu: Weltgeschichte der Neuzeit, S. 25-28, Lizenzausgabe bpb Bonn 2005).

In welcher Relation stand die Aufklärung zum Islam?

Unbestreitbar ist die historische Tatsache, dass mit dem Zeitgeist der Aufklärung althergebrachte Vorurteile gegenüber dem Islam im weitesten Sinne überwunden und darüber hinaus noch ein Paradigmenwechsel im Religionsverständnis herbeigeführt wurde. Somit war möglich geworden, den eigentlichen Grundstein für eine interreligiöse Toleranz einzuführen (Ludwig Hagemann, Christentum contra Islam, S. 102-103, Darmstadt 1999). Der Orientalist Dr. Bruno Sandkühler stellt in diesem Zusammenhang folgendes fest: „Im Zuge der Aufklärung werden zu Beginn des 18. Jahrhunderts Anzeichen einer veränderten Einstellung (gegenüber dem Islam) sichtbar“ (zitiert aus: Begegnungen mit dem Islam, S. 166). Sukzessiv setzte sich ein neues Orientbild zusammen, indem zuweilen eine empathische Aufmerksamkeit auf die Kultur des islamischen Orients ausgerichtet wurde. Nicht zufällig wurden die „Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht“ erstmals vollständig von dem französischen Reisenden Antoine Galland übersetzt und im Jahre 1704 gedruckt (siehe hierzu ausführlich den Beitrag von: Reinhard Schulze, Orientalistik und Orientalismus, S. 755-767, Hrsg. Werner Ende/Udo Steinbach, Lizenzausgabe bpb Bonn 2005).

Der Historiker und Soziologe Prof. Maxime Rodinson (1915 – 2004) stellte in seinem viel beachteten Buch „Die Faszination des Islam“ eine ganze Reihe von Autoren und Werken vor, die jedenfalls ehrlich darum bemüht waren, die islamische Religion ab dem 17. Jahrhundert objektiv und sachlich als Gegenstand ihrer Forschungen zu betrachten. Dem Jahrhunderte alten Feindbild aus dem Osten wurde gelegentlich nicht nur unparteiisch, sondern allmählich auch mit unverhohlener Sympathie begegnet. Zu verweisen wäre hierbei auf den Katholiken Richard Simon (1638 – 1712), der in Zeiten des Umbruchs sogar den mutigen Schritt nach vorne wagte, den Glauben der Muslime positiv darzustellen, weshalb er in Folge von seinen Zeitgenossen vehement gerügt wurde (vgl. Maxime Rodinson, Die Faszination des Islam, S. 65-71, München 1991). Der bereits oben erwähnte Rodinson beschreibt die Begegnung und die unkonventionelle Neuausrichtung des westlichen Europas wie folgt zusammen: „Man konnte nun die mit dem Christentum konkurrierende religiöse Ideologie unparteiisch betrachten, mit Sympathie sogar, weil man darin unbewusst die Werte der neuen Ideologie, die sich dem Christentum entgegensetzte, suchte (und natürlich auch fand). Im Lauf des 17. Jahrhunderts verteidigten zahlreiche Autoren den Islam gegen die mittelalterlichen Vorurteile, gegen die polemischen Angriffe, und sie zeigten den Wert und die Aufrichtigkeit der muslimischen Frömmigkeit“ (Die Faszination des Islam, S. 65).

Immer mehr westliche Geschichtsforscher legten zu jener Zeit ein öffentliches Bekenntnis darüber ab, dass selbst ihre eigene westliche Kultur über Generationen hinweg von den sogenannten Sarazenen (Muslimen) nachhaltig beeinflusst worden war. Zu erwähnen wäre hierbei der Verdienst und die Übertragungsbemühungen der um 830 in Bagdad gegründeten Bibliothek „Bait al-hikmah“ (Haus der Weisheit). Die Intention dieser Institution war explizit nicht nur dem Studium von diversen naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Astronomie, Mathematik, Zoologie, Botanik, Chemie, Geschichte und Geographie gewidmet; ihre eigentliche Herausforderung bestand vielmehr darin, altertümliche Werke wie die von Galenus, Hippokrates, Platon und Aristoteles ins Lateinische zu übersetzen und mit einem reichhaltigen Kommentar zu versehen. Es ist deshalb kein Zufall, dass die wichtigsten hellenistischen Aristoteleskommentare wie die von Alexander von Aphrodisias (ca. 200), Johannes Philoponos (ca. 600) und Themistios (ca. 380) dank dieser „Bait al-hikmah“ bis heute tradiert werden konnten (vgl. Frieder Otto Wolf, Ohne die islamische Philosophie hätte es weder Scholastik noch Aufklärung geben können, S. 9).

Die Aufklärung in der Kritik
In seinem Bestseller „Aufruf an die Lebenden“ beschrieb der französische Philosoph Prof. Roger Garaudy auch die Schattenseiten des Ideengutes der Aufklärer. Für Garaudy war die Aufklärung ein Synonym für die offensichtliche Trennung des Menschen vom Transzendentalen. Das Resultat war hierbei die kontinuierliche Individualisierung des Kollektiven (türkische Ausgabe: Roger Garaudy, Yasayanlara Cagri, S. 28). Jahrzehnte später diffamierte Papst Johannes Paul II. die Aufklärung als die “Wurzel aller Katastrophen des 20. Jahrhunderts“. Hernach waren die unmittelbaren Triebkräfte jener Massenvernichtungen der nationalsozialistischen Konzentrationslager und des sowjetischen Gulags in den politischen Umbrüchen der Aufklärung zu suchen. Sein inzwischen emeritierter Nachfolger Prof. Joseph Ratzinger stellte unter anderem fest: „
Die unter bestimmten historischen Umständen zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert entstandene Aufklärung war gegen das Christentum gerichtet […] auch wenn ich einen Gegensatz zwischen bestimmten Zügen der modernen Aufklärung und dem christlichen Glauben keineswegs leugnen will“ (Joseph Ratzinger, Paolo Flores d‘Arcais, Gibt es Gott? S. 31, Berlin 2009).

In diesem Zusammenhang wird zunehmend ein Scheitern der Moderne proklamiert, weil die von der Aufklärung postulierte „Vernunft“ entgegen aller Erwartungen nicht zu einem friedlichen Zusammenleben der Menschen geführt hat. Im Gegenteil, denke man an Schlagwörter wie Atomwaffeneinsatz, Holocaust, Faschismus, Kommunismus, nukleare Abschreckung, Umweltzerstörung und Massenkriminalität, so hat sich dies größtenteils – trotz der so hoch gepriesenen Vernunft – in jenen Gegenden abgespielt, die gemeinhin als Geburtsländer der Aufklärung bezeichnet werden (siehe hierzu im Detail: Murad Wilfried Hofmann, Den Islam verstehen. Vorträge 1996-2006, S. 36, Istanbul).

Für viele Muslime ist die Erwartung eines Nachholbedarfs für die ideologische Aufklärung, wie sie von vielen westlichen Staaten gefordert wird, nicht angebracht. Nach Einschätzung der Vertreter ebendieser Weststaaten soll der wesentliche Grund für die gegenwärtigen strukturellen Defizite des rechtsstaatlichen Gefüges in den islamischen Ländern in der noch nicht erfolgten Aufklärung liegen. Im Gegensatz zum christlichen Europa gab es andererseits keinen nachhaltigen Bedarf für die Geburt eines Aufklärungsprozesses im muslimischen Raum. Schon allein die Terminologie, sowie die im Westen gebräuchliche Begrifflichkeiten und Konzepte, können nicht willkürlich ohne Weiteres von einer Tradition in die andere übertragen werden, weshalb unweigerlich eine besondere Sorgfalt im Umgang mit diesen notwendig ist. Aus dem historischen Blickwinkel betrachtet war die Aufklärung die Erhebung der Vernunft gegen die unterdrückende Autorität der Kirche. Zu jener Zeit war es nicht ohne Folgen möglich gewesen, die kirchliche Dogmatik „Glaube vor Vernunft“ und die absolute Autorität der Kirche in Frage zu stellen, schließlich wurden Kritiker der offiziellen kirchlichen Auffassung mittels Anklage der Ketzerei mit lebensgefährlichen Konsequenzen bedroht (siehe hierzu: Gerd Lüdemann, Die Ketzer, S. 25-191, Stuttgart 1996). Pfarrer Emanuel Kellerhals schildert die Relation von Glaube und Vernunft dahingehend, dass letztendlich die Vernunft als Kriterium in einer Angelegenheit des Glaubens nicht förderlich sein kann, wodurch der Vernunft in der hierarchischen Struktur innerhalb der Religion nur eine sekundäre Rolle dediziert wird. Außerdem weist Kellerhals mit Sorge darauf hin, welche ernsthaften Gefahren entstehen können, wenn die Vernunft als solche zum Maßstab genommen wird: „Die Glaubensfrage kann nicht durch einen Maßstab entschieden werden, der außerhalb des Glaubens liegt, sondern nur durch den Glauben selbst. Es wäre also falsch zu sagen: credo quia intellexi – d. h. Ich glaube, weil ich es verstanden habe. Das würde ja heißen, dass die Vernunft zur Herrin des Glaubens und damit zur Herrin Gottes erklärt würde“ (Emanuel Kellerhals, Koran und Bibel. Calwer Hefte Nr. 64, S. 25, Stuttgart 1963).

Der in Oxford lehrende Professor für Zeitgenössische Islamische Studien, Tariq Ramadan, fasst die geradezu unausweichliche historische Konfrontation zwischen der Kirche und den Befürwortern der Aufklärung wie folgt zusammen: „Nach Jahrhunderten der aufgezwungenen hierarchischen Herrschaft der Kirche ist die Aufklärung der Prozess der Befreiung bzw. Emanzipation von jeder Art aufgezwungener Wahrheit zugunsten der Fähigkeit der Vernunft, sich der Wahrheit eigenständig zu nähern“ (siehe dazu den Beitrag von Tariq Ramadan, Sari‘a und die Werte der Aufklärung. In: Hamideh Mohaghegh, Klaus von Stosch, Moderne Zugänge zum Islam, S. 90, Paderborn 2010).

Insofern kann ein direkter Vergleich oder eine entsprechende Übertragung der religiös politischen Antagonismen des ausgehenden 17. Jahrhunderts, wie sie in jenem Europa entstanden, nicht ohne weiteres in andere Kulturkreise hineinprojiziert werden. Dies ist schon deshalb nicht möglich, weil der Islam im Gegensatz zum Christentum keine kirchenähnlichen Strukturen begünstigt. Es gibt keine Sakramente im Islam, welche die Mitwirkung eines „geweihten Klerus“ wie Priester oder Bischof voraussetzen. Der Muslim ist als Individuum religiös und autonom zu allen vorgeschriebenen gottesdienstlichen Handlungen selbst fähig (Murad Wilfried Hofmann, Islam, S. 98, München 2001). Weder eine Institution noch eine Person kann sich das Recht anmaßen, die Vernunft als erkenntnistheoretischen Grundstein für nichtig zu erklären. Die wichtigste Voraussetzung für die Mündigkeit der Individuen ist ohne Zweifel die Freiheit des Denkens und der Vernunft. Da selbst der Koran in etlichen Suren bemerkenswerterweise auf den besonderen Stellenwert der Vernunft hinwies, wie z. B. in 10:100 und das Er es ist, der das abscheuliche Übel jenen auferlegt, die ihren Verstand nicht gebrauchen wollen“ oder in 8:22 „Wahrlich, die schlimmsten aller Geschöpfe in der Sicht Gottes sind jene Tauben, jene Stummen, die ihren Verstand nicht gebrauchen“, so konnte angesichts dessen keine Autorität im Islam ernsthaft die Hervorhebung der Vernunft als solche in Frage stellen.

In den letzten Jahren ist zusehends eine ernsthafte Diskussion über den historischen Kern der Aufklärung entfacht worden, weil eine nicht zu unterschätzende Anzahl von muslimischen Intellektuellen offensiv die Ansicht vertritt, dass die grundlegenden Prinzipien der Aufklärung schon bereits Jahrhunderte zuvor von islamischen Gelehrten aus dem Koran konzipiert wurden. Im 11. Jahrhundert habe al-Gunaini die folgenden Grundprinzipien direkt aus der Scharia abgeleitet, deren Maximen sich für die Entfaltung der Aufklärung als unentbehrlich erwiesen haben:

°Die Glaubensfreiheit und der Schutz des Glaubens.
°Der Schutz des Lebens und das Recht aufs Leben.
°Der Schutz der Vernunft vor jeglicher Beschädigung.
°Der Schutz der Familie.
°Der Schutz des Eigentums und das Eigentumsrecht (siehe hierzu auch: Hamideh Mohaghegh, Klaus von Stosch, Moderne Zugänge zum Islam. Plädoyer für eine dialogische Theologie, S. 88, Paderborn 2010).

Doch soll tatsächlich auch bei den muslimischen Gelehrten der nachrangige Versuch bestanden haben, in direkter Parallelität zur mittelalterlichen Kirche die Vernunft als „Erkenntnistheorie“ in die Peripherie verdrängen zu wollen. Für den ehemaligen Dekan der theologischen Fakultät von Istanbul, Prof. Yasar Nuri Öztürk, ist es eine unbestreitbare Tatsache, den Theologen al-Ghazali (1058 – 1111) als den größten Widersacher der Vernunft zu betrachten: „In der islamischen Geschichte war es vor allem al-Ghazali durch sein unglückliches Werk „Der Erretter aus dem Irrtum“, der die Vernunft ein für allemal blockiert hatte“ (Yasar Nuri Öztürk, Kur’an‘in Temel Kavramlari, Bd. 1, S. 35, Istanbul 2011). Der türkische Koranexeget Ihsan Eliacik bemerkt dazu sinngemäß: „Seit etwa fünfhundert Jahren entwickelte sich kontinuierlich eine vernunftbegabte islamische Epoche zu ihrem eigentlichen Höhepunkt. Ghazali war der Prototyp für dieses Stagnieren, weshalb abrupt nach ihm die islamische Gedankenwelt in Sachen der Vernunft wieder rückwärtsgewandt ihr Ende nahm“ (Recep İhsan Eliaçık, Adalet Devleti, S. 303, 1. Auflage 2003). Für al-Ghazali ist das Vertrauen in die Gegebenheiten der Vernunft aus den folgenden Gründen nicht tragfähig: „Vielleicht versteckt sich ja hinter der Vernunfterkenntnis ein anderer Richter, welcher, sobald er in Erscheinung tritt, das Urteil der Vernunft der Lüge bezichtigt, wie der Richter der Vernunft erschienen ist und das Urteil der sinnlichen Wahrnehmung als Lüge bezeichnet hat“ (A. Samad Elschazli und Muhammed Al-Ghazali, Abu-Hamid Muhammad Al-Ghazali, Der Erretter aus dem Irrtum, S. 8, dt. Ausgabe, Hamburg 1987).

Abgesehen von der Epoche al-Ghazalis wird bei genauerer Untersuchung außerdem noch festgestellt, wie die literarischen Einflüsse der muslimischen Geisteswissenschaftler auf Europas Literaturgeschichte in Vergessenheit gerieten. Hierbei sei an die 1948 erschienene Studie „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“ des deutschen Gelehrten Ernst Robert Curtis zu denken. Interessanterweise wird nämlich die siebenhundertjährige Präsenz der Araber in Spanien von Curtis in seinem Werk ignoriert, sodass er letztendlich die Literaturgeschichte von Spanien erst mit dem 16. Jahrhundert beginnen lässt. Hierzu bemerkt der Publizist Dr. Navid Kermani kritisch folgendes an: „Das Standardwerk von Curtis ist ein besonders anschauliches und bedeutsames Beispiel für den Mechanismus des Ausschlusses, mit dem Europa seine eigene Geschichte konstruiert“ (Navid Kermani, Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte, S. 254, München 2005).

Es ist in diesem geschichtlichen Rahmen nicht mehr zu übersehen, wonach inzwischen westliche Forscher den Einfluss des Islam auf das europäische Mittelalter eindrucksvoll dokumentieren. Das beste Beispiel ist in diesem Zusammenhang der Arabist Prof. Montgomery Watt. In seinem bis heute noch viel rezipierten Buch „Der Einfluss des Islam auf das europäische Mittelalter“ ist ihm außerordentlich gelungen, die wichtigsten Streifzüge des islamischen Einflusses in diversen naturwissenschaftlichen Fachgebieten nachzuweisen. Ganz zum Ende seines Werkes konnte Watt seine Überlegungen und Einstellung dazu nicht mehr verhehlen und machte sein persönliches Eingeständnis hierzu, indem er die Europäer zur Selbstkritik aufrief: „Hält man sich alle Aspekte der mittelalterlichen Konfrontation von Christentum und Islam vor Augen, so wird klar, dass der Einfluss des Islam auf das westliche Christentum größer ist, als für gewöhnlich angenommen wird […] Weil Europa sich gegen den Islam wehrte, spielte es den Einfluss der Sarazenen (Muslimen) herunter und übertrieb seine Abhängigkeit vom griechisch-römischen Erbe. So haben wir Westeuropäer heute, an der Schwelle zum Zeitalter der Einen Welt, die wichtige Aufgabe, diese falsche Akzentsetzung zu korrigieren und uneingeschränkt anzuerkennenwas wir den Arabern und der islamischen Welt verdanken“ (Montgomery W. Watt, Der Einfluss des Islam auf das europäische Mittelalter, S. 83-84, Berlin 1988).

Kurze Zeit später nach dem Aufruf von Montgomery Watt erschien das brillant illustrierte Buch von Prof. Seyyid Hussain Nasr „Islamic Science“ (türk.: Islam ve Bilim). Darin präsentierte Nasr den Ansatz von Watt in einem weitaus umfangreicheren Rahmen mit entsprechenden Illustrationen. Auch im neuen Jahrtausend wird dem Aufruf zu einer vorurteilsfreien Betrachtung des Islam und seiner Einflüsse auf die westliche Geschichte mit entsprechender Gelehrsamkeit nachgekommen. In seinem 2004 erschienenen Werk „Im Glanze Allahs“ hat der Islamwissenschaftler Prof. Eberhard Serauky eindrucksvoll und übersichtlich den Aufstieg und den Niedergang der Blütezeit der Wissenschaft für die deutschsprachigen Leser dargelegt (Eberhard Serauky, Im Glanze Allahs. Die arabische Kulturwelt und Europa, Berlin 2004).

Es ist nicht ausgeschlossen, dass in naher Zukunft noch weitere detaillierte Werke zu diesem Thema erarbeitet und veröffentlicht werden, um so dem interessierten Leser ein objektiveres Urteil über den Islam in Relation zur europäischen Aufklärung zu ermöglichen.

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Eddy August 30, 2014 um 15:13

Frieden,

dieser Artikel gibt einen sehr schönen und an den richtigen Stellen weiter ins Detail ausgeführten Überblick über das Thema “Aufklärung und Glaube” – nicht nur in Bezug zum Islam, sondern auch in Verbindung mit dem Christentum. Was vor allem toll gelungen ist zu erklären, ist, dass man hier nicht einfach Terminologien des Christentums/ der Aufklärung ohne weiteres auf den Islam übertragen kann.

Aufklärung wird sehr gerne und oft mit den Menschenrechten in Verbindung gebracht und der Meinungsfreiheit. Dies ist aber kein Verschulden der Aufklärung oder des Glaubens, sondern weil man eingesehen hat – zum Beispiel in Bezug auf Europa – dass das sich gegenseitige Töten (genannt seien nur die ersten beiden Weltkriege oder auch vorherige auf Nationalismus und / oder mit Machtausdehnungssabsicht geführten Kriege) kontraproduktiv waren. Altbundeskanzler Schmidt beleuchtet somit nur das Ergebnis, geht aber nicht auf den Grund der allgemeinen Problematik ein – nämlich das Aufklärung auch nicht besser war als die Religion und auch nicht ist. Bestes Beispiel ist das morallose Zocken der Banken durch Hedgefonds, die in Tunis den arabischen Frühling auslösten und eine enorm große Finanzkrise ausgelöst hat, dessen Folgen immer noch nachwirken. Es werden auch in Bezug zum Islam gerne Begriffe wie christlich/abendländische Tradition gebraucht um sich vom Islam abzugrenzen um einen weiterentwickelteren Status vorzugeben. Übergangen wird dabei gerne, dass zum Beispiel das Wirtschaftssystem dieser Länder alles andere als menschenrechtsfreundlich sind. Natürlich haben wir auch in vielen islamischen Ländern gravierende Probleme, die aber auf die gleichen Gründe hinausgehen wie sie im Westen herrschen: Geldgier, Nationalismus, Machtausbau – und wir erkennen letztendlich, dass die Welt in Wirklichkeit viel kleiner ist als wir sie wahr haben wollen.

Schlussendlich muss man sagen – in Bezug zum Glauben – das der Koran recht behält wenn Dieser den meisten Menschen den Glauben abspricht, auch in Bezug zu den Muslimen. Aber das ist kein neues islamisches Phänomen, sondern zieht sich über alle abrahamitischen Religionen hindurch. Dann kommt man an den Punkt zu fragen, was die Religion will und was die Menschen daraus gemacht haben.

LG Eddy

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Abdussamed September 7, 2014 um 13:49

Hallo,

besonders gut gefällt mir die Definition von Kant. So kann man auch den Propheten Muhammad als Aufklärer sehen. Genauso wie Priester eine Mittlerposition zwischen irdischer und überirdischer Welt inne hatten, so gab es auch im Umfeld Muhammads sogenannte “Kahins”, die als Mittler zwischen den Welten fungierten. Unter Kahins zählen Zauberer, Wahrsager und Dichter. So wird verständlich, warum an mehreren Stellen im Koran die heidnischen Dichter kritisiert werden. Kritisiert wurde also nicht wegen des Dichtens an sich. Die Kahins, so der Glaube der heidnischen Araber, waren im Besitz von Geheimwissen. Dieses Geheimwissen wurden von den sayatin (böse Geister) überbracht, welche “an den Himmelstoren lauschen, wenn die Engel [über das Geheimwissen] sprechen, das Gehörte verdrehen und verzerren und den Kahins und den falschen Propheten überbringen” (Christa Tuczay: Magie und Magier im Mittelalter, S. 152).

Liebe Grüße

Samet

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