Der Koran – ein literarisches Wunder?

von Ecevit am 18. Dezember 2011


Der Koran erhebt den Anspruch „unnachahmlich“ unter allen Büchern (i´dschaz al Qur´an) zu sein.

In Sure 17 Vers 88 heißt es folgender maßen:

Sprich: “Wenn sich auch die Menschen und die Ginn vereinigten, um diesem Quran etwas Gleiches hervorzubringen, brächten sie doch nichts Gleiches hervor, selbst wenn sie einander beistünden.“

Das große Wunder des Korans liegt in seinem Stil. Sein Stil sticht sofort ins Auge, denn er ist antiklassisch. Tatsächlich gibt es kein anderes Buch, das die Geschichte der Menschheit so nachhaltig geprägt hat und weiterhin prägt. Der Koran verwendet  literarische Methoden, wie zum Beispiel „Gleichnisse“.

Die heilige Schrift setzt Gleichnisse ein, um spirituelle Wahrheiten vereinfacht darzustellen, oder um wichtige theologische oder normative Lehren zu Vermitteln. Der Koran will seinen Sinngehalt so leicht wie möglich vermitteln. Die Sure 10:24 kann hier als Beispiel vorgeführt werden:

Das Gleichnis des irdischen Lebens ist nur wie das Wasser, das Wir aus den Wolken herabsenden; damit vermischen sich dann die Gewächse der Erde, wovon Mensch und Vieh sich nähren, bis zu ihr -wenn die Erde ihren Prunk angelegt und sich schön geschmückt hat und ihre Bewohner glauben, sie hätten Macht über sie – Unser Befehl in der Nacht oder am Tage kommt und Wir sie zu einem niedergemähten Acker machen, als wäre sie nicht am Tage zuvor gediehen. Also machen Wir die Zeichen für die Leute klar, die nachdenken.

Eine weitere literarische Besonderheit des Korans ist es, dass Gott darin unterschiedliche Personalpronomen verwendet, um zur Sprache zu kommen wie  Ich, Wir oder Er. Mit diesem Verwirrspiel des Subjekts wird  einem anthropomorphen (Vermenschlichung) Verständnis von Gott als einer „Person“ entgegengewirkt. So haben die abrupten Wechsel der Personalpronomen offenbar rhetorische Funktionen, darunter aber auch die eines Schockeffekts und werden planvoll eingesetzt. (siehe hierzu: Jacques Berque. Der Koran neu gelesen. S.121-143)

In seinem langjährigen Koran-Studium kam der katholische Gelehrte Prof. Bernhard Uhde zur folgendem Erkenntnis: Der Koran ist kein Text wie andere Texte, ja nicht einmal wie andere religiöse Texte.

Auch beklagt Uhde, dass durch eine Übersetzung die sprachliche Wucht der Aussagen verloren gehe und bemerkt noch an: „All diese Erfahrungen gehen mit Übersetzungen in einzelne andere Sprachen verloren. Verloren geht aber auch der unnachahmliche Eindruck, den der Vortragsstil des Koran- „und vorgetragen haben Wir ihn im Vortragsstil“ (Koran 25:32) als sprachliches und musikalisches Erlebnis, als Partitur gleichsam, erweckt. So muss der Koran in Wahrheit als unübersetzbar gelten, und alle Übersetzungen leisten nur ein Schattenwerk dessen, dessen Sonnenglanz nur im arabischen Original blendend hervortritt.“ (Der Koran, zur Einführung, S. 529-530)

Wer Arabisch als Muttersprache spricht, ist von der linguistischen Unnachahmlichkeit (idschaz) des Korans leicht zu überzeugen; denn für Araber ist der Koran ein sprachliches Wunder (mudschiza). (Murad Hofmann, Koran Einführung, S. 56-63)

Der englische Gelehrte Charles Le Gai Eaton fasst seinen persönlichen Eindruck vom Koran so zusammen: „Wie immer man sie auch verstehen mag- oberflächlich oder in die Tiefe gehend -, eine Schrift wie der Koran bietet ein Rettungsseil für Menschen jeder Art, für die Dummen wie für die Intelligenten, und begrenzte Interpretationen verringern nicht seine Wirksamkeit, vorausgesetzt, sie befriedigen die Bedürfnisse einzelner Seelen. Kein Buch eines menschlichen Autors kann „für jedermann“ sein. Gerade dies ist jedoch die Funktion einer offenbarten Schrift; und aus diesem Grund kann sie nicht so gelesen werden, wie Werke menschlichen Ursprungs. Sonne und Mond sind für jedermann da- auch der Regen-, aber sie wirken sich auf jeden Einzelmenschen verschieden aus, und letztlich bringen sie einigen Leben und anderen Tor.“ (Der Islam und die Bestimmung des Menschen, S. 145)

Weiter führt er fort: „Andere Bücher sind passiv und der Leser ergreift die Initiative, die Offenbarung ist jedoch ein Akt, ein Befehl aus den Höhen- vergleichbar einem Blitz, der nicht der Laune irgend eines Menschen gehorcht.“ (S. 146)

Mittels der 99. und der 82. Sure soll hier zumindest ein Versuch der Demonstration koranischer  Ästhetik gemacht werden:

Wenn bebend gemacht die Erde von ihrem Beben und herausgibt die Erde ihre Lasten, dann sagt der Mensch: Was ist mit ihr? An jenem Tag wird sie berichten ihre Nachrichten, wie ihr Herr es ihr eingegeben. An jenem Tag kommen die Menschen einzeln hervor, um zu sehen ihre Werke. Wenn einer einem Stäubchen gleich an Gutem getan- der wird es sehen. Und wenn einer einem Stäubchen gleich an Bösem getan- der wird es sehen.“ (Sure 99: Übersetzung von Ahmad Milad Karimi, Herder Verlag 2009)

„Wenn der Himmel zerbrochen, wenn die Sterne zerstreut, wenn die Meere aufgebrochen und die Gräber ausgeräumt, weiß jede Seele, was sie getan und was sie versäumt. O du Mensch! Was hat dich betört hinsichtlich deines Herrn, des Edlen, der dich erschuf und dich wohl geformt, in der Gestalt, die Er wollte, dich zusammengesetzt? Nein, ihr leugnet das Gericht! Über euch: Hüter, edle Schreibende, die wissen, was ihr tut. Wahrlich, die Frommen in Freude und die Sünder in Brand, da sie brennen am Tag des Gerichts, und an dem sie nicht abwesend. Was lässt dich wissen, was ist der Tag des Gerichts? Nochmals: Was lässt dich wissen, was ist der Tag des Gerichts? Am Tag, da niemand etwas für einen anderen vermag, ist die Entscheidung Gottes.“ (Sure 82: Übersetzung von Ahmad Milad Karimi, Herder Verlag 2009)

Der berühmte Autor der „Muqaddima“ Ibn Khaldun (gest. 1406), hat in einem Abschnitt über die Literatur der Araber den Unterschied zwischen Literatur und dem Koran im Allgemeinen besonders herausgearbeitet: „Bekanntlich teilt sich die arabische Sprache und der Vortrag in zwei Zweige. Der eine ist gereimte Poesie…Der andere Zweig ist Prosa, d.h. nichtmetrischer Vortrag…Der Koran ist Prosa. Jedoch gehört er in keine der beiden Kategorien. Er kann weder reine Prosa noch gereimte Prosa genannt werden. Er ist in Verse unterteilt. Man erreicht Pausen, wo der Geschmack uns sagt, dass die Rede anhält. Sie wird dann wieder aufgenommen und im nächsten Vers „wiederholt“. (Reim) Buchstaben, welche diese (Art der Rede) zu Reimprosa machen würden, sind nicht obligatorisch, ebenso wenig wie (in der Poesie verwandte) Reime vorkommen. Dieser Zustand ist mit dem Koranvers gemeint:

Gott hat die schönste Botschaft, ein Buch, hinab gesandt, eine sich gleichartig wiederholende Schrift…“ (39:23)“ (siehe hierzu: Ibn Khaldun: Muqaddima, Kairo, S. 424)

{ 14 Kommentare… lese sie unten oder schreibe selbst einen }

Schreibe einen Kommentar

{ 1 Trackback }

Previous post:

Next post: