Wie den Qur´an verstehen?

von Ecevit Polat am 6. Oktober 2011

  

 

  Der Koran. Das heilige Buch des Islam

  

  

In jeder religiösen Tradition und in jeder uralten Legende sind heilige Dinge und heilige Orte streng bewacht, und man kann sich ihnen nur durch harte Mühe und Reinigung nähern. Der Koran ist keine Ausnahme.

 

Der Nicht-Muslim mag sich mit den besten Absichten ans Werk machen, um Weisheit zu suchen, wie er diesen Begriff versteht, und in dem Bewusstsein, dass ein Buch, dass so vielen Menschen so viel bedeutet, nicht ganz ohne Interesse sein kann. Was herauskommt, ist jedoch nur allzu oft Verwirrung und Enttäuschung. Es gibt nichts in diesem Buch, das dem abendländischen Gefühl für Ordnung entspricht; im Gegenteil, der Leser findet nur eine Welt von Wörtern vor, die völlig unzusammenhängend und widersprüchlich scheint und zu der er keinen Schlüssel hat. (siehe hierzu: Der Islam und die Bestimmung des Menschen)

 

Was ist zu empfehlen, wie soll der Koran gelesen werden?

 

Der westliche Leser muss sich von der Vorstellung befreien, der Koran sei ein Buch, das man zusammenhängend, von vorne nach hinten lesen könne. Vielmehr handelt es sich um eine Textunterlage für die stückweise mündliche Rezitation. Jede Sure ist also ein in sich geschlossenes Ganzes, kein Fortsetzungskapitel. Dies erklärt auch die vielen, irritierenden Wiederholungen im Koran. Man sollte im Koran eine Fundgrube sehen, in die man von allen Seiten eintreten kann.

 

Der Theologie Professor in Tübingen Karl-Josef Kuschel schrieb seine eigene Erfahrung in einem Beitrag für die Zeitschrift „Publik -Forum“ folgendes:

 

„Ich selber habe vor Jahren schon auf einen älteren Kollegen gehört, der mir riet, den Koran vom Ende her zu lesen, also mit Sure 114 zu beginnen. Erstens dringe man dann schneller in den Koran ein, zweitens sei die Lektüre durch die Kürze der Texte abwechslungsreicher, und drittens bekäme man in den kurzen, oft frühesten Suren noch etwas von der ursprünglichen Wucht und Kraft der Koranischen Botschaft mit. Für die ersten vierzig Suren- vom Ende her gelesen- trifft zweifellos zu, was mir beschrieben wurde.

 

Das originale Arabisch des Korans hat eine einzigartige sprachliche und poetische Form. Die Suren bestehen aus Versen, ausgestattet zwar mit unregelmäßigem Rhythmus, am Ende aber stets mit einem Reimpaar. In einer fremden Sprache ist das kaum darstellbar“. (Karl-Josef Kuschel- Mein Koran 2010, S.30-31)

 

Übersetzungen können der poetischen Kraft, ja Wucht, des Qur´an allerdings nicht gerecht werden. Diese beruht vielfach auf Alliteration, Endreim, Wortspielen, Beschleunigung oder Verlangsamung des Rhythmus, ja sogar auf der Korrespondenz von Klangfarbe und Inhalt.

 

Daher empfiehlt es sich, den Qur´an mit einem kompetenten Qur´an–Kommentar zu lesen. Im deutschsprachigen Raum, sind drei Qur´an –Übersetzungen besonders hervorhebend:

 

1. Der Koran, überarbeitet und leicht kommentiert von Dr. Murad Wilfried Hofmann. Bei Verlag Diederichs erschienen, 8.Auflage 2011.

 

2. Die Botschaft des Koran, von Muhammad Asad  -Verlag Patmos 2009.

 

3. Der Koran und seine Übersetzung, von Ali Ünal –Verlag Fontaene 2009.

 

So wie die Welt, ist der Qur´ran zugleich eins und vielfältig. Die Welt ist eine Vielfalt, welche zerstreut und zerteilt ist und der Qur´an ist eine Vielfalt, welche sammelt und zur Einheit führt. Die Vielfalt des heiligen Buches –die Mannigfaltigkeit der Wörter, Sätze, Bilder und Erzählungen –erfüllt die Seele, hernach fesselt sie sie und versetzt sie unmerklich, vermittels einer Art „göttlicher“ List, in den Zustand unwandelbarer Gelassenheit.

Previous post:

Next post: