Waren die Propheten sündenfrei?

von Ecevit Polat am 20. Oktober 2012

In der ältesten und bis heute erhalten gebliebenen Propheten-Biografie von Ibn Hischam (gest. 828), wird der folgende Bericht über den Propheten Muhammed (s) tradiert:Zwei Männer in weißen Gewänder kamen, machten meine Brust auf, entfernten etwas, machten sie wieder zu und gingen fort“ (Ibn Hischam, Sira, Bd. 1, S. 165).

Die traditionellen Theologen haben diesen Bericht dahingehend interpretiert, dass Muhammed (s) schon von seiner Pubertät an bis zu seinem Tod als sündenfrei galt. Deshalb wird in den meisten klassischen Katechismen (türk. Ilmihal) detailliert „über die Sündenlosigkeit des Propheten“ ausführlich geschrieben. Darin heißt es, dass  zu den notwendigen Eigenschaften eines Propheten zweifelsfrei die Sündenlosigkeit gehört. In den Publikationen der Präsidentschaft für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) heißt es unter anderem: „Da Propheten eine Vorbildfunktion innehaben, beschützt Gott sie vor Sünde und Vergehen. Diese Eigenschaft ist allein den Propheten eigen“ (Grundzüge islamischer Religion, S. 58, Ankara 2004).

Die Auslegung der Sure 80 Vers 1-12 ist ein Dauerstreitpunkt unter den islamischen Gelehrten. In der Sure wird folgendes berichtet: „Er runzelte die Stirn und wandte sich ab, als der blinde Mann zu ihm kam. Was lässt dich aber wissen, dass er sich nicht reinigen wollte, oder dass er Ermahnung suchte und ihm somit die Lehre nützlich würde? Wer aber es nicht für nötig hält, dem kommst du (bereitwillig) entgegen, ohne dir etwas daraus zu machen, dass er sich nicht reinigen will. Was aber den anbelangt, der in Eifer zu dir kommt und gottesfürchtig ist, um den kümmerst du dich nicht. Nicht so. Wahrlich, dies ist eine Ermahnung, so möge, wer da will, diesem eingedenk sein“.

Im Korankommentar „Al-Kaschaf“ von Zamakhschari (gest. 1140) wird überliefert, dass ein Blinder namens  Abdalla ibn Schurayh den Propheten um Belehrung bat, wo dieser doch bereits in einem Gespräch mit einem vornehmen Quraischiten war. Muhammed (s) fühlte sich durch den blinden Mann gestört, so dass er die Stirn runzelte und sich von diesem abwandte. Deshalb wurde Muhammed von Gott ausdrücklich mit den Worten gerügt: „Was aber den anbelangt, der in Eifer zu dir kommt und gottesfürchtig ist, um den kümmerst du dich nicht. Nicht so“  (Al-Kaschaf, Bd. 4, S. 217).

Für den deutschen Muslim Dr. Murad Wilfried Hofmann besteht kein Zweifel, dass der Prophet Muhammed in den oben zitierten Koranversen getadelt wird. Dennoch weist Hofmann darauf hin: „Dass der Koran Kritik an Muhammed enthält, ist Indizienbeweis dafür, dass er keineswegs Autor des Buches ist, sondern seinen Text als Gotteswort respektiere“ (Koran Einführung, S. 23).

Nach den islamischen Prediger Fethullah Gülen sind die Orientalisten hauptsächlich schuld daran, dass sämtliche muslimische Koranexegeten die Sündenlosigkeit der Gesandten Gottes ausschließen. Gülen verteidigt unter allen Umständen die Sündenfreiheit der Propheten und führt dabei folgendes an: „Noch tragischer und bedauerlicher ist aber, dass selbst in der muslimischen Welt einige sogenannte Forscher, die unter dem Einfluss von Orientalisten oder weltlichen Verlockungen standen, sehr respektlos mit der Prophetenschaft, dem Gesandten Gottes und der Sunna umgegangen sind“ (Muhammad, Der Gesandte Gottes, S. 192).

Auch zählt Gülen einige Punkte auf, weshalb Muhammed (s) in der Sure Abasa (80:1-12) nicht von Gott kritisiert wurde und diese auch äußerst fragwürdig ist. So beschreibt er: „Die Verben die Stirn runzeln und sich abwenden von,  werden im Koran an keiner Stelle in Verbindung mit einem Propheten benutzt; sie werden sogar noch nicht einmal für gewöhnliche Gläubige verwandt. Sie stehen in der dritten Person Singular, ohne dass der Name des Propheten genannt würde, und drücken Missachtung und Erniedrigung aus. Auch die folgenden Ausdrücke werden nur für die Führer der Ungläubigen gebraucht. Man kann deshalb ausschließen, dass dieser Tadel auf den Gesandten Gottes zielte (Muhammad, Der Gesandte Gottes, S. 192).

Die Nestorin der deutschen Islamwissenschaft und Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels Professorin Annemarie Schimmel, veröffentlichte im Jahre 1981 ihre aufsehenerregende Propheten-Biografie „Und Muhammad ist Sein Prophet“. Unter dem Kapitel „Die Sündenlosigkeit des Propheten“ widerspricht sie Fethullah Gülen vehement und erläutert zugleich, dass die Theorie der Sündenlosigkeit hauptsächlich durch schiitische und sufische Einflüsse in die islamische Literatur Eingang gefunden hat. So schildert sie in ihrem Werk: „Bei der Entwicklung der Lehre von der absoluten Sündlosigkeit des Propheten scheinen schiitische Einflüsse eine Rolle gespielt zu haben“ […] „Die islamische Mystik hat zweifellos an der Entwicklung der Lehre von der absoluten Sündenfreiheit des Propheten einen wichtigen Anteil gehabt […]“ (Und Muhammad ist Sein Prophet, S. 88-90).

Für den Bestsellerautor und ehemaligen Dekan der Theologischen Fakultät von Istanbul Professor Yasar Nuri Öztürk, gibt es keinen Zweifel darüber, dass die Propheten gesündigt hätten. Die traditionellen Gelehrten würden aus Respekt vor den Propheten bekunden, dass sie nicht gesündigt, sondern in gewissen Situationen von Gott nur getadelt wurden.  Öztürk führt Koranverse an, die offenkundig vom Fehlverhalten und Sünden der Propheten schildern wie z.B in der Sure 47 Vers 19: „und bitte um Vergebung für deine Schuld und für die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen“  und in der Sure 40 Vers 55 „Und suche Vergebung für deine Sünden und lobpreise deinen Herrn am Abend und am Morgen“ (Yasar Nuri Öztürk, Kuranin Yarattigi Mucize Devrimler, S. 68).

Öztürks Sichtweise wird ausnahmslos von dem Theologen Professor Süleyman Ates unterstrichen. Diverse Koranstellen weisen nach Ates darauf hin, dass keine Propheten von der Sündenlosigkeit ausgeschlossen seien. Als Belegstelle wird von Ates  die Sure 11 Vers 42-46 aufgeführt:

Und es (das Schiff) fuhr mit ihnen über Wogen gleich Bergen einher, und Noah rief zu seinem Sohn, der sich abseits hielt: „0 mein Sohn, steige mit uns ein und bleibe nicht bei den Ungläubigen!

Er sagte: „Ich will mich sogleich auf einen Berg begeben, der mich vor dem Wasser retten wird.“ Er (Noah) sagte: „Es gibt heute keinen Retter vor Allahs Befehl − (Rettung) gibt es nur für jene, derer Er Sich erbarmt.“ Und die Woge brach zwischen den beiden herein, (und) so war er unter denen, die ertranken. Und Noah rief zu seinem Herrn und sagte: „Mein Herr, mein Sohn gehört doch zu meiner Familie, und Dein Versprechen ist doch wahr, und Du bist der beste Richter. Er (Gott) sprach: „0 Noah, er gehört nicht zu deiner Familie; siehe, dies ist kein rechtschaffenes Benehmen. So frage Mich (Gott) nicht nach dem, von dem du keine Kenntnis hast. Ich ermahne dich, damit du nicht einer der Toren wirst. Er (Noah) sagte:  Mein Herr, ich nehme meine Zuflucht bei Dir davor, dass ich Dich nach dem frage, wovon ich keine Kenntnis habe. Und wenn Du mir nicht verzeihst und Dich meiner nicht erbarmst, so werde ich unter den Verlierenden sein“ (Koran 11:42-46).

Hiernach wollte Noah (a) einen Versuch starten, um seinen Nichtgläubigen Sohn vor dem Ertrinken zu retten, obwohl Gott ihm zuvor mitgeteilt hatte, dass sein Sohn wegen seiner Glaubensverweigerung umkommen werde: „Und Noah rief zu seinem Herrn und sagte: „Mein Herr, mein Sohn gehört doch zu meiner Familie, und Dein Versprechen ist doch wahr, und Du bist der beste Richter. Er (Gott) sprach: „0 Noah, er gehört nicht zu deiner Familie; siehe, dies ist kein rechtschaffenes Benehmen. So frage Mich (Gott) nicht nach dem, von dem du keine Kenntnis hast. Ich ermahne dich, damit du nicht einer der Toren wirst“  (Koran 11:42-46).

Ates schlussfolgert deshalb, dass auch Propheten nur Menschen und keine Engel waren:

Sprich: „lch (Muhammed) bin nur ein Mensch wie ihr, doch mir ist offenbart worden, dass euer Gott ein Einziger Gott ist“ (Koran 18:110).

Demnach sei es natürlich, wenn die Boten Gottes außerhalb der Grenzen der Offenbarung auch Fehler oder Sünden begehen. Dies schmälert keineswegs das Ansehen der Propheten. Die Verkündigung und Offenbarung der Schrift wurden von Gott und seinen Engeln geschützt (siehe hierzu: Süleyman Ates, Kuran Ansiklopedisi, Bd. 26, S. 31-33).

Wahrlich, Wir Selbst haben diese Ermahnung hinabgesandt, und sicherlich werden Wir ihr Hüter sein“ (Koran 15:9).

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