Legitimiert der Koran die Heirat mit Minderjährigen?

von Ecevit Polat am 5. November 2011

In vielen muslimischen Ländern gehört es einfach zum Alltag, dass minderjährige Mädchen mit älteren Männern verheiratet werden.

Doch was ist hierfür die Grundlage? Sind es eher kulturelle Einflüsse, oder lässt es sich tatsächlich auf die Religion Islam zurückführen?

Es scheint, als würden sie diese Legitimation aus dem Koran 65:4 ableiten:

Und wenn ihr bei denjenigen von euren Frauen, die keine Menstruation mehr erwarten, (irgendwelche) Zweifel hegt, soll ihre Wartezeit (im Fall der Ehescheidung) drei Monate betragen. Ebenso bei denen, die (ihres jugendlichen Alters wegen noch) keine Menstruation gehabt haben.“ (Übersetzung nach Rudi Paret)

Die ältesten Korankommentatoren, wie Abu Dschafer Tabari (gest. 923), schrieben zu diesem Vers folgendes:

„In diesem Vers ist mit „wellai lem yahidne“ diejenigen gemeint, die im Kindesalter verheiratet  und kurz darauf willkürlich geschieden werden, ohne jedoch die Menstruationsphase (Pubertät) erreicht zu haben..“ (Tabari, Camiu´l Beyan, XII. 133-134; ibn Atiyye, el-Muharreru´l-Veciz, V. 325)

Der pakistanische Gelehrte Abu-l- Ala Mawdudi (gest. 1979)  kommentierte 65:4 ebenfalls:

„Ebenso bei denen, die (ihres jugendlichen Alters wegen noch) keine Menstruation gehabt haben.“

Mädchen, die keine Menstruation gehabt haben, sind noch Kinder. Also erlaubt der Koran ausdrücklich, dass Männer diese Mädchen heiraten und zugleich sexuellen Verkehr haben dürfen. Wenn Gott eine Sache erlaubt hat, so hat kein Muslim das Recht, es zu verbieten“ (Tefhimul Kuran, Bd.6, S. 375)

Wie ist nun dieser Koranvers zu verstehen? Gibt es noch andere Verse in Bezug auf die Erläuterung dieses Sachverhaltens?

Der Koran erwähnt explizit, dass alle Verse im einzelnem erklärt worden sind:

„(Dies ist) ein Buch, dessen Zeichen eindeutig festgefügt und hierauf ausführlich dargelegt sind von Seiten eines Allweisen und Allkundigen.“ (Koran11:1)

Die Sure 4 (Frauen) gibt einen Überblick und legt zugleich fest, ab welchem Alter Kinder heiratsfähig sind.

Und prüft die Waisen, bis sie die Ehereife erreicht haben; und wenn ihr in ihnen Vernunft wahrnehmt, so händigt ihnen ihr Gut aus. Und zehrt nicht auf verschwenderisch und in Eile (in der Erwartung), dass sie nicht großjährig würden.“ (4:6)

In diesem Vers wird es unmissverständlich dargelegt, dass eine Ehefähigkeit einsetzt, wenn bei ihnen Vernunft festgestellt wird. Der türkische Theologe Prof. Süleyman Ates schreibt hierzu: „Es kann allgemein angenommen werden, dass ab einem Alter von fünfzehn, die Geschlechtsreife eintritt. In einem Hadith wird überliefert, dass ein Junge mit vierzehn Jahren in einem Feldzug sich beteiligen wollte, doch der Prophet es ablehnte. Erst ab dem fünfzehnten Lebensjahr durften sie sich an Feldzügen beteiligen.“ (Abu Dawud, Hudud; Süleyman Ates: Bd. 2, S.17)

Nach Imam Abu Hanifa (gest. 767) erreicht der Mensch seine Mündigkeit mit achtzehn Jahren und die Vernunft ist die Voraussetzung für die Mündigkeit. (Tefsiru ayati’l-ahkam Bd.2, S.31)

Den Koranvers 65:4 kann man insofern nur so verstehen, dass es in der vorislamischen Zeit erlaubt war, geschlechtsunreife Mädchen zu heiraten. Diese Vorgehensweise konnte nicht sofort beseitigt werden, da sie tief in der arabischen Sitte verankert war.  Daher ist diese altarabische Praxis nur historisch zu verstehen und darf keinesfalls überzeitlich als Norm verstanden werden!

 

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