Koran und Gewalt verherrlichende Überlieferungen

von Ecevit Polat am 11. Dezember 2011

In Al- Bukhari (810-870) und Muslim (817-875) (Hadith-Sammlungen), werden Gewalt verherrlichende Textpassagen überliefert. Diese zählen zu den authentischsten Glaubensüberlieferungen der Sunniten. Die Mehrheit der Muslime, ca. 85%, bekennt sich zu der sunnitischen Konfession und 15% gehören der schiitischen Konfession an.  Im Jahre 1993 veröffentlichte die Islamische Bibliothek ein Buch mit dem Namen „Hadit für Schüler“. Hierin heißt es: „Das Blut eines Muslims (zu vergießen) ist nicht erlaubt, außer in einem dieser drei (Fälle)…: und (im Fall) desjenigen, der seinen Glauben verlässt und sich von der Gemeinschaft trennt.(Überliefert in Bukhari und Muslim. Hadit für Schüler, S.127)

Der Übersetzer kommentiert die Überlieferung wie folgt: „Als Beispiel für die verheerende Folgen, die vom Islam Abtrünnige verursacht haben, möge man an Sekten wie die Nusairier (Alawiten) in Syrien, die Drusen im Libanon, die Baha´is im Iran und andere denken. All diese Sekten führen ihren Ursprung auf Leute zurück, die vom Islam abgefallen waren, sich von der Gemeinschaft der Muslime trennten, neue , eigene Gemeinschaften gründeten und dann unter den Muslimen Schaden und Unheil anrichteten.“ (Hadit für Schüler, S. 129-130)

Kurioserweise bedenke man, dass diese Ausgabe primär für die Schüler herausgegeben wurde, mit der Überschrift „Hadit für Schüler“.

In Saudi Arabien veröffentlichte 1975 die religiöse Autorität Bin Baz ein Buch, dass den Namen trägt  „Wissenschaftliche und erzählerische Beweise, dass die Erde fix ist, die Sonne sich bewegt und es möglich ist zu den Planeten zu gehen.“

Darin versuchte er mittels der Hadithe nachzuweisen, dass die Erde nicht rotiert. Diejenigen, die weiter daran festhielten und der Ansicht waren, dass die Erde sich um die eigene Achse dreht, wurden von ihm als Apostaten gebrandmarkt. Wenn sie von ihrer Gesinnung nicht ablassen, müssen sie hingerichtet und ihr Hab und Gut wird unweigerlich in die Staatskasse übertragen. (siehe hierzu: el-Edilletü´n-Nakliyyetu ve´l –Hissiyye ´ala Cereyani´s-Semsi ve Sukuni´l-arzi ve imkani´s-Suudi ile´l-Kevakib, S. 23, 2 Auflage, Bin Baz)

Noch bedenklicher ist es, dass es die Universität von Medina war, die dieses Buch von Bin Baz publizierte.

Werden Austritte vom Islam mit dem Tode bestraft, so wie uns einige Hadite glauben lassen wollen? Gibt es konkrete Stellen diesbezüglich im Koran?

In Sure 4 Vers 137 wird exakt die Situation der Apostaten eingehend behandelt:

„Gewiss, diejenigen, die gläubig sind, hierauf ungläubig werden, hierauf (wieder) gläubig werden, hierauf  (wieder) ungläubig werden und dann an Unglauben zunehmen – es ist nicht Allahs (Wille), ihnen zu vergeben noch sie einen (rechten) Weg zu leiten.“

Es wird daraus deutlich, dass der Islam vor allem eine Todesstrafe für Abfall vom Glauben nicht kennt, da es wohl schwer möglich ist, dass ein Toter sich wieder zum Islam bekennt.

Hier noch weitere Beispiele:

„Und sag: (Es ist) die Wahrheit von eurem Herrn. Wer nun will, der soll glaubenund wer will, der soll ungläubig sein.“ (18:29)

Im folgenden Koranvers wird nicht nur der Prophet angesprochen, sondern alle Muslime: „Und wenn dein Herr wollte, würden fürwahr alle auf der Erde zusammen gläubig werden. Willst du etwa die Menschen dazu zwingen, gläubig zu werden.“ (10:99)

Kernstück dieser umfassenden Haltung ist die fundamentale Aussage in 2:256:

Es gibt keinen Zwang im Glauben.“

In einer Fußnote zum Koranvers fügt Murad Hofmann zu: „Dies ist sowohl das Verbot, in Glaubensfragen Gewalt anzuwenden, wie die Feststellung, dass solcher Zwang ein untauglicher Versuch wäre.“ (Der Koran, S.57)

Vor langer Zeit rief der deutsche Muslim und Publizist Murad Wilfried Hofmann die Gelehrten der islamischen Welt auf, die Überlieferungen der Hadithen nochmals mit historisch-kritischen Methoden zu überarbeiten:

„Die übergroße Mehrheit der Muslime hält im Prinzip an den Hadith-Sammlungen fest, räumt aber ein, dass sich darin schon aufgrund einer bloßen Wahrscheinlichkeitsrechnung noch unauthentisches Material finden kann. Damit sind die qualifiziertesten zeitgenössischen muslimischen Wissenschaftler in Nachfolge von Numani al-Shibli, Fazlur Rahman, Muhammad al-Ghazali und Yusuf al-Qaradawi aufgerufen, mit den modernsten Methoden der historisch-kritischen Forschung ein weiteres, zweites Mal zu versuchen, die Überlieferungen des Propheten in gültige und ungültige zu scheiden: eine monumentale Aufgabe von hoher Verantwortung, ohne deren Bewältigung der Islam kaum hoffen kann, den Aufgaben des 3. Jahrtausends gewachsen zu sein.“  (Der Islam im 3. Jahrtausend, S. 215-216)

Der ehemalige  Dekan der Theologischen Fakultät Istanbuls Yasar Nuri Öztürk, erwähnt in sämtlichen Büchern die Verdienste des 1999 verstorbenen Gelehrten Nasiruddin el-Elbani. Für Öztürk ist Elbani die größte Autorität des 20. Jahrhunderts in der kritischen Forschung der Hadithe.

Nasiruddin el-Elbani forschte etwa fünfzig Jahre lang nach gültigen und nichtgültigen Überlieferungen. Diese wertvolle und bis heute nicht übertroffene Arbeit wurde in 28 Bänden in seinem Werk  „el-Ahadis ez-Zaifa ve`l Mevzua“ zusammengetragen.

1. Es-Sahiha besteht aus 11 Bänden. In diesem ersten Teil werden etwa 4035 Hadithe als authentisch dargelegt.
2. Es-Zaifa ve´l Mevzua ist der zweite Teil und um einiges umfangreicher. In 17 Bändern falsifiziert Elbani 7162 Hadithe als Fälschung. (Yasar Nuri Öztürk, Kuranin Yarattigi Mucize Devrimler, S. 236)

All diese Erkenntnisse zeigen deutlich, dass bei einem offenkundig widersprüchlichen Inhalt eines Hadiths wie im vorgestellten Beispiel über die Anwendung von Gewalt bei Apostasie, der Koran und sein Inhalt als Maßstab zu nehmen sind.

Previous post:

Next post: