Sind die Gefährten des Propheten nicht fehlbar?

von Ecevit Polat am 26. Dezember 2011

 

Der Begründer der ersten sunnitischen Rechtsschule Abu Hanifa (gest.767) war der Ansicht, dass es Niemandem erlaubt sei, irgendeinen Gefährten (Sahabi) des Propheten zu kritisieren. Abu Hanifa stützt sich hierbei auf folgende Propheten-Überlieferungen (Hadithen): „Wenn von meinen Gefährten die Rede ist, so haltet die Zungen von ihnen fern!“ (Feyz´ul Kadir, Bd. 1, S. 347)

Auch die berühmte Überlieferung, die ausnahmslos von den vier sunnitischen Rechtsschulen als authentisch eingestuft werden, wird von Abu Hanifa als Grundlage für die Unantasbarkeit der Weggefährten des Propheten angeführt:
Meine Gefährten sind wie die Sterne, folge wem immer du folgen willst, du wirst die Wahrheit finden.“ (Abu Hanifa, Fikh_i Ekber, S. 129-130)

Nasiruddin el-Elbani (gest.1999) gilt für viele Theologen als der größte Hadith- Forscher (muhaddis) des 20. Jahrhunderts (Kuranin Yarattigi Mucize Devrimler, S. 236-237). Seine historisch- kritische Forschung fasste er in seiner bis heute nicht zu übertreffenden Arbeit in 28 Bänden „el- Ahadis“ zusammen. Darin kommt er zu der Erkenntnis, dass es sich bei dem oben angeführten Hadith, um eine eindeutige Fälschung handelt. (Elbani, ez-Zaifa, Bd. 1, S. 144-149)

Gelten nun die Gefährten als unantastbar in all ihren Tätigkeiten? Sind diese immer als richtig handelnde Persönlichkeiten zu betrachten? Ziehen alle Quellen der islamischen Überlieferungen an einem Strang?

Bei näherer Betrachtung der Quellen, scheint es eher das Gegenteil zu sein. Hier einige Überlieferungen dazu: „Als ein Gefährte (Sahabi) des Propheten aus dem Ort Esca starb, lehnte es der Prophet ab, sein Totengebet zu verrichten. Der Grund dafür war, dass dieser Gefährte zu Lebzeiten noch 2 Dirhem aus öffentlichen Geldern gestohlen hatte.“
Dies berichtet uns der Hadith- Gelehrte Ibn Hemmam (gest.826) in seinem Werk „el- Musannef“ (siehe hierzu: Ibn Hemmam; el- Musannef, Bd. 5, S. 244).

In anderen Quellen wird berichtet:
Als auf dem Rückweg von Haybar ein Gefährte starb, forderte der Prophet seine Weggefährten auf: Verrichtet ihr das Totengebet eures Freundes selbst!Ihre Gesichter verblichen vor Verwirrung, als sie dies vom Gesandten Gottes hörten. Im gleichen Moment sah der Prophet dies ihnen an und sagte zugleich: Euer Freund hat etwas aus dem öffentlichen Eigentum entwendet und das ist der Grund für meine Haltung!“ Daraufhin durchsuchten die Gefährten die Sachen des Verstorbenen. Voller Entsetzen entdeckten sie ein Paar gestohlene Ledersandalen.“ Diese Überlieferungen werden in den wichtigsten Hadith- Sammlungen tradiert. Wie zum Beispiel von Abu Dawud aus Sigistan (gest. 889, Hadith Nr. 2712) oder auch von Ahmad ibn Hanbal (gest.855, Musnad, Bd. 2, S.213).

Der Prophet Muhammed leitete das Totengebet seines Gefährten nicht, weil dieser sich offenkundig mit dem Diebstahl schuldig machte.

Diese Berichte über die Gefährten werden bewusst in den meisten islamischen Publikationen nicht erwähnt, um an dem Status der Sahabis nicht zu rütteln! Der Koran kritisiert zweifellos die Einstellung, authentisches Material absichtlich zu unterdrücken: „Und wer ist ungerechter als derjenige, der ein Zeugnis verbirgt, das er von Allah erhalten hat!“ (Bakara, 140)

Und unterdrückt das Zeugnis nicht. Und wer es verbirgt, dessen Herz ist wahrlich mit Schuld befleckt. Und Allah ist dessen kundig, was ihr tut.“ (Bakara, 283)

Es gilt festzuhalten, dass die Propheten- Gefährten keine Heiligen und so wie andere Menschen auch fehlbar waren. Die Weggefährten haben sich auch gegenseitig nie mit Attributen wie „rein“ oder „sündenlos“ belegt. Sie konnten einander auf das Schwerste bezichtigen. Sie haben gegeneinander das Schwert erhoben (wie in der Kamelschlacht im Jahre 656) und das Blut des anderen vergossen (Der verfälschte Islam, S.159-161).

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