Wie wurden die Frauen aus den Moscheen verbannt?

von Ecevit Polat am 6. Februar 2012

 

Das Institut für Demoskopie in Allensbach veröffentlichte 2006 in einer breit angelegten Studie, dass 94 Prozent der Deutschen den Islam für frauenfeindlich halten (siehe hierzu: Allahs langer Schatten, Michael Lüders, 2007, S.7).

Wie ist der Islam zu diesem Ruf gekommen? Gibt es in der Grundlage dieser Religion Elemente, die das Fazit der Studie befürworten? Für den Publizisten und Islamwissenschaftler Reza Aslan liegt der Grund für das negative Ergebnis der Meinungsumfragen in der Frühzeit des Islam. Besonders mit dem Amtsantritt des zweiten Kalifen Umar al-Khattab (gest.644) verschlechterte sich die Situation laut Aslan: „Umars frauenfeindliche Tendenzen kamen in dem Moment zum Vorschein, als er die Führung der muslimischen Gemeinschaft übernahm. Erfolglos versuchte er, den Wirkungskreis der Frauen auf das Haus zu beschränken und sie von der Teilnahme am Gottesdienst in der Moschee auszuschließen. Er führte getrennte Gebete ein und ordnete- in unmittelbarem Verstoß gegen das Beispiel des Propheten- die religiöse Unterweisung der Frauen durch männliche Lehrer an.“ (Kein Gott außer Gott, S.91)

Der erste Ansatz war, die Frauen von dem Freitagsgebeten zu entbinden, so dass sie  von den Moscheen strukturell verbannt wurden. Der berühmte muslimische Historiker aus dem 9. Jahrhundert Ibn Saad schreibt über das Freitagsgebet zu der Zeit des Propheten folgendes:

Und beim Freitagsgebet kamen alle zusammen, Männer und Frauen, um zu beten, um die letzten Neuigkeiten zu erfahren, um sich belehren und unterweisen zu lassen“ (Ibn Saad, At- tabqat al-kubra, Beirut 1980, Bd. 1, S. 247).

Doch zweihundert Jahre später veröffentlichte der hanbalitische Gelehrte Ibn Al-Dschawzi ein Werk mit dem Namen „Kitab acham an-niss´aia“ in dem er die Überschrift aufführte: „Dürfen die Frauen überhaupt die Moschee betreten?“ Seine Antwort: „Wenn eine Frau befürchten muss, dass sie die Männer verwirrt, dann verrichtet sie ihre Gebete besser zu Hause. Das Freitagsgebet ist für die Frauen keine Pflicht (Ibn al-Dschawzi, Beirut, 1981, S. 201-209).

Obwohl der Koran beide Geschlechter zum Freitagsgebet (türk. Cuma namazi) verpflichtet, hat sich doch bei der überwiegenden Mehrheit der Muslime die Ansicht durchgesetzt, dass nur die Männer davon betroffen seien. Allerdings ist im Koran keine Differenzierung der Geschlechter festzustellen, im Gegenteil: „O ihr, die ihr glaubt, wenn zum Freitagsgebet gerufen wird, dann eilt zum Gedenken Gottes und stellt den Handel ein. Das ist besser für euch, wenn ihr es nur wüsstet“. (Koran 62:10)

In den Hadith-Sammlungen von Abu Dawud (gest.889), wird eine Überlieferung tradiert, die das Schicksal der Frauen bis heute noch maßgeblich bestimmt. So heißt es dort: „Das Freitagsgebet ist eine Pflicht (Wadjib) für jeden Muslim, bis auf folgende vier: Ein Sklave oder eine Frau oder ein Kind oder ein Kranker.“  (Abu Dawud, Salat 215)

Obwohl der Koran und die Lebensweise (sunna) des Propheten deutlich machen, dass auch für die Frauen das Freitagsgebet verpflichtend ist, so wurde doch der oben erwähnte Hadith wichtiger und normativer eingestuft  als alles andere.

Der Gesandte Gottes ermahnte bei Gelegenheit die Männer seiner Gemeinschaft (umma) mit den Worten: „Verwehrt den Frauen nicht den Zutritt zu den Moscheen Gottes.“ (Ibn Hadschar al-Asqalani, Bd. 3, S. 34. 1959)

Für die amerikanische Koranwissenschaftlerin Amina Wadud strebt der Islam mit dem erfolgreichen Beispiel des Propheten Muhammad (s) einen „sozialen Egalitarismus“ an (Quran and Woman: Rereading the Sacred Text from a Woman´s Perspective, New York 1999).

Der Schweizer Philosoph Tariq Ramadan stellt verblüffend fest, dass „die schönen theoretischen Diskurse der Männer nie den Problemen im Alltag der Frauen abgeholfen haben“ (Der Islam und der Westen, 2000, S. 100).

Was die Frauen seit den Anfängen des Islam, besonders in den Jahren 622 bis 632 geleistet haben und alles, was sie im allgemeinen betrifft, wird von Abd Al-Halim Abu Schuqqa in „Tahrir Al-ar´a Fi´Asr Ar-Risala“ (Die Befreiung der Frau zur Zeit der Offenbarung)  in sechs Bänden ausführlich dargelegt. Neuerdings ist auch eine türkische Übersetzung im Jahre 2011 unter den Namen „Islam Kadin Asiklopedisi“ von Düsün Yayincilik veröffentlicht worden. Einflussreiche Rechtsgelehrte wie Yusuf Al-Qaradawi und Muhammad Al-Ghazali schrieben selbst einen Vorwort dazu, um auf die Wichtigkeit des Buches aufmerksam zu machen.

Es bleibt für die deutschsprachigen Interessierten zu hoffen, dass auch sie irgendwann einmal in den Genuss dieses Werkes kommen.

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