Ist der Koran unvollständig?

von Ecevit Polat am 18. März 2012

 

Seit einiger Zeit werden in verschiedenen Publikationen vermehrt zur „Entstehung des Koran“ zweifelhafte Berichte über die Authentizität des Korantextes überliefert. Laut die im „Auftrag des Amtes der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD)“ herausgegebene Publikation „Was jeder vom Islam wissen muss“ ist die Koranausgabe von heute, erst zwei Jahrhunderte nach dem Propheten entstanden. Es wird in der Ausgabe folgendes berichtet: Die moderne religionswissenschaftliche Forschung hat ihrerseits textkritische Methoden angewandt und ist hinsichtlich der Textentstehung des Korans zu teilweise erheblich abweichenden Ergebnissen gekommen. Dabei wird die frühe schriftliche Fixierung ebenso entschieden vertreten wie- analog zur Bibelwissenschaft- die These der allmählichen Entwicklung über zwei Jahrhunderte hinweg(Was jeder vom Islam wissen muss, S. 15).

Ist der Korantext, den wir heute besitzen, tatsächlich abweichend vom Urtext? Was sagt die Koranforschung dazu?

Für Rudi Paret, dem Islamwissenschaftler und Übersetzer des Korans ins Deutsche, gibt es keinen Grund dafür, an dem Korantext von heute zu zweifeln. Nach über fünfzig Jahre Forschung zum Koran, kam Paret zu der Schlussfolgerung: „Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass auch nur ein einziger Vers im ganzen Koran nicht von Mohammed selber stammen würde“ (Vorwort zu „Der Koran“ Kohlhammer Verlag, 1966).

Auch kritische Islamforscher wie John Burton, mussten unweigerlich nach der Anwendung von textkritischen Methoden zugeben: „Was wir heute in unseren Händen halten, ist der mushaf (Buch) des Muhammed“ (The Collection of the Quran, S. 239, Cambridge 1977).

Der Pfarrer und Missionar Emanuel Kellerhals (gest. 1973) stellt einen bemerkenswerten Vergleich zwischen der Bibel und dem Koran: „Die Bibel ist bekanntlich nicht ein einziges Buch, sondern eine Bibliothek, eine Sammlung von 66 Büchern, deren Verfasser uns zum Teil dem Namen nach bekannt sind, zum Teil aber bescheiden hinter dem Vorhang der Anonymität verborgen bleiben. Der Koran aber ist ein Werk eines einzigen Mannes ohne jede Zutat von einer anderen Hand, von ihm persönlich in die Feder eines treuen Schreibers diktiert. Der griechische Urtext des Neuen Testaments ist in mindestens 3000 verschiedenen Handschriften überliefert, von denen die älteren (vollständigen) bis zum Jahr 350 n. Chr. zurückgehen; einzelne kurze Abschnitte, die auf Papyrus geschrieben sind, reichen allerdings nahe bis an den Beginn des 2. Jahrhunderts heran.. Der Koran jedoch ist spätestens 15-20 Jahre nach dem Tod seines Verfassers in die endgültige, wörtlich, ja buchstäblich gesicherte und unverändert überlieferte Form gebracht worden“ (Koran und Bibel, S. 6-7, Calwer Hefte 1963).

Für seine unermüdliche Forschungsarbeiten zu den Heiligen Schriften, kam der französische Wissenschaftler Maurice Bucaille zu der Erkenntnis, dass nur der Koran über Jahrhunderte hinweg, zu hundert Prozent einwandfrei erhalten geblieben ist. Bucaille veröffentlichte seine Studie nach zehn jähriger Arbeit unter dem Titel „Bibel, Koran und Wissenschaft, die Heiligen Schriften im Licht moderner Erkenntnisse“. So schrieb er unter der Überschrift „Der Koran und die moderne Wissenschaft“:

Nun, es konnte keinen Zweifel geben: der Text des Koran, den wir heute besitzen, ist sehr wohl der von damals“ (Bibel, Koran und Wissenschaft, S. 131).

Ein anderer Punkt, den nicht- muslimische Autoren immer wieder publizieren, ist die angebliche Unvollständigkeit des Korantextes. So heißt es: „Gegen die autoritative Version (des Koran) erhoben die Schiiten den Vorwurf, Uthman (gest. 656) habe Verse aus dem Koran ausgeschlossen, die für Ali, den Schwiegersohn Muhammads, als Kalifen sprachen“ (Was jeder vom Islam wissen muss, S. 15).

Bemerkenswerterweise werden zu dieser Sichtweise keine Quellen dargeboten. Wie sehen und beurteilen denn die schiitischen Gelehrte darüber? War für sie der Koran zu Lebzeiten des Propheten tatsächlich um einiges umfangreicher als der Text von heute? Welche Position vertreten zeitgenössische schiitische Geistliche dazu?

Einer der grössten schiitischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts, Allame Tabatabai (gest. 1981) nahm zu den oben aufgeführten Vorwurf Stellung: “ Für den vierten Kalifen Ali (gest. 661) war der Koran absolut authentisch zusammengetragen. Er entzündete auch keine Opposition von der von Uthman erstellten Korankopien. Weder Ali (r) noch seine Familie (Ahlu Bayt) hatten je Einwände gegen den zusammengetragenen Text gehabt“ (siehe hierzu: El-Quran fi´l -Islam, S. 137, Beyrut 1978).

Ein anderer wichtiger Mufassir (Korangelehrter) und Zeitgenosse von Tabatabai, Murtaza Mohtahari (gest. 1979) bekräftigte noch einmal die Unversehrtheit des Korantextes, in dem er schrieb: „Obwohl viele Jahrhunderte seit seiner Entstehung vergangen sind, ist der Koran bis heute unversehrt geblieben (Kuran üzerine, S. 22, Teheran, 1984).

Gegen alle Verdächtigungen spricht insbesondere, dass Ali (r) als 4. Kalif die Macht gehabt hätte, Korrekturen am Koran anzuordnen; dass er dies nicht tat, zeigt, wie überzeugt er von der Vollständigkeit der Abu Bakr-Uthman’schen Fassung war (Koran, Murad Wilfried Hofmann, S. 28).

Hatte der Koran denn nicht prophezeit: „Wahrlich, Wir sandten die Ermahnung herab, und Wir wollen fürwahr ihr Bewahrer sein“ (15:9).

Vollkommen ist das Wort deines Herrn in Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Es gibt niemandem, der Seine Worte abändern könnte“ (6:115).

 

 

 

 

 

 

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