Kommen nur Muslime ins Paradies?

von Ecevit Polat am 30. April 2012

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Am 14.10.2010 trat der salafistische Prediger Pierre Vogel in der Sendung “Johannes B. Kerner” auf und äußerte sich vor vielen Millionen Menschen auf die Frage des Moderators, ob er als Christ ins Paradies käme, mit einer klaren Gewissheit, „dass nur Muslime ins Paradies gelangen können und er als Christ ganz bestimmt in die Hölle kommen würde“.
Es scheint, als würden  Pierre Vogel und seine salafistischen Gleichgesinnten das Paradies nur für die Muslime gepachtet zu haben. Sie stützen sich hauptsächlich auf den folgenden Koranvers: “Wer eine andere Religion als den Islam will, sie soll von ihm nicht angenommen werden, und im Jenseits wird er verloren sein“ (Koran 3:85).

In den meisten deutschen Koran-Übersetzungen wird der Begriff  ”Islam” nicht übersetzt, sondern es wird beim arabischen Wortlaut belassen. So kann der Eindruck erweckt werden, der Islam sei eine abgeschlossene Institution einer bestimmten Gemeinschaft. Dass dies möglicherweise nicht so ist, wird in unzähligen Koranversen deutlich. Selbst die Jünger von Jesus (a) verstanden sich als Muslime, in dem sie sagten: “Bezeuge du, dass wir uns Gott ergeben haben (bi-anna muslimun)“ (Koran 3:52). Noch deutlicher vermittelt der Koran in 2:136, dass alle Gesandte und Propheten Gottergebene (arabisch: muslimun) waren: “Sagt: Wir glauben an Gott und an das, was uns von droben erteilt worden ist, und das, was Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und ihren Nachkommen erteilt worden ist, und das, was Moses und Jesus gewährt worden ist, und das, was allen (anderen) Propheten von ihrem Erhalter gewährt worden ist: Wir machen keinen Unterschied zwischen irgendeinem von ihnen. Und Ihm ergeben (muslimun) wir uns.“
Muhammad Asad (gest. 1992) war einer der ersten Pioniere gewesen, der die maßgeblichen Begriffe wie “Islam” und “Muslim” richtig als “Hingabe” oder einer “der sich Gott ergibt” übersetzte (Koran 3:85).
Deshalb kann der Koranvers:  ”Wer eine andere Religion als den „Islam“ will, sie soll von ihm nicht angenommen werden, und im Jenseits wird er verloren sein” nur so dem arabischen Original gerecht werden: “Und wer folgt einer anderen Religion als der „Ergebung“, von dem wird nichts angenommen und im Jenseits ist er unter den Verlierern“ (Übersetzung nach Ahmad Milad Karimi, Herder Verlag 2009).

Im Hadith-Kompedium von Muslim (gest. 875) wird eine Überlieferung tradiert, wonach der Prophet Muhammad (s) folgendes gesagt haben soll: „Bei Dem, in Dessen Hand die Seele Muhammads ist, jeder Mensch, ob Jude oder Christ, der von mir hört und stirbt, ohne an das zu glauben, womit ich gesandt wurde, wird ein Bewohner des Höllenfeuers sein“ (Sahih Muslim, Hadith Nr. 153, zitiert aus: Botschaft des Islam, Abdul-Rahman Alsheha, S. 62).

Nach dieser Überlieferung – die gerne auch im Diskurs über die Hölle und das Paradies von nicht wenigen Muslimen in Debatten mit Andersgläubigen zitiert wird, kann niemand nach dieser Überlieferung ins Paradies gelangen, der weder an die Prophetenschaft Muhammads, noch an die letzte Offenbarung glaubt.

Der türkische Theologe und Autor einer zwölf bändigen Koranexegese Süleyman Ates ist der Ansicht, dass alle Menschen ins Paradies kommen können, sobald sie 1. an Gott glauben, 2. an den Tag des Jüngsten Gerichts und 3. das Gute tun: “Wahrlich, jene, die Glauben (an die göttliche Schrift) erlangt haben, wie auch jene, die dem jüdischen Glauben folgen, und die Christen und die Sabier – alle, die an Gott und den Letzten Tag glauben und rechtschaffene Taten tun, die haben gewiss ihren Lohn bei ihrem Erhalter, und keine Furcht brauchen sie zu haben, noch sollen sie bekümmert sein“ (Koran 2:62 und 5:69).

Die wichtigste Voraussetzung für Prof. Ates ist, dass man Gott nichts beigesellt, also auch Jesus (a) nicht als Gottes leiblichen Sohn vergöttert (Yüce Kuranin Cagdas Tefsiri, Bd. 1, S. 174).

Im Jahre 1989 veröffentlichte nun Süleyman Ates einen Aufsatz mit dem Titel „Keiner besitzt ein Monopol auf das Paradies“ in der bekannten islamwissenschaftlichen Zeitschrift „Islami Arastirmalar“. Hierin wollte er das Thema noch ausführlicher behandeln als in seinem Tafsir- Werk, jedoch mit dem gleichen Ergebnis. Kurz nach der Erscheinung des Artikels wurde Ates sowohl unter seinen Kollegen als auch in den Medien als Ketzer denunziert. Selbst sein jahrelanger Freund Prof. Talat Kocyigit kritisierte den Artikel und publizierte in der gleichen Fachzeitschrift eine Gegenposition mit der Überschrift „Die Muslime besitzen ein Monopol auf das Paradies“ (Talat Kocyigit, Cennet mü´minlerin Tekelindedir, 1989, S. 85-94).

Als Antwort darauf veröffentlichte Prof. Ates noch einmal in der gleichen Zeitschrift einen Fachartikel mit dem polemischen Titel „Ein Paradies Monopolist“ (Cennet Tekelcisi mi? 1990, S. 29-37).

Ates beschuldigte daraufhin seinen Kollegen Kocyigit, dass er genau wie die Schriftbesitzer mit der selben Argumentationsweise vorgehe (siehe dazu die Zusammenfassung in: Islamische Tradition und neue Ansätze in Süleyman Ates´s „zeitgenössischem Korankommentar“, S. 223-244), wohingegen ausgerechnet diese Herangehensweise vom Koran doch explizit missbilligt wird: „Und sie sprechen: «Keiner soll je in den Himmel eingehen, er sei denn ein Jude oder ein Christ.» Solches sind ihre eitlen Wünsche. Sprich: «Bringt her euren Beweis, wenn ihr wahrhaftig seid.» Nein, wer sich gänzlich Gott unterwirft und Gutes tut, ihm wird sein Lohn bei seinem Herrn. Keine Furcht soll auf solche kommen, noch sollen sie trauern“ (Koran 2: 111-112).

Unterstützung erhielt Ates von dem renommierten Islamgelehrten Prof. Hayreddin Karaman. Auch nach Karaman können Juden und Christen ins Paradies gelangen. Die Bedingung hierfür sei, dass nur Gott angebetet wird und Jesus (a) genauso wie die anderen Propheten nicht vergöttert sondern geehrt werden soll (Itikadi Meseleler, S. 40, 2010).

Ein anderer zeitgenössischer Theologe und Inhaber des Lehrstuhls der Universität von Istanbul Prof. Abdulaziz Bayindir, vertritt eine andere Sichtweise als Ates und Karaman. Alle Nichtmuslime, die nicht unmittelbar den Koran in ihrer eigenen Sprache gelesen und reflektiert haben, können nicht zur Verantwortung im Jenseits gezogen werden. Das hieße im Klartext, dass auch sie ins Paradies gelangen können, sobald sie die drei folgenden Eigenschaften 1. an Gott glauben, 2. an das Jenseits glauben und 3.  rechtschaffene Werke verrichten. Jene aber, egal ob Jude oder Christ, die sich intensiv und eingehend mit dem Koran beschäftigt haben und weiterhin nicht an den letzten Propheten Muhammad (a) und den Koran als eine göttliche Schrift glauben, werden nach Prof. Bayindir vom Paradies kategorisch ausgeschlossen (Dogru Bildigimiz Yanlislar, S. 62-63, 3. Auflage).

Der islamische Koranexeget und Buchautor Ihsan Eliacik, vertritt sogar eine dritte unkonventionelle Ansicht. Für ihn sind die Koranverse: “Wahrlich, jene, die Glauben (an die göttliche Schrift) erlangt haben, wie auch jene, die dem jüdischen Glauben folgen, und die Christen und die Sabier – alle, die an Gott und den Letzten Tag glauben und rechtschaffene Taten tun, die haben gewiss ihren Lohn bei ihrem Erhalter, und keine Furcht brauchen sie zu haben, noch sollen sie bekümmert sein“ (Koran 2:62) ausschlaggebend dafür, dass alle Menschen die an 1. Gott glauben, 2. an das Jenseits glauben und 3. Gutes tun, ungeachtet ihrer Herkunft und Religion ins Paradies kommen werden: “Denn die Hölle und das Paradies stehen unter keinem Monopol der Menschen, so Eliacik in seinen Ausführungen (Ihsan Eliacik, Yasayan Kuran, S. 677-678).

So würden letztendlich alle Juden, Christen, Muslime aber auch Menschen anderer Religionsgemeinschaften ins Paradies kommen, sofern sie oben im Vers die in der Reihenfolge beschriebene drei grundlegende Glaubensinhalte praktiziert werden.

In Anlehnung auf die klassischen Korankommentatoren und dem oben zitierten Koranvers (2:62) ist Prof. Hans Zirker jedoch der Meinung, dass nicht alle Juden und Christen entsprechend gewürdigt werden. Dabei würden ausschließlich nur die Christen ins Paradies gelangen, die vor der Prophetie Muhammads gelebt haben, das heißt, in dem Zeitraum zwischen Jesu Tod und dem Erscheinen Muhammads, als keine Propheten auftraten: „Die meisten islamischen Kommentare verstehen auch diese Verse wiederum so, dass „die Leute der Schrift“, Juden, Christen und Sabier (vermutlich eine Gemeinschaft, die sich auf Johannes den Täufer bezog) zuvor der Verkündigung Mohammeds gefolgt sein müssen, wenn sie am Ende derart für ihren Glauben und ihre guten Taten belohnt werden- falls sie nicht einer früheren Zeit angehörten und deshalb nur vergangenem Propheten gehorsam sein konnten. Nach dieser im Gesamtzusammenhang des Koran überzeugenden Deutung werden hier also nicht all die Juden und Christen gewürdigt, die weiterhin eine eigene Religionsgemeinschaft bilden und sich dem muslimischen Bekenntnis verweigern; diese sind Ungläubige“ (Hans Zirker, Der Koran, Zugänge und Lesarten, S. 136-137, Ausgabe Darmstadt 1999).

Die Schlussfolgerung von Hans Zirker wird von dem Korangelehrten Ali Ünal unzweideutig unterstrichen. Man dürfe nach Ünal unter keinen Umständen aus dem obigen Koranvers 2:62 schlussfolgern, das ewige Heil erlangen zu können, ohne gleichzeitig an den Propheten Muhammad und dem von ihm aufgezeigten Weg zu folgen (Ali Ünal, Der Koran und seine Übersetzung, S. 57, Fontäne Verlag 2009).

Daraus wäre zu entnehmen, dass der Koran die vorangegangene Heilige Schriften (Bibel) außer Kraft, sprich derogiert haben soll, weshalb das Festhalten an diese Religionen keinen Bestand mehr haben kann.

Bemerkenswerterweise wurde aber nach dem Vers 2:62 noch ein weiterer Koranvers 5:69 offenbart, der sich inhaltlich in seinen Kernaussagen deckt: „Gewiss, diejenigen, die glauben, und diejenigen, die dem Judentum angehören, und die Sabier und die Christen,- wer (immer) an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und rechtschaffen handelt,- über die soll keine Furcht kommen, noch sollen sie traurig sein.“ Nach einer Überlieferung von Aisa, der Gattin des Propheten und ibn Omar, soll die Sure 5 die letzte geoffenbarte Sure schlechthin gewesen sein, womit der Koran seinen endgültigen Abschluss fand (Mustafa Islamoglu, Hayat Kitabi Kuran, S. 188, 2. Auflage 2008).

Wenn die Gültigkeit der Bibel komplett außer Kraft gesetzt werden sollte, weshalb betont der Koran in seiner Endphase nochmals den Bezug übergreifend auf das Heil der Juden und Christen hin?

Für den Islamwissenschaftler und Koranübersetzer Prof. Hartmut Bobzin, habe der Koran die Bibel nicht außer Kraft gesetzt. Im Gegenteil, der Koran bestätige offenkundig das Alte und Neue Testament als Gottes kontinuierliche Offenbarung (Der Koran, S. 67).

Als Belegstellen werden folgende Koranverse aufgeführt:„Wahrlich, Wir hatten die Thora, in der Führung und Licht war, hinabgesandt. Damit haben die Propheten, die sich (Gott) hingaben, den Juden Recht gesprochen, und so auch die Rabbiner und die Gelehrten; denn ihnen wurde aufgetragen, das Buch Gottes zu bewahren, und sie waren seine Hüter“ (5:44).

Wir ließen ihnen Jesus, den Sohn der Maria, folgen; zur Bestätigung dessen, was vor ihm in der Thora war; und Wir gaben ihm das Evangelium, worin Rechtleitung und Licht war, zur Bestätigung dessen, was vor ihm in der Thora war und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen.Und die Leute des Evangeliums sollen sich nach dem richten, was Gott darin offenbart hat; und die sich nicht nach dem richten, was Gott herabgesandt hat, das sind die (wahren) Frevler“ (Koran 5:46-47).

Und Wir haben das Buch mit der Wahrheit zu dir herabgesandt, das bestätigt, was von der Schrift vor ihm da war und darüber Gewissheit gibt; richte also zwischen ihnen nach dem, was Gott herabgesandt hat und folge nicht ihren Neigungen (der Götzendienern), von der Wahrheit abzuweichen, die zu dir gekommen ist. Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins wart“ (5:48).

Siehst du nicht jene, welche sich selber für rein halten? Gott aber läutert, wen Er will. Und es soll euch nicht um ein Fädchen vom Dattelkern Unrecht geschehen“ (4:49).

Siehe, die Muslime und die Juden und die Sabäer und die Christen und die Magier und die Polytheisten – Gott wird gewiss am Tage der Auferstehung zwischen ihnen entscheiden“ (Koran 22:17).

Der iranische Gelehrte Mehdi Bazargan (gest. 1995) erläutert den Vers 5:69 dahingehend, dass man nicht ausschließlich ein Muslim sein muss, um den Eintritt ins Paradies gewährt zu bekommen: „Er (der Vers 5:69) beschwört die Toleranz gegenüber anderen Religionen und monotheistischen Denkschulen. Er weist auf ein Minimum an Prinzipien hin- der Glaube an Gott und den Jüngsten Tag sowie das Verrichten guter Werke- die anerkannt werden können, ohne dass man Muslim im engeren Sinne wird (Mehdi Bazargan, und Jesus ist sein Prophet, S. 75).

Versichert der Koran denn nicht: „ Meine Barmherzigkeit hat alles umschlossen“ (Koran 7:156). 

 

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