Der Koran und die Gläubigkeit der Christen

von Ecevit Polat am 4. Juni 2012

Es gibt viele Gemeinsamkeiten in der Religion zwischen den Christen und Muslimen. Zum Beispiel der fundamentale Glaube an Gott, das Jenseits und an Himmel und Hölle. Freilich bekennen sich beide zum Monotheismus. Seit Jahrhunderten spricht jedoch ein Teil der Muslime den Christen den monotheistischen Glauben ab, da die Anhänger des Christentums neben den Schöpfer auch Jesus (a) anbeten. Deshalb betreiben sie aus dieser Perspektive Vielgötterei. Als Belegstellen führen sie zwei grundlegende Koranverse 5:73-74 an, die oft in Diskussions- und Dialog-Veranstaltungen von seitens der Muslime gerne angeführt werden. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet beide Koranverse sich in der fünften Sure al-Maida (der Tisch) befinden. In der Sure „Tisch“ wird unter anderem auch das letzte Abendmahl von Jesus (a) und seinen Jüngern berichtet, welches natürlich für die Christen von grundlegender Bedeutung ist.

So heißt es im Koran: „Als die Jünger sagten: „O Jesus Sohn der Maria, ist dein Herr imstande, uns einen Tisch (mit Speisen) vom Himmel herabzusenden?“ sagte er: „Fürchtet Gott, wenn ihr Gläubige seid“ (5:112).

Der Koran wendet sich in unzähligen Verse an die Juden und Christen mit dem Begriff „ahl al-kitab“, was soviel  wie Leute des Buches bedeutet, oder auch Anhänger früherer Offenbarung.

Die Koranverse, die eine harsche Kritik an das Fundament des Christentums üben, lauten wie folgt:

„Wahrlich, ungläubig sind diejenigen, die sagen: „Allah ist der Messias, der Sohn der Maria„, während der Messias doch selbst gesagt hat: „O ihr Kinder Israels, betet zu Allah, meinem Herrn und eurem Herrn.“ Wer Allah Götter zur Seite stellt, dem hat Allah das Paradies verwehrt, und das Feuer wird seine Herberge sein. Und die Frevler sollen keine Helfer finden.

Wahrlich, ungläubig sind diejenigen, die sagen: „Allah ist der Dritte von dreien„; und es ist kein Gott da außer einem Einzigen Gott. Und wenn sie nicht von dem, was sie sagen, Abstand nehmen, wahrlich, so wird diejenigen unter ihnen, die ungläubig bleiben, eine schmerzliche Strafe ereilen 5:72-73)“.

In den oben aufgeführten Versen werden zwei Sichtweisen vom Koran diametral zurückgewiesen. Die eine Ansicht ist die biologische Verwandtschaft von Jesus (a) als Sohn Gottes  im wörtlichen Sinne. Die andere wiederum der Glaube an die Trinitätslehre.

Gelten pauschal alle Christen nach dem Koran als Ungläubige, die diese Weltanschauung vertreten?

Wird der Begriff „Kafir“ in den Koran-Übersetzungen mit „Unglaube“ richtig übersetzt? Kafir wird wie „Muslim“ oftmals benutzt, um mit einem Sammelbegriff alle Nicht-Muslime zu bezeichnen. Nichts könnte irreführender sein. Der Koran verwendet den Ausdruck Kafir nur für die Beschreibung eines Menschen, der den Glauben bewusst ablehnt. Dies ist ein Mensch, der zwar versteht, dass die koranische Botschaft wahr ist, sich aber dennoch zu glauben weigert. Eine Seele, die die Wahrheit überdeckt, obwohl sie diese erkannt hatte, befindet sich im Zustand eines Kafirs (ungläubigen), so der Islamwissenschaftler Sohaib Sultan zum Begriff Kafir (Der Koran für Dummies, S. 211).

Der österreichische Korangelehrte Muhammad Asad, erkannte früh die unzureichende Wiedergabe des Begriffs „Kafir“. So übersetzte Asad die maßgeblichen Stellen folgendermaßen: „Führwahr, die Wahrheit leugnen (kafara) diejenigen, die sagen: Siehe, Gott ist der Christus, Sohn der Maria,,“ (5:72). Oder: Fürwahr, die Wahrheit leugnen (kafara)  diejenigen, die sagen: Siehe, Gott ist der Dritte einer Trinität.. (5:73).

Bereits im Mittelalter disputierte der Bischof und Koran-Kenner Elias von Nisibis (gest. 1046), mit dem Wesir Abu l-Qasim al Husain b. Ali al-Magribi (gest. 1027) über zentrale Themen wie dem Monotheismus. In ihrem dritten Sitzungsgespräch, welches erstmals von Prof. Abdullah Takim ins Deutsche übersetzt wurde, führen sie folgenden Diskurs: „Am ersten Dienstag des sechsten Monats des muslimischen Jahres begab ich (Elias von Nisibis) mich zur Sitzung des Wesirs. Er sagte mir: Ich habe über das, was du bezüglich der Vorstellung des Monotheismus der Christen gesagt hast, nachgedacht und es gebilligt. Daraufhin habe ich im erhabenen Koran nachgesehen und gefunden, dass das folgende Wort Gottes „Ungläubig sind diejenigen, die sagen: ,,Gott ist der Dritte von dreien“. (al-Maida 5:73) den Christen den Monotheismus abspricht. Der Koran charakterisiert an vielen Stellen die Christen als Gläubige, die Gott Partner zugesellen (sirk).

Ich (Elias) sagte: Gott möge den Wesir stärken. Das, was im Koran vorkommt, zwingt mich nicht (anzuerkennen, dass die Christen Gott Partner zugesellen). Obwohl dies mich nicht zwingt, werde ich aus dem Koran Beweise dafür anführen, dass die Christen Monotheisten sind. So sehen wir, dass der Koran die Christen manchmal als Monotheisten und manchmal als Polytheisten charakterisiert. Wenn die Sache sich so verhält, dann befinden sich im Koran entweder Widersprüche oder aber der Koran charakterisiert eine Gruppe von Christen als Monotheisten und eine andere Gruppe von ihnen als Polytheisten. Ich glaube nicht, dass unter den Muslimen, Gott behüte sie, Gläubige vorhanden sind, die behaupten, dass im Koran Widersprüche existieren. So folgt daraus, dass der Koran, wenn er Christen als Monotheisten bezeichnet, nur eine bestimmte Gruppe von Christen charakterisieren will, während mit der Bezeichnung Polytheisten eine andere Gruppe unter den Christen gemeint ist. Was die Monotheisten betrifft, deren Monotheismus durch den Koran bezeugt wird, so wissen wir, dass sie die Einzigkeit Gottes bekunden. Wir, dass heißt die Nestorianer, Jakobiten, Melkiten und diejenigen von den Christen, die unserem Weg folgen, gehören zu diesen Monotheismus. Was die Polytheisten von den Christen betrifft, so gibt es verschiedene Gruppen unter ihnen, die das Christentum nachahmen: wie die Markioniten, Bardesaniten, Manichäer und die Trituniya, das heißt die Tritheisten und andere, die sich zwar dem Christentum zurechnen, aber in Wirklichkeit davon sehr weit entfernt sind (Islamische Tradition und neue Ansätze in Süleyman Ates´s „Zeitgenössischem korankommentar“, S. 249-250).

Für den katholischen Theologen Hans Küng ist das gegenwärtige Bild von Jesus im Christentum historisch nicht zu decken. Die koranische Christologie sei hingegen zur biblischen authentischer. So ist Küng der Ansicht: „Nur an einer Stelle im ganzen Neuen Testament wird klar bejaht, dass Vater, Sohn und Geist „eins“ sind (vgl. 1 Jo 5,7.), und gerade diese Stelle findet sich in den alten Handschriften des Neuen Testaments nicht; sie ist nämlich- wiewohl in ihrer Authentizität von der römischen Glaubenskongregation noch um die Jahrhundertwende verteidigt-heute allgemein als Fälschung erkannt: entstanden im 3. oder 4. Jahrhundert in Nordafrika oder Spanien.. Dieser jüdische Jesus (a) dachte sowenig wie heute ein Muslim daran, den Glauben an den einen Gott- das erste Gebot! aufzulockern. „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott allein“, war seine Reaktion auf die Anrede „Guter Meister“ (Mk 10,17). Den Titel Gottessohn hat er- darin stimmt heute historisch-kritische Exegese überein- für sich nicht gebraucht (siehe hierzu: Christentum und Weltreligionen, S. 172-173).

Der Koran unterscheidet in mehreren Stellen zwischen den „Polytheisten“ als solche und den „Leuten des Buches“. In Sure 5 Vers 5 wird dies deutlich hervorgehoben: „Heute sind euch alle guten Dinge erlaubt. Und die Speise derer, denen die Schrift gegeben wurde, ist euch erlaubt, wie auch eure Speise ihnen erlaubt ist. Und ehrbare gläubige Frauen und ehrbare Frauen unter den Leuten, denen vor euch die Schrift gegeben wurde, wenn ihr ihnen die Brautgabe gebt, und nur für eine Ehe und nicht für Unzucht und heimliche Liebschaften“. Jedoch ist die Heirat mit Polytheisten strikt verboten. So heißt es im Koran 2:221: „Und heiratet nicht polytheistische Frauen, bis sie gläubig geworden sind“.

Das nicht alle Christen gleich zu bewerten sind, wie oben Elias von Nisibis dargelegt hat, wird im Koran explizit angemahnt: „Sie sind aber nicht (alle) gleich. Unter den Leuten der Schrift gibt es (auch) eine Gemeinschaft, die stets die Verse Gottes zur Zeit der Nacht verlesen und sich dabei niederwerfen. Diese glauben an Gott und an den Jüngsten Tag und gebieten das, was Rechtens ist, und verbieten das Unrecht und wetteifern in guten Werken; und diese gehören zu den Rechtschaffenen. Und was sie an Gutem tun, wird ihnen niemals bestritten; und Gott kennt die Gottesfürchtigen“ (3:112-115).

Der Koranexeget Prof. Bayraktar Bayrakli schreibt dazu: „Man darf niemals über die Juden und Christen verallgemeinert reden. Auch gibt es unter ihnen gläubige und nicht-gläubige Menschen. Der Vers verdeutlicht klar, dass die „Leute des Buches“ in ihren Gebeten die Bibel und nicht den Koran  rezitierten (Yeni bir anlayisin isiginda Kuran Tefsiri, Bd. 4, S. 326-327).

 

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