Ist der Prophet Mohammed eine Fiktion oder eine historische Persönlichkeit?

von Ecevit Polat am 17. Juni 2012

Für eine Gruppe von westlichen Islamwissenschaftlern steht eines fest, dass der Prophet des Islam eine legendäre Konstruktion sei, die hauptsächlich im 9. und 10. Jahrhundert erfunden worden ist. Diese gehen sogar soweit und behaupten, dass Mohammed (a) nur eine Phantasie der Araber sei (siehe hierzu: Mohammed, Rainder Brunner, S. 32-38).

Einer der intensivsten Vertreter dieser These in Deutschland ist der in Saarbrücken lehrender Professor Karl Heinz Ohlig. Mit seinem aus dem Jahre 2005 erschienenen Buch “Die dunklen Anfänge“, wurde eine heftige und lang andauernde Diskussion unter den Fachleuten entbrannt (vgl. Bild Mohammeds ist ein Konstrukt, Joachim Frank, 18.11.08 Kölner Stadt-Anzeiger).

Ohlig schrieb in seinem Pamphlet folgendes: „Die ersten beiden islamischen Jahrhunderte liegen im Dunkel der Geschichte,und es bleibt unerklärlich, wieso die Bildung islamischer Großreiche keine Zeugnisse hinterlassen haben soll, noch nicht einmal bei den Gegnern der Araber, den viel schreibenden Byzantinern, oder bei Juden und Christen unter angeblich islamischer Herrschaft(Die dunklen Anfänge. Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, Berlin 2005).

Auch über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus wird das Thema ausführlich disputiert. Die zwei Wissenschaftler und Publizisten, Yehuda D. Nevo und Judith Koren, gehen in ihrem Buch „Crossroads to Islam“ aus dem Jahre 2003 sogar so weit, Mohammed (s) als historische Figur infrage zu stellen: „Mohammed (s) ist keine historische Figur und seine Biografie ist ein Produkt der Zeit [9. Jahrhundert], in der sie geschrieben wurde“.

Gab es den Propheten des Islam tatsächlich nur als eine Fiktion des 9. Jahrhunderts? Was sagen die Primärquellen dazu? Kann das Wirken des Propheten mit schriftlichen Quellen nachgewiesen werden?

Murad Wilfried Hofmann stellt einen Vergleich zwischen der historischen Überlieferung der Bibel und der Quellenlage über die Geschichtlichkeit Muhammeds (s) dar: „Wegen der äußerst prekären Quellenlage des Neuen Testaments gilt es heute auch unter christlichen Theologen als aussichtslos, die konkrete Geschichtlichkeit von Jesus zu beweisen; vom verkündeten Jesus weiß man viel, vom verkündeten Jesus wenig. Im Gegensatz dazu sind Leben und Wirken Muhammads (s) in allen Einzelheiten dokumentiert. Über keine Persönlichkeit der Spätantike weiß man so gut Bescheid wie über ihn(Murad Wilfried Hofmann, Islam, S. 17-18).

Die wichtigste Quelle zum Diskurs über die Historizität des Propheten, bietet zweifelsohne die heilige Schrift des Islam. Im Koran wird Mohammed (s) insgesamt namentlich viermal erwähnt. Wie z. B. in der Sure al-Fath Vers 29: „Muhammad ist der Gesandte Gottes“ oder in der Sure al-Azhab, Vers 40: „Muhammad ist nicht der Vater eines eurer Männer, sondern der Gesandte Gottes und der letzte aller Propheten, und Gott besitzt die volle Kenntnis aller Dinge“.

Die oben aufgeführten Koranverse implizieren ohne Zweifel einen Gesandten Gottes, mit dem Namen Mohammed (S). Der Katholische Gelehrte und Koran-Übersetzer Prof. Hans Zirker, musste nach jahrzehntelanger Forschung zum Koran folgendes feststellen: „Doch spricht vieles dafür, dass dieses Buch (der Koran) die authentischen, von Mohammed vorgetragenen Texte enthält(Der Koran. Zugänge und Lesarten, S. 41). Auch der katholische Islamologe Louis Gardet (1904-1986) kommt wie Zirker zum selben Ergebnis. In der deutschen Erstveröffentlichung aus dem Jahre 1961 heißt es: „Der Text des Koran ist, entsprechend der arabischen Schrift, in den Konsonanten unveränderlich(Louis Gardet, der Islam, S. 19).

Die erste Biografie über den Propheten verfasste Ibn Ishaq (704-767) mit dem Titel: „Das Leben des Propheten“ etwa hundert Jahre nach dem Tod des Gesandten. Prof. Gernot Rotter übersetzte diese älteste erhalten gebliebene Biografie von Ibn Ishaq ins Deutsche. Bereits im Vorwort zu der ersten Auflage im Jahre 1976, schrieb Rotter: „Der eigentliche Text, wie er uns noch heute vorliegt, ist demnach etwa 120 Jahre nach Mohammeds Tod von Ibn Ishaq niedergeschrieben bzw. diktiert worden. Aus unabhängigen Vergleichszitaten ergibt sich außerdem, dass auch Ibn Ishaq den weitaus überwiegenden Teil seines Materials oft wörtlich von seinen Lehrern übernommen hat und somit die Berichte bereits im ersten islamischen Jahrhundert teils schriftlich, teils mündlich in Umlauf waren. So hatte sein von ihm häufig zitierter Lehrer Zuhuri (gest. um 742) bereits ein- heute verlorenes Buch über die Schlachten des Propheten geschrieben, und das gleiche trifft wahrscheinlich auf seinen Zeitgenossen Asim ibn Umar zu. Eine weitere Hauptquelle Ibn Ishaqs, Urwa ibn Zubair (gest. 712), ein Großneffe der ersten Frau des Propheten und möglicherweise der Begründer der Propheten-Biografie überhaupt, führt uns in noch frühere Zeit (Das Leben des Propheten, Ibn Ishaq, S. 13-14).

Die international anerkannte Religionswissenschaftlerin und Bestseller Autorin Karen Armstrong, kommt nach langjähriger historisch-kritischer Forschung über das Leben Mohammeds (s), zu der folgenden Schlussfolgerung: „Schon in der klassischen islamischen Periode haben vier bedeutende Historiker Biografien über ihn geschrieben. Muhammed ibn Ishaq (704-767), Muhammed ibn Sad (gest. 845), Abu djafar al-Tabari (gest. 923) und Muhammed ibn Umur al-Waqidi (gest. 820). Es sind entscheidende Quellen für jede Biografie Muhammeds. Die Historiker bezogen sich auf mündliche Überlieferungen, die von den ersten Gefährten des Propheten späteren Generationen weitergegeben wurden. Im 9. Jahrhundert überprüften Historiker wie Muhammad ibn Ismail al-Buchari und Muslim ibn al-Hijjaj al-Qushayri sorgsam die Herkunft jeder einzelnen Überlieferung (hadith), um sicherzustellen, dass sie auch verlässlich dokumentiert war (Muhammad, Karen Armstrong, S. 56-57).

Der muslimische Gelehrte Prof. Muhammed Hamidullah veröffentlichte die „sechs Original diplomatischen Briefe“ des Propheten. Darin wandte sich der Prophet an die umgebenden Herrscher. Interessanterweise lassen sich alle sechs diplomatischen Briefe direkt auf den Propheten zurück führen. Die originalen Manuskripte werden mit Kopien vollständig angegeben, so auch gegenüberstellend die Übersetzung. Umfangreich werden zudem die Aufenthaltsorte der erhalten gebliebenen Manuskripte ausführlich aufgelistet.

Hamidullah bedauert in seiner Studie: „Von den über hundert Briefen des Propheten, sind uns heute nur sechs davon vollständig erhalten geblieben(Hz. Peygamberin Alti Orijinal Diplomatik Mektubu, S. 61).

Die christlichen Chronisten berichteten bereits umfangreich und detailliert im 7. Jahrhundert über die Ereignisse der neuen aufstrebenden Religion des Islam und den Propheten (siehe hierzu: Chronique dite de Fredegaire, Bd. 4, S. 66. J.-M. Wallace- Hadrill).

Alfred Hackensberger ist der Meinung, dass die Debatte hauptsächlich ideologisch geführt wird und vermisst deshalb eine sachlich fundierte Auseinandersetzung mit solch einem heiklen Thema. So Hackensberger: „Christliche Fundamentalisten hätten sicherlich ihre Freude daran, die Hauptfigur der islamischen Religionsgeschichte zu demontieren und ihr Christentum wissenschaftlich als die einzig wahre Religion zu beweisen(Lexikon der Islam-Irrtümer, S. 216).

Auf die Anfrage, ob Mohammed (s) existiert habe, gab der Theologie Professor Tilman Nagel folgende Antwort: Es gibt zu Mohammed außerordentlich umfangreiche, voneinander unabhängige zeitgenössische Quellen – viel mehr als etwa über Jesus. Wären sie alle Fiktion, hätte es zur damaligen Zeit eine Art „Reichsschrifttumkammer“ geben müssen, die alle Quellen gemäß dieser Fiktion frisiert hätte. Eine absurde Vorstellung! Wenn Sie die Existenz Mohammeds aufgrund der Quellenlage bezweifeln wollten, müssten Sie dasselbe mit Blick auf Caesar, Karl den Großen oder jede andere historische Figur tun (Bild Mohammeds ist ein Konstrukt, Joachim Frank, 18.11.08 Kölner Stadt-Anzeiger).

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