Feindbild Islam?

von Ecevit Polat am 30. Juni 2012

Muslime stellen immer wieder unwillkürlich fest, dass nach dem 11. September „alles anders sei“ als zuvor. Auch suggerieren Islamkritiker, dass Muslime allein schon durch ihre Anwesenheit, einen Fremdkörper in Deutschland bilden. Sie wären allein von ihrem Glauben her, nicht in die Mehrheitsgesellschaft integrierbar (Siehe hierzu: Raddatz, Allahs Frauen, S. 173-188).

In der weltweit größten Studie von Gallup wurden sechs Jahre lang in über 35 muslimischen Ländern zehntausende Muslime interviewt. Das Ergebnis dieser Studie ist, dass die absolute Mehrheit der Befragten zu Antwort gaben, dass der 11. September die Beziehung der Mehrheitsgesellschaft zu ihnen maßgeblich negativ beeinflusst hat (vgl. „Was Muslime wirklich denken“, John Esposito, Dalia Mogahed, S. 149-180).

Erstaunlicherweise lässt sich auch bei einigen renommierten Journalisten beobachten, dass ihre Grundeinstellung und Beziehung zum Islam nach den Terroranschlägen an das World Trade Center nachhaltig verschlechtert hat. Der deutsche Schriftsteller und Muslim Murad Wilfried Hofmann beobachtet dieses Phänomen seit geraumer Zeit folgendermaßen: „Typisch dafür ist auch der Wandel des Islamwissenschaftlers der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Wolfgang Günter Lerch, von einem einsichtigen Beobachter der islamischen Welt zu einem panischen Warner vor dem Islam. In seiner „schroffen Abwehr gegenüber dem Westen“ habe der Islam „einen transnationalen Terrorismus geboren“. Obwohl alle Kulturen gleichermaßen vom verwestlichenden Globalismus betroffen seien, blase nur der Islam zum „Aufstand gegen den Westen (FAZ-Leitartikel, Lerch „Ohnmächtig und leistungsarm“ vom 21.12.2002).

Für Hofmann kann dieser Gesinnungswechsel von Wolfgang Günter Lerch nicht allein auf den 11. September zurückgeführt werden. Ausschlaggebend sei die Sichtbarkeit der Religion in allen Gesellschaftsebenen: „Macht er (Islam) sich nicht im Internet breit? Ist er im Westen nicht die einzige wachsende Religion? Ist es nicht so, dass bei uns nur noch Moscheen, aber keine Kirchen mehr gebaut werden? (Murad Wilfried Hofmann, Islam im Dialog 2002, S. 45-57).

Der Theologe Hans Küng ist sogar der Ansicht, dass viele Zerrbilder künstlich durch die Medien verbreitet werden. Das erklärte Feindbild „Islam“ wird nach Küng unermüdlich von christlichen Fundamentalisten weltweit verbreitet. So beschreibt er: „Populistische Medien und Medienvertreter sind mitverantwortlich für die Beständigkeit von Feindbildern. Und wenn für manche frommen Christen lange Zeit das Judentum und dann der Kommunismus Feind Nr. 1 war,  so ist dies für viele Christen und Juden heute der Islam. Gibt es doch Menschen, die ohne Feindbild gar nicht leben können“ (Der Islam, Hans Küng, S. 32).

Ist die gegenwärtige Islamfeindlichkeit hauptsächlich nur ein Produkt vom 11. September? Oder gibt es tatsächlich andere Bewegungsgründe dafür?

Für den Soziologie Professor und Autor der Studie „Islamfeindlichkeit in Deutschland“ geht die Islamfeindlichkeit auf historische Begebenheiten zurück. So war es die mittelalterliche Christenheit, die den Islam bewusst zum Feindbild stigmatisiert hatte, dessen Auswüchse heute noch explizit zu beobachten sind. In der etwa dreihundert seitigen Studie, kommt Bühl zu folgender Schlussfolgerung: „Zwar mag es sein, dass der 11. September partiell eine katalysatorische Wirkung gehabt hat; die Feindbildstereotypien, deren sich die aktuelle Debatte bedient, sind indes schon über 1.000 Jahre alt[…] […]die Gestaltung Europas und seine Formung als „christliches Abendland“ bilden den historischen Ursprung der Feindlichkeit gegenüber den Muslimen. Die Gründungsurkunde Europas ist eine antijüdische wie antiislamische, da sowohl das Judentum wie der Islam als „Fremdkörper“ ausgegrenzt und als nicht zu Europa gehörig definiert werden. Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sind die konstruktiven Elemente des Europa-Bildes, der Formierung einer geopolitischen Einheit (Achim Bühl, Islamfeindlichkeit in Deutschland, S. 92,  2010).

Offenbar ersetzt der Islam nach dem Wegfall des Weltkommunismus die Hauptrolle ein weiteres Mal als Feindbild und stiftet ungeachtet dadurch den Kulturchauvinismus in Europa (vgl. Peter Heine, Konflikt der Kulturen, S. 67-89).

Es ist tatsächlich bemerkenswert, dass unter den Weltreligionen nur der Islam als eine Bedrohung wahrgenommen wird. Der Hinduismus und der Buddhismus werden immer hin als eine exotische Erscheinungsform im Westen betrachtet. Und dies möglicherweise aus folgenden vier Gründen:

1. Der Islam ist wie das Christentum auch, historisch aus den gleichen geografischen Räumen gewachsen (Nahen Osten).

2. Der Islam beansprucht wie das Christentum, die letzte Offenbarung Gottes zu sein.

3. Beide Weltreligionen verkünden den Monotheismus.

4. Beide erheben den Anspruch, universalistisch zu sein.

Die Nestorin der deutschen Islamwissenschaft und Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels von 1995  Prof. Annemarie Schimmel, beschrieb prägnant die gegenwärtige Beziehung zum Islam folgendermaßen zusammen: „Unter allen Religionen und Kulturen ist der Islam diejenige, die im Abendland am wenigsten verstanden und am meisten gefürchtet wird. Es scheint für viele leichter zu sein, sich der bunten Vielfalt des Hinduismus, der unserer Denkweise so fremden Psychologie des Buddhismus oder dem streng dualen Zoroastrismus zu nähern als jener monotheistischen Religion, die schon dadurch für den abendländischen Christen zum Stein des Anstoßes geworden ist, dass sie nach dem Christentum auftrat und den Anspruch stellte, die ihr vorausgegangenen Religionen zu vollenden und zu krönen“ (Vorwort zu „Der Islam und die Bestimmung des Menschen, S. 7).

Der Direktor der Harvard Universität für „Zentrum für das Studium der Weltreligionen“  Wilfred Cantwell Smith gestand sogar ein, dass die Berichterstattung zum Islam nicht vorbehaltslos hinnehmbar sei: „ Man wird erkennen, dass Betrachtungen eines Außenstehenden in diesem Bereich ein Wagnis sind. Die Abstraktion wird notwendigerweise einseitig und inadäquat, wenn nicht geradezu verzerrt sein“ (Der Islam in der Gegenwart 1963, S. 18).

Hans Küng hat in einem beeindruckenden Werk „Spurensuch“ ausführlich dargestellt, welche Ansätze notwendig sind, um den Weltfrieden zu stabilisieren:

1.      Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.

2.      Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.

3.      Kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Maßstäbe.

4.      Kein Überleben unseres Globus ohne ein globales Ethos, ein Weltethos (Hans Küng, Spurensuche 1999, S. 9).

In keiner der sogenannten heiligen Schriften ist das Verhältnis der Religionen zueinander treffender beschrieben worden als in al-Maida: 48: „Jedem von euch gaben Wir ein Gesetz und einen Weg. Wenn Gott gewollt hätte, hätte Er aus euch eine einzige Gemeinde gemacht. Doch Er will euch in dem prüfen, was Er euch gegeben hat. Wetteifert darum im Guten. Zu Gott ist eure Heimkehr allzumal, und Er wird euch dann darüber aufklären worüber ihr uneins seid“.

Gott liebt diejenigen, die gute Werke auf die schönste Art vollenden“ (Koran: 2: 195).

Das ist das Manifest des religiösen Pluralismus als Grundlage eines Weltfriedens. Sollen sie doch im Guten miteinander wetteifern, während sie an dem festhalten, was sie für richtig halten.

Sagt Gott im Koran doch auch:

Worüber ihr auch immer uneins seid, das Urteil darüber ruht bei Gott“  (Koran42:10).

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