Ist die Geschlechtertrennung religiös begründet?

von Ecevit Polat am 8. Juli 2012

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In vielen muslimischen Gesellschaften wird zunehmend im öffentlichen Raum, ein gewisses Maß an Geschlechtertrennung praktiziert. Den Vorlesungen männlicher Professoren in Saudi-Arabien zum Beispiel, folgen Studentinnen über Videogeräte und stellen ihre Fragen telefonisch. Die Benutzung der Universitätsbibliotheken erfolgt in Geschlechtertrennung (siehe hierzu: Der Islam in der Gegenwart, S. 644).

Ist die Praxis der Geschlechtertrennung auf religiöse oder auf traditionell-kulturelle Ursprünge zurückzuführen?

Die Befürworter für die Absonderung der Frauen im öffentlichen Leben, beziehen sich hauptsächlich auf den folgenden Koranvers:

O ihr, die ihr glaubt! Betretet nicht die Häuser des Propheten, es sei denn, dass euch zu einer Mahlzeit (dazu) Erlaubnis gegeben wurde. Und wartet nicht (erst) auf deren Zubereitung, sondern tretet (zur rechten Zeit) ein, wann immer ihr eingeladen seid. Und wenn ihr gespeist habt, dann geht auseinander und lasst euch nicht aus Geselligkeit in eine weitere Unterhaltung verwickeln. Das verursacht dem Propheten Ungelegenheit, und er ist Scheu vor euch, jedoch Allah ist nicht Scheu vor der Wahrheit. Und wenn ihr sie (seine Frauen) um irgendetwas zu bitten habt, so bittet sie hinter einem Vorhang. Das ist reiner für eure Herzen und ihre Herzen (33:53).

Die christliche Publizistin und Leiterin des „Institut für Islamfragen“ Christine Schirrmacher,  kommentiert den Vers wie folgt: „Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Frau hat ihre Wurzel außer im Koran auch in der islamischen Denkvoraussetzung, dass die Frau die Verführerin des Mannes ist, die das größere, schwerer zu zügelnde sexuelle Verlangen hat. Ihr Ehemann und die Gesellschaft müssen daher das Verhalten der Frau beständig kontrollieren.  ..Kontakte zu nicht verwandten Männern kämen einer Einladung zu Ehebruch und Unzucht gleich (Kleines Lexikon zur islamischen Familie, S. 100).

Nach den Anführungen von Schirrmacher müssten muslimische Männer nur an das eine denken! In ihrem Weltbild von muslimischen Männern werden Frauen beständig nur als begehrenswerte Sexobjekte wahrgenommen.

Der Vers „Und wenn ihr sie (seine Frauen) um irgendetwas zu bitten habt, so bittet sie hinter einem Vorhang. Das ist reiner für eure Herzen und ihre Herzen“ ordnete eine Trennung von offiziellen und privaten Räumen des Propheten an, um die Intimität des Familienlebens vor dem Ansturm der Bitsteller und sonstiger Besucher zu schützen. Zur damaligen Zeit gab es noch keine Türen. Die bedürftigen Menschen gingen damals eigenwillig in das Haus des Propheten ein, um ihren Hunger mit Nahrung zu stillen (vgl. Bayraktar Bayrakli, yeni bir anlayisin isiginda, Bd. 15,  S. 335-338).

Nach der Offenbarung des Verses, war es niemandem mehr erlaubt, spontan und ohne Ankündigung die Wohnung des Gesandten zu betreten: „O ihr, die ihr glaubt! Betretet nicht die Häuser des Propheten, es sei denn, dass euch zu einer Mahlzeit (dazu) Erlaubnis gegeben wurde. Und wartet nicht (erst) auf deren Zubereitung, sondern tretet (zur rechten Zeit) ein, wann immer ihr eingeladen seid. Und wenn ihr gespeist habt, dann geht auseinander und lasst euch nicht aus Geselligkeit in eine weitere Unterhaltung verwickeln. Das verursacht dem Propheten Ungelegenheit, und er ist Scheu vor euch, jedoch Allah ist nicht Scheu vor der Wahrheit. Und wenn ihr sie (seine Frauen) um irgendetwas zu bitten habt, so bittet sie hinter einem Vorhang. Das ist reiner für eure Herzen und ihre Herzen“ (33:53).

Wie ist es jedoch heute dazu gekommen, dass besonders viele Männer und Frauen eine Geschlechtertrennung bevorzugen und dies vor allem auch religiös legitimieren? Der Koran tradiert die Geschichte vom Propheten Abraham (a), als dieser einen Engel in männlicher Gestalt als Besucher empfing. Erstaunlicherweise war seine Frau auch zugegen und unterhielt sich ohne Scheu mit den männlichen Gästen:

Und es kamen Unsere Gesandten mit froher Botschaft zu Abraham. Sie sprachen: ”Friede!” Er sagte: ”Friede!” und es dauerte nicht lange, bis er ein gebratenes Kalb herbeibrachte. Als er aber sah, dass ihre Hände sich nicht danach ausstreckten, fand er  sie befremdend und empfand Furcht vor ihnen. Sie sprachen: „Fürchte dich nicht; denn wir sind zum Volk Lots entsandt worden.” Und seine Frau stand dabei und lachte, worauf Wir ihr die frohe Botschaft von (ihrem künftigen Sohn) Isaak und von (dessen künftigem Sohn) Jakob nach Isaak verkündeten. Sie sagte: ”Ach, wehe mir! Soll ich ein Kind gebären, wo ich doch eine alte Frau bin und dieser mein Ehemann ein Greis ist? Das wäre wahrlich eine wunderbare Sache.”

Die Geschichte von Abraham und seinen Gästen belegen zweifelsfrei, dass selbst in patriarchalen Epochen, der monotheistische Glaube keine Geschlechtertrennung infizierte (vgl. Süleyman Ates, Yüce Kuranin Cagdas Tefsiri, Bd. 4, S. 319-321).

Für zahlreiche Theologen ist auch die Koranstelle 24:61 ein Hinweis darauf, dass Frauen und Männer gemeinsam an einem Tisch speisen dürfen. Außerdem habe kein Mensch das Recht, die Religion in Bezug auf den Umgang der Geschlechter restriktiv zu indoktrinieren: „Kein Vorwurf trifft den Blinden, noch trifft ein Vorwurf den Gehbehinderten, kein Vorwurf trifft den Kranken oder euch selbst, wenn ihr in euren eigenen Häusern esst oder den Häusern eurer Väter oder den Häusern eurer Mütter oder den Häusern eurer Brüder oder den Häusern eurer Schwestern oder den Häusern eurer Vatersbrüder oder den Häusern eurer Vatersschwestern oder den Häusern eurer Mutter- Brüder oder den Häusern eurer Mutterschwestern oder in einem (Haus), dessen Schlüssel in eurer Obhut sind, oder (in dem Haus) eures Freundes. Es ist keine Sünde für euch, ob ihr nur zusammen oder getrennt esst (Koran 24:61, vgl. auch „Der verfälschte Islam“, Yasar Nuri Öztürk, S. 108).

Die Professorin für Soziologie, Fatima Mernissi, hat die räumliche Geschlechtertrennung als eine Strategie zur Konfliktvermeidung bezeichnet, wobei aus männlicher Perspektive der Konflikt immer von der Frau ausgehe. Ihre Sexualität verursache Chaos (fitna) und bedrohe den Mann in seiner sozialen Identität (Mernissi, Spatial Boundaries, S. 496).

Auch der Dozent für Vergleichende Religionswissenschaft Malise Ruthven, ist folgender Ansicht: “Die Absonderung der Frauen wird mit der Furcht vor ihrer sexuellen Macht begründet“ (Der Islam, S. 141).

Der sudanesische Politiker und religiöser Führer Hasan at-Turabi ist der Ansicht, dass den Frauen durch Segregation und Isolation von der allgemeinen Gesellschaft die größte Ungerechtigkeit angetan werde. „Der Islam verlange keine generelle Geschlechtertrennungso at-Turabi. Eine Hausfrau könne die männlichen Gäste ihres Mannes empfangen, bewirten und mitunterhalten. Auch sieht er kein Problem dabei, wenn die Frau zur Begrüßung die Hand der Gäste schüttelt (siehe hierzu: at-Turabi, Woman, Islam and Muslim Society, London 1991, S. 24-40).

Qasim Amin (1863-1908) schrieb bereits 1901 in seinem aufsehenerregenden Buch „Die neue Frau (al-Mar´a al-jadida)“, dass ein Volk sich nur progressiv dann entwickeln kann, wenn es den Frauen nicht nahezu alle Bildungsmöglichkeiten und die Teilhabe am öffentlichen Leben versage. Die Segregation der Frauen, sei der Hauptgrund für die Rückständigkeit der islamischen Welt (siehe auch: Wiebke Walther, Die Situation von Frauen in islamischen Ländern, S. 641).

Muslimische Intellektuelle wie der Schweizer Philosoph Tariq Ramadan, betonen in zahlreichen Veröffentlichungen, welche Stellung die Frauen noch zu Lebzeiten des Propheten innehatten. So partizipierten sie aktiv im öffentlichen Leben. Sie besuchten die Moscheen und beteten im hinteren Bereich hinter den Männern. Ramadan kritisiert vehement die Zustände, denen die Frauen heute ausgesetzt sind: „In der Moschee in Medina befanden sich die Männer im vorderen Teil des Raumes, die Frauen weiter hinten, weil das Gebet Bescheidenheit erfordert. Aber immerhin befanden sich beide Geschlechter in einem Raum, und es war Frauen erlaubt, ihre Meinung zu äußern“ (siehe hierzu: Buhari, Bd. 2, S. 195. Muslim, Bd. 2, S. 118).

Oft fehlt es in Moscheen ganz und gar an für Frauen vorgesehene Räumlichkeiten, und falls Räume vorhanden sind, befinden diese sich nicht selten in desolaten Zustand. In ihrer Beengtheit, miserablen Ausstattung und schlechten Instandhaltung legen sie sogar den Gedanken nahe, ihr eigentlicher Zweck bestehe eigens darin, Frauen von einem Besuch der Moschee abzuhalten“ (Radikale Reform, S. 294).

Tariq Ramadan richtet nun eine harsche Kritik an die gläubigen Männer, die für ihn die Hauptschuld für diese negative Entwicklung beitragen: „Aber nicht nur der Zugang zur Moschee wird den Frauen erschwert, häufig ist ihnen auch die Beteiligung an der Gemeindearbeit verwehrt. Die Gemeinderäte und die Leitenden Positionen in den für die Organisation der Gebetshäuser zuständigen Verbänden sind fast ausschließlich von Männern besetzt“ (Radikale Reform, S. 294-295).

Für die renommierte Religionswissenschaftlerin und Bestseller Autorin Karen Armstrong, wurde die Geschlechtertrennung erst einige Generationen nach dem Propheten eingeführt. Frauenfeindliche Praktiken nahmen überwiegend durch die Berührung und Beeinflussung mit anderen Kulturen zu. Armstrong beschreibt: Diese Bräuche wurden drei oder vier Generationen nach dem Tode des Propheten angenommen. Die damaligen Muslime kopierten damit die griechischen Christen von Byzanz, die ihre Frauen seit langem verschleiert und weggeschlossen hatten; auch übernahmen sie teilweise deren christliche Frauenfeindschaft. Der Koran macht Frauen und Männer zu Partnern vor Gott, wobei beide identische Pflichten und Verantwortung haben (Kleine Geschichte des Islam, S. 31).

In der „Encyclopedie de I´Islam wird die Beschreibung von Armstrong detaillierter untersucht, in dem sie die genauen Anfänge der Frauenfeindlichen Tendenzen definiert: „Dieser Brauch, der, so scheint es, bei den alten Bewohnern des Hidschas unbekannt war, soll durch die Ummayaden in den Islam eingeführt worden sein, wahrscheinlich unter dem Einfluss der sassanidischen Zivilisation (…) Muawiya (gest. 680) und seine Nachfolger waren durch einen Vorhang, Sitara und Sitr, von ihren Vertrauten getrennt. Es handelt sich dabei um einen Brauch, der sich schließlich zur Institution entwickelte. Dieser Brauch, der uns heute fremdartig erscheint, wurde seit Muawiya, dem fünften Kalifen, praktiziert (Encyclopedie de I´Islam, Artikel Hijab. Vgl. auch: Der politische Harem, S. 125).

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