Feuer und Schwert

von Ecevit Polat am 23. Juli 2012

Im Westen ist die Meinung weit verbreitet, dieser stürmische Siegeszug einer Religion sei nur durch das Schwert ermöglicht worden. (James A. Micherner: Islam- Eine missverstandene Religion. Zürich 1956).
Dem widerspricht der Religionswissenschaftler Gustav Mensching, dass den Nichtmuslimen nur die islamische Herrschaft, nicht aber der islamische Glaube aufgezwungen wurde. (Gustav Mensching: Die Religionen. München).

Wie lässt sich nun das Phänomen erklären, dass zwei Autoritäten in diesem Bereich zu unterschiedlichen Überzeugungen gelangen?

Tatsächlich reichen die Anschuldigungen, der Islam hätte sich im Mittelalter mit Feuer und Schwert verbreitet, bis ins 7. Jahrhundert zurück. Es wurde indes mit folgendem beschuldigt, „dass der Islam keine neue, originäre Religion, sondern als verabscheuungswürdige Sekte unter die zu bekämpfende Häresien einzureihen sei.“ (Johannes Mansur Damascenos und Martin Luther in: Gustav Mensching: Der offene Tempel. Stuttgart 1974).

Angesichts der Propaganda Papst Urban II während und nach dem Konzil von Clermont, im November 1095 und der Kreuzzugspredigten des Bernhard von Clairvaux, ist es kein Wunder, wenn besonders der vermeintliche Ketzerglaube “Islam“ Zielscheibe der kirchlichen Angriffe wurde – eine Methode, die bis in die jüngsten Literaturerzeugnisse kirchlicher und weltlicher Verlage nachwirkt.

Der islamische Gelehrte Leopold Weiss, alias Muhammad Asad, stellte bereits 1934 fest, wie das Echo der Kreuzzüge in der Geisteshaltung des Abendlandes bis heute noch nachwirkt und analysiert diesen Umstand prägnant. „Europa mag die Glaubenslehre der buddhistischen oder hinduistischen Philosophie nicht akzeptieren, aber es wird immer eine reflektierte Geisteshaltung gegenüber diesen Systemen wahren. Sobald Europa sich jedoch dem Islam zuwendet, ist die Ausgewogenheit gestört und eine emotionale Befangenheit schleicht sich ein. Abgesehen von einigen Ausnahmen nähern sich selbst die meisten bedeutenden europäischen Orientalisten den Werken über den Islam mit unwissenschaftlicher Voreingenommenheit. In ihren Untersuchungen scheint es geradezu, als könnte der Islam gar nicht als Objekt der wissenschaftlichen Forschung behandelt werden, er ist ein Angeklagter, der vor seinen Richter steht. Einige dieser Orientalisten spielen die Rolle eines Staatsanwalts, versessen darauf, den Islam zu verurteilen, andere wirken wie Verteidiger, die persönlich von der Schuld ihres Mandaten überzeugt sind und deshalb nur halbherzig für mildere Umstände plädieren können.“ (Muhammad Asad, Islam Am Scheideweg, Edition Bukhara. Mössingen 2007, S. 61-62).

Wie lässt sich nun die Geschwindigkeit der islamischen Expansion und ihre Ausdehnung erklären?
Innerhalb eines Jahrhunderts hatte sich der Islam somit von Arabien bis zum Atlantik, nach  Mitteleuropa und über Persien bis Zentralasien ausgedehnt. Die größte Streitmacht, welche die Muslime bis zum Tode des Propheten aufbieten konnten, umfasste nur 12000  Soldaten. Mit so kleinem militärischen Potenzial, das der geringen arabischen Bevölkerung und Wirtschaftskraft entsprach, hätte kein Weltreich erobert werden können. Auch belegen historische Quellen, dass die Nichtmuslime daran gehindert wurden, zum Islam zu konvertieren, weil dadurch die Steuerzahlung gegenüber dem Islamischen Staat entfiel. Der fünfte Kalif Muawiya war der erste, der dieses Verbot durchsetzte. (Karen Armstrong: Kleine Geschichte des Islam. S. 59)

 
In Wirklichkeit lief die Bevölkerung im Mittleren Osten, in Persien, Ägypten, Nordafrika und Spanien in Scharen zu den Muslimen über, weil sie erstens gegenüber religiösen Minderheiten tolerant waren, wie die Sure 2 Vers 256 belegt ,,Es soll kein Zwang sein im Glauben.“ Zweitens ist die islamische Dogma im Vergleich mit der tränitären Lehre der Christen im Grunde nicht allzu kompliziert. Sie ist beeindruckend einfach und bedarf keiner von speziellen religiösen Funktionsträgern vorbehaltenen Kenntnisse. Dies liegt daran, dass der Islam sich nicht als eine Kirche begreift und keine Sakramente kennt, welche die Mitwirkung eines geweihten Klerus (Priester, Bischof) voraussetzt. Im Gegenteil, jeder Muslim ist als religiös autonomes Individuum zu allen vorgeschriebenen gottesdienstlichen Handlungen selbst fähig. Sigrid Hunke bestätigte diesen historischen Tatbestand in ihrem Bestsellerbuch „Allah ist ganz anders“. Darin beschreibt sie, dass „die Faszination des arabischen Lebensstils, der arabischen Kultiviertheit, Vornehmheit, Eleganz und Schönheit, eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübten.“ (Sigrid Hunke. Allah ist ganz anders. S.45).

Die Ausbreitung des Islams nach Osten (Indonesien, Malaysia und China) ist den arabischen Händlern zu verdanken, die durch die Werte wie Ehrlichkeit und Fleiß, die Alteingesessenen für die Botschaft des Koran empfänglich machten. (Siehe hierzu auch Peter Heine: Der Islam in der Gegenwart. S.128-148).

Im Übrigen hat sich der Islam im 11. Jahrhundert ohne Feuer und Schwert auf Senegal, Mali, Ghana erstreckt und breitet sich auch heute Dank seiner Anziehungskraft als Glaube in ganz Schwarzafrika friedlich aus.
So bewährt sich der Islam auch im 21. Jahrhundert als die schnellst wachsende Religion. (Ahmet von Denffer: Weltreligionen im Überblick. S. 129).

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