Ist der Koran nur historisch zu verstehen?

von Ecevit Polat am 1. August 2012

Unter den islamischen Theologen gibt es einen Streitpunkt, der höchstwahrscheinlich auch in diesem 3. Jahrtausend nicht mehr zu einem Konsens führen wird. Die Kontroverse betrifft die „Deutung“ des Korantextes, ob alles was im Koran enthalten ist, auch für die Ewigkeit bestimmt sei. Im Jahre 2011 veröffentlichte die einflussreiche Tarika der Nakschibandi Orden einen islamischen Katechismus (türk. Ilmihal), wonach es heißt: „so bald im Koran ein Gesetz vorhanden ist, muss dieser unverzüglich umgesetzt werden. Denn alles was im Koran vorhanden ist, ist allgültig für alle Zeiten bestimmt“ (Seyda Muhammed Konyevi, Kadin ve Aile ilmihali, S. 54).

Die Befürworter dieser Sichtweise stützten sich hauptsächlich auf die folgenden Koranverse: „Was du ihnen verkündest, ist der würdige Koran, al-Quran al-Magid, unantastbar auf der wohlverwahrten Tafel“(85:21-22) und „Es ist ein segensreicher Koran in einem wohlaufbewahrten Buch“ (56:77-78). Hiernach soll Gott im Koran alle zeitliche Entwicklungen der menschlichen Gesellschaften berücksichtigt und in Rechnung getragen haben. Deshalb kann alles im Koran zu jeder Zeit praktiziert werden (siehe hierzu: Mustafa Öztürk, Kuran ve Tefsir Kültürümüz, S. 11).

Nach dieser Interpretation ist es nicht relevant, ob es sich um moderne Gesellschaften des 21. Jahrhunderts handelt oder nicht, es soll buchstabengetreu wie in Zeiten des Propheten im 7. Jahrhundert umgesetzt werden.

Auch für den deutschen Muslim und Juristen Dr. Murad Wilfried Hofmann, kann der Islam keinen alternativen Gesellschaftsentwurf bieten, wenn die Rechtsbestimmungen der heiligen Schrift in seiner vollen Tragweite nicht umgesetzt werden: „Es wäre andererseits völlig falsch, so zu tun, als enthielten Koran und Sunna überhaupt keine Rechtsnormen, sondern nur einige Prinzipien und Empfehlungen, und das ausschließlich für den historischen Kontext, eventuell sogar nur für die Gesellschaft von Medina. Vertretern dieser Ansicht kommt es offenbar darauf an, den Islam um jeden Preis für den Westen annehmbar zu machen; denn ohne Scharia enthielte der Islam keinen alternativen Gesellschaftsentwurf mehr“ (Der Islam 3. Jahrtausend, S. 218).

Der ehemalige Direktor des Zentralinstituts „Islam-Archiv“ Muhammad Salim Abdullah, unterteilt die Offenbarungsschrift in drei Kategorien ein.  Nur eine Kategorie wird für ewiggültig eingestuft:

Der Inhalt der islamischen Offenbarungsschrift kann in drei Ebenen eingeordnet werden, die sich sowohl in ihrer Gewichtung unterscheiden wie sie sich auch ergänzen. Die drei Ebenen sind:

a)      Die Ebene des Glaubens;

b)      Die Ebene des Brauchtums;

c)      Die Ebene des Verfahrens.

Praktisch bedeutet das, dass die Glaubensartikel (Ebene des Glaubens) unveränderbar und ewiggültig sind. Dazu gehören ewige Wahrheiten wie die Einheit Gottes, die göttliche Offenbarung durch den Mund der Propheten, Auferstehung, Jüngstes Gericht, Erlösung und Bestrafung unter anderem. Dieser Teilaspekt des Inhalts der Offenbarung ist informatischer Natur (Islam, Muslimische Identität und Wege zum Gespräch, S. 26).

Und Wir schickten keinen Gesandten vor dir, dem Wir nicht geoffenbart hätten: ”Es ist kein Gott außer Mir, darum dient nur Mir.” (21:25)

Unterstützung erhält Muhammad Salim Abdullah vom türkischen Theologen Prof. Ilhami Güler. Der Glaube an den Iman, die Gottesdienste und die Ethik und Moral sind im Koran ewiggültig.

Auch die wenigen Vorschriften der Rechtsregeln (Ahkam), sind in erster Linie eine Antwort und Lösung für die damaligen Gesellschaftsverhältnisse des 7. Jahrhunderts. Die Gesetzesvorschriften im Koran sind keine Maßstäbe, sondern nur Beispiele“, so Güler in seinem jüngstem Buch (din´e yeni yaklasimlar, S. 39).

Um diese Sachlage etwas näher zu erläutern sollen nun einige Beispiele angeführt werden. Der Koran behandelt ausführlich die Erbverteilung in zwei grundlegenden Versen der vierten Sure „die Frauen“ (an-Nisa). Auffallend an diesen zwei Versen ist unter anderem, dass es sich um zwei umfangreiche Abschnitte handelt:

Gott schreibt euch hinsichtlich eurer Kinder vor: „Auf eines männlichen Geschlechts kommt (bei der Erbteilung) gleichviel wie auf zwei weiblichen Geschlechts. Sind es aber (nur) Frauen, mehr als zwei, sollen sie zwei Drittel der Hinterlassenschaft erhalten. Ist es nur eine, soll sie die Hälfte haben. Und jedes Elternteil soll den sechsten Teil der Hinterlassenschaft erhalten, wenn er (der Verstorbene) Kinder hat; hat er jedoch keine Kinder, und seine Eltern beerben ihn, steht seiner Mutter der dritte Teil zu. Und wenn er Bruder hat, soll seine Mutter den sechsten Teil, nach Bezahlung eines etwa gemachten Vermächtnisses oder einer Schuld, erhalten. Eure Eltern und eure Kinder ihr wisst nicht, wer von beiden euch an Nutzen naher steht. (Dies ist) ein Gebot von Gott; wahrlich, Gott ist Allwissend, Allweise“. Und ihr bekommt die Hälfte von dem, was eure Frauen hinterlassen, falls sie keine Kinder haben; haben sie aber Kinder, dann erhaltet ihr ein Viertel von ihrer Erbschaft, nach allen etwa von ihnen gemachten Vermächtnissen oder Schulden. Und ihnen steht ein Viertel von eurer Erbschaft zu, falls ihr keine Kinder habt; habt ihr aber Kinder, dann erhalten sie ein Achtel von eurer Erbschaft, nach allen etwa von euch gemachten Vermächtnissen oder Schulden. Und wenn es sich um  einen Mann handelt – oder eine Frau, dessen Erbschaft geteilt werden soll, und der weder Eltern noch Kinder, aber einen Bruder oder eine Schwester hat, dann erhalten diese je ein Sechstel. Sind aber mehr (Geschwister) vorhanden, dann sollen sie sich ein Drittel teilen, nach allen etwa gemachten Vermächtnissen oder Schulden, damit keinem Erben ein Nachteil entsteht. Dies ist eine Vorschrift von Gott, und Gott ist Allwissend, Milde“ (Koran 4:11-12).

Hiernach erhalten die männlichen Erben doppelt so viel an Anteil wie der von zwei Frauen. Muss dies nun für alle Zeiten so gelten?  Unmissverständlich geht diese Tatsachenfeststellung aus dem folgenden Koranvers hervor: „Auf eines männlichen Geschlechts kommt (bei der Erbteilung) gleichviel wie auf zwei weiblichen Geschlechts“(4:11).

Der Penzberger Imam und Buchautor Benjamin Idriz ist der Ansicht, dass sich die Erbverteilung zugunsten des Mannes nur im historischen Kontext zu bewerten sei. Denn sie wurde vorerst in eine patriarchalische Umgebung offenbart, wo traditionell den Frauen gar kein Anteil vom Erbe zugesprochen wurde.

Idriz schreibt in seinem vielbeachteten Buch: „Der Mann sollte den doppelten Anteil vom Erbe bekommen, weil er alle Kosten der Familie zu tragen hatte, und die Frau nur den einfachen, weil sie nicht zur Versorgung verpflichtet war“.

Der Imam warnt jedoch besorgt, aus dieser Bestimmung eine Regel für alle Zeiten zu schlussfolgern: „In einer Familie jedoch, in der die Frau und der Mann alle Kosten gleichermaßen zu tragen haben, sollte das Erbe selbstverständlich in gleiche Anteile geteilt werden. Denn es gilt das Ziel, dass niemand benachteiligt wird und Gerechtigkeit herrscht. Der Zweck der Erbverteilungsbestimmungen der Verse 4/11 und 4/12 wird mit einem einzigen Satz erklärt, der sich in Vers 4/12 befindet: ghayra mudarr- „Niemandem darf ein Schaden zugefügt werden“. Das Hauptkriterium bei der Erbverteilung ist also, das Erbe gerecht zu verteilen, ohne eine Partei zu schädigen. Die im Koran vorgeschlagene Art der Erbverteilung ist keine für alle Zeiten und alle Länder gültige Formel; was aber für alle Zeiten und alle Länder Gültigkeit hat, ist die Forderung, dass niemand durch die Verteilung der Erbschaft benachteiligt werden darf“ (Grüss Gott Herr Imam, S. 144-145).

Im Jahre 1999 erschien im Verlag Al-Fihrist Publisher das Buch „Grandeur et Decadence de l´ Islam“ (Größe und Niedergang des Islam) von dem Französischen Philosophen Roger Garaudy.

Darin behandelt Garaudy sämtliche Themen im Koran, wie sie heute verstanden werden können und sollen. Ein Beispiel dazu  ist die folgende Sure 111 im Koran:

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Zugrunde gehen sollen die Hände Abu Lahabs! Und (auch er selbst) soll zugrunde gehen! Nichts soll ihm sein Vermögen nützen, noch das, was er erworben hat; er wird in einem flammenden Feuer brennen, und seine Frau wird das Brennholz tragen. Um ihren Hals ist ein Strick aus Palmfasern“ (Koran-Sure 111).

Garaudy deutet die Sure 111 für das heutige Verständnis folgendermaßen: „Ist der Koran nicht auf eine wunderbare Art mit der Geschichte verwurzelt, wenn in Sure 111 Die Palmfasern die persönlichen Feinde des Propheten Muhammad namentlich erwähnt und den Höllenflammen geweiht werden: sein Onkel Abu Lahab und dessen Frau? Und müssen wir aus dieser Sure nur die in der Geschichte des Tribuns situierte Anekdote zurückbehalten oder ihren Sinn, die Ablehnung einer Anhäufung von Reichtümern ohne menschliches Ziel und eines blinden Wachstums, das heute das der multinationalen Unternehmen und der Nationen ist?“.

Wenn uns der Koran sagt: „Und Gott hat euch eure Häuser als Ruheplatz gegeben. Und Er gab euch die Häute des Viehs zum Zeltbau, leicht zu handhaben am Tage eures Aufbruchs und am Tag eures Lagerns (16:80)…“, dann ist klar, dass er zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte eine nomadische Gemeinschaft anspricht, um ihnen eine ewige Wahrheit mitzuteilen: die der Fürsorge und der Anwesenheit Gottes gegen die Anmaßung des Menschen, sich selbst  zu genügen, wie sie ein Prometheus, die Pharaonen oder Faust zeigen. Es ist eine Erinnerung an die Transzendenz  gegenüber der Selbstgefälligkeit, die für alle eingebildeten Baumeister; die der Pyramiden, der Atomsprengköpfe oder der Wolkenkratzer ewigen Wert hat (Roger Garaudy, Scharia- Eine DII-Publikation, S. 10).

Nach dem Koranwissenschaftler Mustafa Öztürk, ist der Koran nur dann im vollen Umfang für die Zeitgenossen verständlich, wenn der historische Kontext samt seiner Bandbreite mit berücksichtigt wird. Der Koran enthält Geschichtliches und Übergeschichtliches. Übergeschichtlich ist das in allen Offenbarungsreligionen als zentral Verkündete: „der Monotheismus, Jenseitsglaube und die Tugendlehre“ (siehe hierzu: Kuran ve Tefsir Kültürümüz, S. 20-33).

Der inzwischen verstorbene Denker Roger Garaudy (gest. 2012), betont nachdrücklich, dass ein historisches Textverständnis nichts an seiner Aktualität verliert. Im Gegenteil, die Heilige Schrift der Muslime ist im jeden Zeitalter relevant: „Der Koran offenbart uns ewige Werte: Er offenbart sie uns durch eine bestimmte Antwort zur Lösung von bestimmten historischen Problemen. Dieser historische Charakter der göttlichen Offenbarung, d.h. der Antwort, die sie auf die Probleme einer besonderen Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Geschichte gibt, ist im Koran offensichtlich“ (Roger Garaudy, Größe und Niedergang des Islam).

Empfehlenswerte Literatur zum Thema:

° Dine Yeni Yaklasimlar, Ilhami Güler

° Kuran ve Tefsir Kültürümüz, Mustafa Öztürk

° Bana Dinden Bahset, besonders S. 187-193 von Ihsan Eliacik

° Grüss Gott, Herr Imam, Benjamin Idriz

° Yasayan Islam, Roger Garaudy

Weitere Empfehlung im Web:  http://tavhid.de/?p=1126

 

Previous post:

Next post: