Abu Dharr al-Gifari´s antikapitalistische Weltanschauung

von Ecevit Polat am 17. August 2012

Die ältesten muslimischen Historiker tradierten schriftlich, dass Abu Dharr al- Gifari (gest. 652) chronologisch als Fünfter die Religion des Islam annahm (Ibn Sa´d, K. at-tabaqat, Bd. 4, S.164, Hrsg. J Lippert, Leiden 1906). Das Wesentliche an Abu Dharr´s  Weltanschauung war insbesondere seine (im heutigen Sinn) antikapitalistische Grundhaltung. Doch blieb auch seine soziale Kritik nicht immer ungeschont vor Angriffen. Zeitgenössische Denker wie der Ägypter Ahmad Amin (gest. 1954) werfen Abu Dharr sogar vor, dass dieser bei seiner antikapitalistischen Partizipation, maßgeblich vom Mazdaismus (Zoroastrismus) beeinflusst worden war (Ahmad Amin, Fecru´l-Islam, S. 110-111, 269).

Der dritte Kalif Uthman (gest. 656) beförderte die wichtigsten Positionen der neuen islamischen Provinzen mit den Angehörigen seines Clans der Umaiyaden (türk.Emeviler). Die Gouverneursposten von Syrien, Ägypten, Basra und Kufa wurden von nun an  von der Sippe der Umaiyaden besetzt. Aus diesem Grund wurde dem Kalifen Uthman eine zielgerichtete Vetternwirtschaft seitens der Bevölkerung von Medina und Mekka vorgeworfen (siehe hierzu: Ali Akin, Islam´a nasil kiydilar, S. 189-198 und: Gudrun Krämer, Geschichte des Islam, S. 36-37).

Als Muawiya (gest. 680) von Uthman zum Statthalter von Syrien auserkoren wurde, entwickelte sich in nur wenigen Jahren eine strukturelle Luxuswirtschaft. Der ehemalige deutsche Botschafter Dr. Murad Wilfried Hofmann schreibt zu diesem Geschehen folgendes: Auch erregten die Umaiyaden schon bald wegen ihrer Verweltlichung, Luxuswirtschaft und ihres Despotismus Ärgernis bei frommen Muslimen (Murad Hofmann, Islam, S. 83).

Einige getreue Weggefährten des Propheten konnten nicht einfach tatenlos zusehen, dass die neuen Machthaber sich persönlich vom öffentlichen Besitz bereicherten. Den Gegnern von Muawiya zufolge war die Anforderung der Religion, das Reichtum (durch Steuereinnahmen) unter der Bevölkerung gerecht zu verteilen.  Abu Dharr avancierte sich zum heftigsten Kritiker gegen die neu formierende aristokratische Elite von Damaskus. Als er eines Tages den Statthalter Muawiya aufsuchte, trug er ihm folgende Koranverse 9:34-35 vor:

„0 die ihr glaubt, viele von den Gelehrten und den Mönchen verschlingen fürwahr den Besitz der Menschen auf nichtige Weise und halten von Allahs Weg ab. Diejenigen, die Gold und Silber horten und es nicht auf Allahs Weg ausgeben, denen verkünde schmerzhafte Strafe, am Tag, da im Feuer der Hölle darüber heiß gemacht wird und damit ihre Stirnen, ihre Seiten und ihre Rücken gebrandmarkt werden: Dies ist, was ihr für euch selbst  gehortet habt. Nun kostet, was ihr zu horten pflegtet!“ (Prof. Ibrahim Hasan, Islam Tarihi, Bd. 2, S. 31-33).

Muawiya erwiderte mit gehobenem Haupt, dass nicht er, sondern die Leute des Buches (die Christen) in dem Koranvers diskreditiert würden. Abu Dharr blickte tief in die Augen von Muawiya und entgegnete ihm: “Der Koranvers mahnte zwar ursprünglich die  Leute des Buches. Doch werden auch wir gleichzeitig in diesen Versen ermahnt, kein Reichtum anzuhäufen!“ (Mefatihu l´-gayb, Bd. 16, S. 43). Als die soziale Protestbewegung von Abu Dharr zunehmend die große Bandbreite der Armen in der Bevölkerung mobilisieren konnte, versetzte dies den Statthalter Muawiya in Not und Bedrängnis. So schickte er dem Kalifen Uthman die Nachricht, Abu Dharr unverzüglich aus Damaskus zu verbannen. Da sonst eine ernstzunehmende soziale Revolution bevorstünde. Uthmann kam der bitte nach und verbannte Abu Dharr in die Wüste “Rebeze“, die sich in der Nähe von Medina befand, wo er schließlich bis zu seinem Tod verbrachte (siehe hierzu: Ibn Hisam, Avrupa tab´i, Bd. 2, S. 971).

Sobald die Gläubigen ihre grundlegende Lebensbedingungen wirtschaftlich erfüllen, sind sie ausdrücklich aufgefordert, den Überschuss vom Reichtum an Bedürftige Mitglieder der Gesellschaft zu spenden- so der sozial-Kritiker und Theologe Ihsan Eliacik, der sich  auf den Koranvers 2:219 beruft: ” Und sie befragen dich was sie spenden sollen. Sprich: ”Den Überschuss.” (siehe hierzu: Yasayan Kur´an, S. 718).

Der ehemalige Religionsminister der Türkei Prof. Süleyman Ates, kommentiert den Vers  „0 die ihr glaubt, viele von den Gelehrten und den Mönchen verschlingen fürwahr den Besitz der Menschen auf nichtige Weise und halten von Allahs Weg ab. Diejenigen, die Gold und Silber horten und es nicht auf Allahs Weg ausgeben, denen verkünde schmerzhafte Strafe, am Tag, da im Feuer der Hölle darüber heiß gemacht wird und damit ihre Stirnen, ihre Seiten und ihre Rücken gebrandmarkt werden: Dies ist, was ihr für euch selbst  gehortet habt. Nun kostet, was ihr zu horten pflegtet“ (9:33-35) folgendermaßen in seinem Korankommentar:

Auch wenn historisch diese Koranverse die geizenden religiösen Würdenträger der Christen bezugnehmend kritisiert, so enthält sie doch ein allgemeines Urteil. Sie spiegelt den Geist des Islam und verdeutlicht zudem den Wert der sozialen Gerechtigkeit. Gold und Silber sind nicht dazu da, um von einigen wenigen Leuten aufgespeichert zu werden, sondern sie sind für die gesellschaftlichen Belange ein zusetzen. Wenn das Geld im Umlauf ist, erst dann können viele Menschen davon gesättigt werden. Befindet es sich nur in den Händen einiger weniger, so wird die große Mehrheit der Menschen von ihren existentiellen Grundbedürfnissen beraubt“ (Yüce Kuranin Cagdas Tefsiri, Bd. 4, S. 72).

Der Koran weist deutlich darauf hin, dass jedes Mitglied von der Produktivität und den Wirtschaftsleistungen ein Anrecht hat, davon zu profitieren. Mahnt an etlichen Stellen die Reichen, ihre Güter mit den Bedürftigen freiwillig zu teilen: „Und Gott hat die einen von euch vor den anderen in der Versorgung bevorzugt. Doch geben diejenigen, die bevorzugt werden, ihre Versorgung nicht an diejenigen zurück, die ihre rechte Hand besitzt, so dass sie darin gleich wären (Koran 16:71).

„Was Gott Seinem Gesandten gegeben hat, das ist für Gott und für den Gesandten und für die Verwandten und die Waisen und die Armen und dem Reisenden, damit es nicht nur bei den Reichen unter euch umläuft. Und was euch der Gesandte gibt, das nehmt an; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch“ (Koran 59:7).

Der Kolumnist und Schriftsteller Ali Ünal folgert daraus eine allgemein verbindliche Wirtschaftsethik: „Das im letzten Teil des Satzes verankerte Prinzip „damit es nicht zu einem Vermögen wird, das unter den Reichen von euch umgeht“ stellt ein Grundprinzip islamischer Ökonomie und sozialer Gerechtigkeit dar. Der Islam ermuntert uns nicht zum Betteln, sondern fordert uns im Gegenteil dazu auf, fleißig zu sein. Tatsache ist aber auch, dass aufgrund der sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Talente Macht und Reichtum nie ganz gleichmäßig verteilt sein können. Ausgleichend schreibt der Islam vor, dass niemand extrem reich sein sollte, solange es bedürftige Menschen gibt“ (Der Koran, Ali Ünal, S. 1323).

Für den Soziologen Dr. Ali Seriati, war Abu Dharr zweifelsohne eine Inspiration und Quelle für die Sozialisten in den Islamischen Ländern (Ebuzer, erdemli bir örneklik, Ali Seriati, S. 117-127).

Nicht nur für Seriati, auch westliche Politikwissenschaftler und Soziologen kommen zu diesem gemeinsamen Entschluss: „So etwa der Hinweis auf den Prophetengenossen Abu Dharr al-Ghifari, der vom späteren Umaiyaden-Kalifen Muawiya eine Einschränkung des Luxus der damals neuen herrschenden Klasse gefordert hatte und in späteren Schriften geradezu zu einem frühen Helden eines islamischen oder auch arabischen Sozialismus wurde (Johannes Reissner, Die innerislamische Diskussion zur modernen Wirtschafts- und Sozialordnung, S. 153, Veröffentlicht in bpb).

Abu Dharr al-Ghifari nahm für seine grundlegende kapitalistische Kritik, immer den Koran als Referenz und keine anderen religiöse Quellen, wie Ahmad Amin (gest. 1954) ihm neuzeitlich unter Beeinflussung des Mazdaismus vorwarf (siehe hierzu im Detail: Yasar Nuri Öztürk, Hallac-i Mansur, Bd. 1, S. 319-327).

Auch heute berufen sich viele muslimische Aktivisten auf Abu Dharr´s Mission. Besonders sein unermüdlicher und mutiger Einsatz für die sozial Schwachen der Gesellschaft, der zudem furchtlos war und keine Zugeständnisse an die Machthaber machte.

Für den Islamwissenschaftler Prof. Eberhard Serauky steht es außer Frage, dass Abu Dharr bis zu seinem letzten Atemzug die Anordnungen (Sunna) des Propheten Muhammad befolgte. So schreibt Serauky: „Es ist nicht verwunderlich, dass einige von Muhammads armen Gefährten aus der mekkanischen Zeit die breite Unterstützung der Armen zu einer Kardinalfrage des Islam machten. Einer der Hauptvertreter dieser Orientierung war Abu Dharr. Dieser hatte einen der Aussprüche Muhammads zum Leitfaden seines Lebens gemacht: „Jeglicher Besitz an Gold und Silber, der aufgespeichert wird, sind glühende Kohlen für dessen Eigentümer, sodass er sich entleert (lieber) von ihnen für Gott“ (überliefert bei Ibn Sa´d, K. at-tabaqat, Bd. 4, S. 169). Diese Aussage und die Haltung des Propheten verstand er so, dass ihm die Liebe zu den Armen zur ersten Pflicht gemacht wurde“ (Eberhard Serauky, Geschichte des Islam, S. 116).

0 die ihr glaubt, viele von den Gelehrten und den Mönchen verschlingen fürwahr den Besitz der Menschen auf nichtige Weise und halten von Allahs Weg ab. Diejenigen, die Gold und Silber horten und es nicht auf Gottes Weg ausgeben, denen verkünde schmerzhafte Strafe, am Tag, da im Feuer der Hölle darüber heiß gemacht wird und damit ihre Stirnen, ihre Seiten und ihre Rücken gebrandmarkt werden: Dies ist, was ihr für euch selbst  gehortet habt. Nun kostet, was ihr zu horten pflegtet!“ (Koran 9:34-35).

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