Ist Deutschland ein dar al-harb (Haus des Krieges)?

von Ecevit Polat am 3. September 2012

 

Unter der Überschrift „Worin bestehen die grundlegenden Merkmale der Scharia“ schrieb der 1955 zum Jesuitenorden beigetretene christlicher Theologe

Samir Khalil Samir den folgenden Satz: „Theoretisch herrscht zwischen der islamischen Welt und der Welt des Unglaubens (dem sogenannten Haus des Krieges, Dar al-Harb) ein beständiger Kriegszustand“ (100 Fragen zum Islam, S. 70-71).

Somit unterstellt der an der Universität Saint- Joseph in Beirut lehrende Lehrstuhlinhaber Prof. Samir, dass die islamische Welt zu allen nicht-islamischen Ländern eine feindliche Einstellung signalisiere, gegebenenfalls auch mit dem Krieg drohe.

Ursprünglich definierten und klassifizierten die Ulama´s (Gelehrten) im Laufe der ersten drei Jahrhunderte den Begriff „dar al-harb“ als einen Zustand der Bedrohung und Vernichtung der Muslime von Nicht-Muslimen. Die Gelehrten rieten den Muslime davon ab, in die Länder der sogenannten „dar al-harb“ „Kriegsgebiete“ zu reisen und sich dort aufzuhalten. Denn diese Länder standen in offenkundiger Konfrontation mit Muslimen, die sie unter allen Umständen samt ihrer Religion vernichten wollten (siehe hierzu: Johannes Mansur Damascenos und Martin Luther in: Gustav Mensching: Der offene Tempel. Stuttgart 1974)

Obwohl dieser Begriff (dar al-harb) im 21. Jahrhundert unter den Muslimen nicht mehr relevant ist, wird er erstaunlicherweise besonders von christlichen Autoren und Verlagen weiterhin ins Bewusstsein aller gerufen. Die „Christliche Mitte“ schreibt in ihrer Publikation folgendes dazu: „Nach islamischer Staatstheorie ist die Welt geteilt in: „dar al-islam“ (das islamische Territorium) und in das unbefriedete, dem Islam feindlich gesinnte Ausland, manchmal auch kurz als „Kriegsgebiet“ bezeichnete „dar al-harb“, in dem nicht entsprechend der islamischen Ordnung regiert wird und das Gesetz des Islam keine Gültigkeit besitzt. Prinzipiell herrscht Kriegszustand, es sei denn, der „dar al-islam“ ist durch einen Vertrag oder ein Übereinkommen an den „dar al-harb“ gebunden“ (Muslime erobern Deutschland, S. 66).

Es soll vor allem der Anschein erweckt werden, dass besonders die in der Diaspora lebenden Muslime eine feindliche Weltanschauung gegenüber der hiesigen der nichtmuslimischen Merheitsgesellschaft haben. Der jüdisch stämmige Gelehrte Bernard Lewis, der bis 1986 Professor of  Near Eastern Studies an der Princeton Universität tätig war, wies deutlich darauf hin, dass die zentralen Begriffe aus dem Mittelalter wie „dar al-islam“ und „dar al-harb“ nur im historischen Kontext zu verorten seien. In seinem erstmals 1964 veröffentlichten Werk „The Shaping oft he Modern Middle East“ schrieb Lewis: „Für den mittelalterlichen Muslim war die Welt in zwei große Zonen geteilt, das Haus des Islam (dar al-islam) und das Haus des Krieges (dar al-harb)“(Bernard Lewis, der Atem Allahs, S. 46).

Anscheinend versuchen gewisse anti-islamische Gruppen und Autoren mit allen erdenklichen Mitteln, der nichtmuslimischen Merheitsgesellschaft zu zeigen, dass die Muslime von Natur aus aggressiv/ gewalttätig und kriegerisch seien (siehe hierzu besonders: Achim Bühl, Islamfeindlichkeit in Deutschland, S. 37-81).

Kurioserweise werden dafür mittelalterliche Begriffe (dar al-harb) instrumentalisiert, um eine alte  Konfrontation, die sich im Mittelalter zwischen der christlichen und muslimischen Welt ereignete, auch heute wieder lebendig und aktuell erscheinen zu lassen. Zwischenzeitlich haben sich immer mehr muslimische Denker zu Wort gemeldet und folgendes versichert: „Ich kann ihnen versichern, dass das unqur´anische, mittelalterliche Begriffspaar „dar al-islam“ (Haus des Islam) und „dar al-harb“ (Haus des Krieges) weder im Denken noch im Diskurs zeitgenössischer Muslime eine Rolle spielt. Es handelt sich dabei um Kategorien, an denen Orientalisten festhalten, die keinen wirklichen Kontakt zur islamischen Lebenswirklichkeit haben“ so der ehemalige Informationsdirektor der Nato, Dr. Murad Wilfried Hofmann (Den Islam verstehen, S. 270).

Im Mittelalter führten die islamischen Gelehrten untereinander umfangreiche Diskurse darüber, ab wann und unter welchen genauen Voraussetzungen ein Land zu dar al-harb (Haus des Krieges) klassifiziert wurden. Der im 12. Jahrhundert bedeutende Rechtsgelehrte Al-Kasani (gest. 1191) und Autor eines umfangreichen rechtswissenschaftlichen Werkes „Kitab bada i al-sana i fi tartib al-sara i“ beschäftigte sich eingehend mit dem Thema und fasste seine Gedanken prägnant wie folgt zusammen:

a) Wenn die Gesetze eines Landes islamisch sind, dann ist das Land islamisch. Wenn das Gegenteil herrscht, ist das Land nicht islamisch, und zwar auch dann nicht, wenn es sich islamisch bezeichnet.

b) Wenn ein Muslim in einem nicht-islamischen Land lebt und dort Rechtssicherheit genießt und seinen Glauben frei bekennen kann, dann ist das Land, in dem er lebt, islamisch. Wenn er aber in einem Land lebt, in dem er von Rechtsunsicherheit bedroht ist und seinen Glauben nicht frei bekennen kann, so ist das betreffende Land islamfeindlich. Al-Kasani (gest. 1191) schlussfolgert deshalb:

Wo einem Muslim die Rechtssicherheit nicht versagt wird, handelt es sich nicht um ein Gebiet des dar al-harb /Haus des Krieges, im Gegenteil, es handelt sich hierbei um ein Land des dar al-islam“ (Islam Ansiklopedisi, Bd. 6, S. 374/Shaik Muhammad Abu Zahra: Begriff des Krieges im Islam, hrsg. Obersten Rat für Islamische Angelegenheiten, Kairo 1952, zitiert aus Muhammad Salim Abdullah, Islam, S. 146-147).

Für den Schweizer Philosophen Prof. Tariq Ramadan ist es unangemessen und irrelevant, die Begriffe „dar al-islam“(Haus des Islam) und „dar al-harb“ (Haus des Krieges) im Kontext des 21. Jahrhundert zu benutzen. Da sie eine Klassifizierung beinhaltet, die den heutigen Anforderungen der dynamisch komplexen und wechselseitigen Beziehungen der modernen Staaten nicht mit berücksichtigt. Ramadan resümiert deshalb in seinem Buch „Muslimsein in Europa“ ausgiebig zu diesem Thema folgendes:

„Diese Begriffe (dar al-islam/ dar al-harb) unreflektiert, d.h. wie sie vor mehr als zehn Jahrhunderten von den großen „Ulama“ entwickelt wurden, auf unsere gegenwärtige Realität anzuwenden, wäre ein methodologischer Fehler. In der heutigen Welt, in der die Menschen in dauernder Bewegung sind und in der wir einen Prozess stetig wachsender Komplexität in den Bereichen der ökonomischen, finanziellen und politischen Macht wie auch eine Diversifizierung der strategischen Bündnisse und Einflusszonen erleben, ist es unmöglich, an einer alten, einfachen und binären Sicht der Wirklichkeit festzuhalten. Eine solche Sichtweise ist vollkommen unangemessen. Sie würde zu einer vereinfachenden und irrigen Wahrnehmung unserer Epoche führen!“ (Muslimsein in Europa, S. 158-159).

Auch wenn renommierte christliche Theologen wie Prof. Christian Troll weiterhin unermüdlich publizieren, dass der Begriff „dar- al-harb“ immer noch von Bedeutung für die hiesigen Muslime sei, so muss dies wie oben dargelegt worden ist, vehement zurückgewiesen werden! (Den Islam verstehen, S. 270).

Im Angesicht der jetzt existierenden internationalen Beziehungen und der gesellschaftlichen Bedingungen, kann unter keinen Umständen die Rede mehr von einem „dar al-harb“ sein. Wer trotzdem weiterhin so denken möchte, der hat ganz bestimmt die progressiven Entwicklungen der letzten Jahrhunderte verpasst.

„Gott verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht des Glaubens wegen bekämpft haben und euch nicht aus euren Häusern vertrieben haben, gütig zu sein und redlich mit ihnen zu verfahren; wahrlich, Gott liebt die Gerechten“ (Koran 60:8).

 

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