Wird der Abfall vom Islam mit dem Tode bestraft?

von Ecevit Polat am 31. Oktober 2012

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Nach den islamischen Rechtsschulen wird der Abfall vom Islam seit Jahrhunderten mit der Todesstrafe geahndet. Nach der Fatwa (Rechtsgutachten) der Rechtsschulen, dürfen Muslime unter keinen Umständen ihre Religion wechseln. In den Hadit- Werken, werden unzählige Überlieferungen dazu angeführt. Beispielweise wird in der Hadit-Sammlung „Muvatta“ von Imam Malik (gest. 795) folgender Hadit überliefert: „Diejenigen, die ihre Religion wechseln, tötet sie! […]“ (Muvatta, Bd. 3, S. 375).

Ähnliche Überlieferungen mit einem verschiedenem Akzent, werden auch in den berühmten Hadit-Werken von  Al-Buhari (gest. 869) und Muslim (gest. 875) tradiert: „Wer auch immer wechselt (den Islam als Religion und Lebensweise ablehnt), tötet ihn“ (Buhari, Hadit Nr. 6935 und Muslim, Hadit Nr. 6524).

Im 13. Jahrhundert verfasste der hanafitische Rechtsgelehrte El-Mavsili (gest. 1240) in seiner langjährigen Beschäftigung das Buch „El-Ihtiyar“. In diesem Werk wurden umfangreiche Sichtweisen und Rechtsgutachten von Abu Hanife (gest. 767)  zusammengestellt. Bald darauf wurde das Werk“  El-Ihtiyar“ zu einem der wichtigsten Lehrbücher der Rechtswissenschaft (Fiqh). Unter den vier sunnitischen Rechtsschulen war nur Abu Hanife der Meinung, dass man abtrünnige Frauen nicht mit dem Tod vergelten dürfe, sondern sie dafür täglich schlagen solle, bis sie wieder zum Islam zurückkehren. So wird von ihm der folgende Satz überliefert: Die Frauen, die von der Religion abfallen, sollen nicht getötet werden. Sie sollen eingesperrt und solange geschlagen werden, bis sie wieder zum Muslimsein kehren (Quelle: El-Ihtiyar, Metni el-Muhtar li´l-Fetva,  S. 563).

Der Hadith Gelehrte Ibn Hacer el-Askalani (gest. 1449), veröffentlichte in seinem Buch „Bulugu´l-meram min edilleti´l-ahkam“ Überlieferungen, die hauptsächlich juristische Rechtsprechung beinhalten. In der Hadith-Nr.1199 wird ein Bericht von Muaz bin Cebel (r.a.) überliefert, dass dieser einen Muslim hinrichten ließ, weil dieser später zum Judentum konvertierte. Darin heißt es: “ Tötet diesen Mann, denn nachdem er Muslim wurde, wechselte dieser wieder zum Judentum. Das ist eine Bestimmung von Gott und dem Propheten. Daraufhin befahl Muaz, diesen (Juden) hinzurichten“ (türk. Ahkam Hadisleri, S. 473).

Zu Recht bemerkt die christliche Theologin und Leiterin des „Instituts für Islamfragen“ Professorin Christine Schirrmacher, dass die Todesstrafe für einen Religionswechsel nicht auf den Koran, sondern auf die jeweiligen Rechtsschulen zurück zu führen sei. Schirrmacher schreibt: „Auch der Abfall vom Islam verlangt nach überwiegender Auffassung aller vier Rechtsschulen die Todesstrafe, obwohl der Koran demjenigen, der dem Islam den Rücken kehrt, konkret nur eine Strafe im Jenseits androht. Für das Diesseits fordert ausschließlich die Überlieferung (Hadithe) eindeutig die Todesstrafe“ (Die Scharia, Recht und Gesetz im Islam, S. 52).

In einigen (sogenannten) islamischen Ländern hat die Todesstrafe für Apostaten in deren jeweiligen Strafgesetzbüchern Eingang gefunden. Hierbei wird ausdrücklich auf die Hadithe Bezug genommen. Der Artikel 126 im sudanesischen Strafrecht aus dem Jahr 1991 lautet wörtlich: „[…] Wer das Delikt der Apostasie begeht, wird aufgefordert, innerhalb einer vom Gericht festgelegten Frist zu bereuen. Wenn er in seiner Apostasie verharrt und nicht zum Islam zurückkehrt, wird er mit dem Tod bestraft“.

Auch der Artikel 306 im mauretanischen Strafrecht von 1984, wird der Apostat ausdrücklich ermahnt, innerhalb von drei Tagen zu bereuen. Falls der Religion des Islam der Rücken weiterhin gekehrt wird, wird die Todesstrafe unwiderruflich vollstreckt (siehe hierzu: 100 Fragen zum Islam, Samir Khalil Samir, S. 103-104).

Die „Salafiten“ verteilen in Deutschland durch die Aktion „Street-Dawa“, kostenlose Publikationen zum Islam, um potentielle Menschen anzuwerben. Darunter wird die Veröffentlichung von Dr. Abdul Rahman Al-Sheha „Missverständnisse über Menschenrechte im Islam“ großzügig verteilt. In sämtlichen Kapiteln werden die Rechte der Muslime grundlegend nach der Scharia erläutert. So wird Beispielsweise über einen Religionswechsel sarkastisch folgendes mitgeteilt: „Einer Person, die den Islamischen Glauben ablehnt, sollte eine Gelegenheit von drei aufeinanderfolgenden Tagen gegeben werden, um zur Gemeinschaft des Islam zurückzukehren. Reife Islamische Gelehrte müssen mit ihm sitzen und ihm die große Sünde erklären, die er gegen seine eigene Seele, seiner Familie und die Gemeinschaft begeht. Wenn diese Person zur Gemeinschaft des Islam zurückkehrt, wird sie freigelassen; wenn nicht, wird die Strafe vollzogen. Die Tötung eines Abtrünnigen ist in Wirklichkeit eine Erlösung für die restlichen Mitglieder der Gesellschaft“ (Missverständnisse über Menschenrechte im Islam, S. 130-131).

Ein für die Schüler herausgegebenes Lehrbuch mit dem Titel „Hadit für Schüler“ geht ausführlich auf das Thema Apostasie ein. In Hadit Nr. 14 wird folgendes berichtet: „Das Blut eines Muslims (zu vergießen) ist nicht erlaubt, außer in einem dieser drei (Fälle)…: und (im Fall) desjenigen, der seinen Glauben verlässt und sich von der Gemeinschaft trennt“. Erstaunlicherweise bemerkt der Übersetzer des Werkes in einer Fußnote den folgenden Satz: „Als Beispiel für die verheerende Folgen, die vom Islam Abtrünnige verursacht haben, möge man an Sekten wie die Nusairier (Alawiten) in Syrien, die Drusen im Libanon, die Baha´is im Iran und andere denken. All diese Sekten führen ihren Ursprung auf Leute zurück, die vom Islam abgefallen waren, sich von der Gemeinschaft der Muslime trennten, neue , eigene Gemeinschaften gründeten und dann unter den Muslimen Schaden und Unheil anrichteten“ (Hadit für Schüler, Islamische Bibliothek, S. 129-130).

Wozu dies ein Aufruf sein soll, soll dem Leser selbst überlassen werden!

Der ehemalige Rektor der Azhar-Universität Sheik Mahmud Saltut ist der Ansicht, dass die Todesstrafe den friedlichen Religionswechsel nicht mit einem Strafmaß sanktioniere. Außerdem wird auch versichert, dass diese Überlieferungen in den Hadit-Werken nur von wenigen Gewährsleuten (sunnat al-ahad) tradiert werden. Die Überlieferungen verhängen den Tod nur an jene, die durch ihre Konversion und Hochverrat die potentiell junge islamische Gemeinschaft historisch gefährdeten. Wenn in den damaligen kriegerischen Auseinandersetzungen einige auf die andere Seite (Religion) wechselten, wurden sie aufgrund des Hochverrates mit dem Tod bestraft. In den Berichten werden eben diese Fahnenflüchtige gebrandmarkt und nicht die friedlichen Übertritte zu einer anderen Religion (Vgl. Saltut, al-Islam aqida wa sari´a, 17 Aufl. Kairo 1997, S. 280).

Der Theologe Professor Ilhami Güler vertritt eine ähnliche Haltung wie Saltut. Güler ist der Meinung, dass wenn die überlieferten-Hadite  nicht ausschließlich den Hochverrat betreffen, so würden die maßgeblichen Hadite dem koranischen Geist zweifelsfrei widersprechen. Nach Güler weisen vier Koranverse deutlich darauf hin, dass es dem Gewissen des Menschen frei zusteht, woran er glauben möchte:

° „So ermahne, denn du bist zwar ein Ermahner, du hast aber keine Macht über sie“ (Koran 88:21 22).

° „Und hätte dein Herr es gewollt, so hätten alle, die insgesamt auf der Erde sind, geglaubt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, Gläubige zu werden?“ (Koran 10:99).

° „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (Koran 2:256).

° Und sprich: „Es ist die Wahrheit von eurem Herrn: darum lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will (Koran 18:29).

Deshalb ist es für Güler unvorstellbar, dass der Prophet Muhammed (s) den Prinzipien der heiligen Schrift diametral widersprochen haben kann. Es könnte sich in den überlieferten Haditen, nur um Hochverräter gehandelt haben, die besonders in Kriegszeiten die Lagern zu den Feinden gewechselt hatten, um aktiv gegen die Muslime zu kämpfen (siehe hierzu: Ilhami Güler, Din´e yeni yaklasimlar, S. 158-159).

Dass der Koran keine diesseitige Strafe vorsieht, wird in der Sure an-Nisa unzweideutig zum Ausdruck gebracht: „Wahrlich, diejenigen, die gläubig sind und hernach ungläubig werden, dann wieder glauben, dann abermals ungläubig werden und noch heftiger im Unglauben werden, denen wird Gott nimmermehr vergeben noch sie des Weges leiten“ (Koran 4:137).

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