Wie vertragen sich Islam und Laizismus?

von Ecevit Polat am 4. November 2012

Als vor einigen Jahren der muslimische Intellektuelle Dr. Murad Hofmann seinen Artikel „Religion als Privatsache“ veröffentlichte, wurde eine neue Diskussion darüber entfacht, ob Laizismus und Islam als solche überhaupt kompatibel sei. In dem Leitartikel wurde ein neuer Diskurs über die Beziehung von Religion und Staat gefordert, so schreibt Hofmann: „[…] es ist unumgänglich, dass man das fast Undenkbare denkt und das fast Tabuisierte tut: Die Doktrin von der Begründung des modernen Staates auf seiner Trennung von Religion zu hinterfragen“ (Religion als Privatsache, S. 2).

Auf eine Frage, ob er gegen den Laizismus sei, antwortete der ehemalige sudanesische Parlamentspräsident Dr. Hasan el-Turabi folgendes: „Im Islam gibt es im Vergleich zum Christentum keine priesterliche Hierarchie. Die Muslime sind von keiner religiösen Autorität abhängig, deshalb spricht auch Nichts dagegen, dass wir laizistisch sind. In der muslimischen Welt gibt es keine Kirchen oder religiöse Institutionen, die uns bevormunden“ (Islam dünyanin gelecegi, S. 74).

Viele muslimische Denker und Aktivisten, distanzieren sich unter allen Umständen vom laizistischen Grundprinzip (Trennung von Religion und Staat). Sie sehen darin die Gefahr, dass die Gesellschaft durch das säkularistische Bestreben letztlich entsakralisiert wird. Zu dem größten Widersacher eines laizistischen Ordnungsprinzips gehört der einflussreiche Soziologe Professor Sayyid Qutb. Die islamischen Länder wurden erst dann dekadent, als sie anfingen, westliche Staaten mit ihren zivilisatorischen Ideologien nachzuahmen. So ist Qutb der Auffassung: „Diese „Zivilisationen“, die viele Augen geblendet und viele Seelen zerstört haben, sind im Grunde nichts außer einer Gahiliya (Zeit der Unwissenheit), einem System, dass im Vergleich mit dem Islam irregeleitet, leer, falsch und würdelos ist. Das Argument, dass die Menschen, die unter ihm leben, in einer besseren Lage seien, als die Menschen in den so genannten islamischen Ländern oder „der islamischen Welt“, hat kein Gewicht. Die Menschen in diesen Ländern haben diesen elenden Zustand deshalb erlangt, weil sie den Islam verlassen haben und nicht deshalb, weil sie Muslime sind“ (Zeichen auf dem Weg, S. 246, Islamische Bibliothek).

Nach Qutb sind alle Gesellschaftsentwürfe und Ideologien nichts anderes als die „Gahiliya“ zu bewerten. Die Gahhiliya bezeichnet die vorislamische Zeit in Arabien, wo noch keine göttliche Rechtleitung offenbart wurde.

In den Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, gab es eine öffentlich ausgetragene Diskussion zwischen den beiden bekannten Philosophen Professor Hasan Hanefi und Professor Muhammed Abid el-Cabiri. Diese Auseinandersetzung wurde später unter dem Titel „Hivaru´l Mesriq ve´l Magrib“ publiziert. Hanefi wies in der Streitschrift auf die Parallelität zwischen dem laizistischen und islamischen Prinzip hin. Beide Gesellschaftsentwürfe würden auf das Gleiche hinauslaufen und garantieren zudem grundlegende Grundrechte wie „Glaube, Leben, Vermögen, Nachkommen und Vernunft“ (Dogu Bati Tartismalari, S. 55).

Für Professor Nasr Hamid Abu Zaid bedeutet „Säkularisierung“ keinesfalls eine völlige Trennung zwischen Religion und Politik. Sie ist für eine Demokratie unumgänglich und verhindere als Mechanismus die Manipulation der Religion von religiösen und politischen Autoritäten. Abu Zaid kritisiert auch die Ansicht, dass Religion nach den Vorstellungen vieler Säkularisten nur eine Privatsache sei. Von den Religionen und ihren Heiligen Schriften gehen wichtige moralische Impulse aus, die nicht zu verkennen seien. Innerhalb der muslimischen Welt sei die „Säkularisierung“ bis heute ein ambivalenter Begriff geblieben. Abu Zaid fasst seine Gedanken folgendermaßen zusammen: „Nur ist es irreführend, wenn „Säkularisierung“ mit einer völligen Trennung von Religion und Politik gleichgesetzt wird, als ob sich deren Sphären nie berührten […] Was für eine Demokratie unbedingt erforderlich ist, ist allein eine Trennung religiöser und politischer Autoritäten, weil Religion sonst leicht manipuliert werden kann, zu einem Instrument der Mächtigen mutiert und auf Kosten andersgläubiger Minderheiten geht […] Dennoch gehen von Religionen und ihren Heiligen Schriften wichtige moralische Impulse aus. Das wird im Westen aufgrund der verbreiteten Anstrengung, die Religion in den Hintergrund der Gesellschaft zu drängen, wo sie zum absolut Privaten geworden ist, übersehen. Diese Bedeutung von Säkularisierung halte ich für ein Missverständnis: Denn Religion ist nicht nur Privatsache eines Einzelnen, sondern eine Sache der Gemeinschaft“ (Mohammed und die Zeichen Gottes, S. 167-168).

Dr. Murad Hofmann schlägt zu Verwirklichung und als Modell eines säkularen Staates Deutschland vor. Dieser sei geradezu vorbildlich mit seiner Integration der Religion in den öffentlichen Raum. Der Französische und der Mexikanische Laizismus, welcher Religion aus dem öffentlichen Raum verbannen möchte und ihr nicht neutral sondern feindlich gegenübersteht, würden nicht in Frage kommen. Der Islam verlange lediglich, dass Religion und Staat harmonisch aufeinander bezogen und bis zu einem gewissen Grad integriert wird. Hofmann ist der Ansicht: „Aber Deutschland kommt aus meiner Sicht der Verwirklichung der islamischen Forderung nach ein Beziehung zwischen Religion und Staat am nächsten. Gott kommt im Grundgesetz vor, wir haben staatlich geschützte religiöse Feiertage, es gibt staatlichen religiösen Schulunterricht. Es gibt eine Kirchensteuer, in der Bundeswehr und in den Gefängnissen werden Geistliche beschäftigt. Zu Weihnachten wenden sich der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin an das deutsche Volk usw. Wenn das „Trennung von Kirche und Staat“ sein soll, dann verstehe ich die Welt nicht mehr“ (Islamisches Denken im Wandel, S. 58).

Für Professor Muhammed Abid el-Cabiri ist der Islam seinem Wesen nach säkularistisch. Im Islam gibt es keinen Klerus und deshalb auch keine vergleichenden Institutionen zu den Kirchen. Aus diesem Grund besteht auch kein Problem von der Trennung der Religion vom Staat. Cabiri weist auf die verheerenden Folgen hin, wenn die Politik die Religion für ihre politischen Zwecke instrumentalisiert: „Was unsere Gesellschaften brauchen, ist die Trennung der Religion von der Politik. Dies bedeutet, dass die Religion für politische Zwecke nicht instrumentalisiert werden darf; denn die Religion repräsentiert einen konstanten und absoluten Bereich im menschlichen Dasein. Die Politik hingegen ist relativ und veränderlich. Die Politik wird von Interessen geleitet, und das Bestreben der Politiker orientiert sich an Vorteilen“ (Die Kritik der arabischen Vernunft, Berlin 2009).

Im Jahre 2003 veröffentlichte der türkische Theologe Ihsan Eliacik sein sechshundert Seiten umfassendes Buch „Staat der GerechtigkeitDie Herrschaft des gemeinsamen Guten“. Darin schlägt Eliacik einen dritten Weg, nämlich zwischen dem theokratischen und laizistischen Staat-einen Gerechtigkeitsstaat vor. Der Staat habe keine Religion und das eigentliche Maß des Regierens ist die Gerechtigkeit, daher ist die Bezeichnung „Staat der Gerechtigkeit“ bzw. Rechtsstaat angemessener als Islamstaat (Adalet Devleti-Ortak iyinin iktidari, S. 483-499).

In vielen Koranversen fordert der Koran die Muslime nachhaltig auf, dass Gute zu gebieten und das Unrechte zu verwerfen: „Und aus euch soll eine Gemeinde werden, die zum Guten einlädt und das gebietet, was Rechtens ist, und das Unrecht verbietet; und diese sind die Erfolgreichen“ (Koran 3:104).

Diese glauben an Gott und an den Jüngsten Tag und gebieten das, was Rechtens ist, und verbieten das Unrecht und wetteifern in guten Werken; und diese gehören zu den Rechtschaffenen“ (Koran 3:114).

Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand. Ihr gebietet das, was Rechtens ist, und ihr verbietet das Unrecht, und ihr glaubt an Gott“ (Koran 3:110).

Wie der Ausgang der Diskussion um das Verhältnis von Islam und Laizismus innerhalb der Muslime in Zukunft ausgehen wird, ist nicht abzusehen. Entscheidend ist vor allem auch, was unter Laizismus bzw. Säkularismus verstanden wird, wie etwa die Gegensätze zwischen dem französischen und dem deutschen Modell.

Der katholische Theologe Professor Hans Küng, erläutert die verschiedenen säkularistischen Erfahrungen im europäischen Kontext und mahnt zugleich auch, falsche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. So schreibt Küng: „Eine solche Säkularität (Weltlichkeit) des Staates, der damit gleichzeitig Religionsfreiheit garantiert, widerspricht dem Wesen des Christentums oder des Islam keineswegs, wohl aber eine totale Säkularisierung im Geist eines ideologischen Säkularismus (Religionsfeindlichkeit), der die Religion aus der Öffentlichkeit völlig verbannen will“ (Der islam, Hans Küng, S. 700, Taschenbuch Ausgabe).

 

 

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