Wie authentisch ist der Koran?

von Ecevit Polat am 22. Mai 2013

 

Seit geraumer Zeit wird der Versuch unternommen, um nachweisen zu können, dass die Heilige Schrift des Islam, der Koran, in seinen Grundzügen und seiner Endgestaltung nicht bis auf die Zeit des Propheten Muhammad (s) zurückzuführen sei. Der katholische Theologe Prof. Karl-Heinz Ohlig bemüht sich seit Jahrzehnten durch sämtliche Veröffentlichungen, diese Annahme akademisch zu unterstreichen. Der Koran sei nach Ohlig das Endergebnis einer Gemeindebildung, die nahezu in 200 Jahren nach dem Ableben des Propheten schriftlich fixiert wurde. Ohlig schreibt dazu: „Der Koran sei nur ein Ausschnitt aus einer breiteren Sunna und ein Ergebnis einer rund 200jährigen Kanongeschichte. Er enthalte also Prophetenlogien und Gemeindebildungen. Die These, dass der gesamte Koran in allen seinen Texten historisch auf Mohammed zurückgehe, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten“ (Weltreligion Islam, S. 59).

Es ist nicht zu übersehen, dass Ohlig seine Untersuchungen weitgehend an die These von John Wansbrough in „Quranic Studies, (London 1977) “ anknüpft.

Ein anderer Aspekt für die nicht lückenlose Bewahrung des Korantextes, sei vor allem das Vorhandensein von abweichenden Mushaf (schriftliche Aufzeichnung des Korantextes) der Prophetengefährten. Tatsächlich wird in den islamischen Quellen z. B. bei Ibn Abu Dawud (gest. 928) in „Kitabu´l-Mesahif“ überliefert, dass der spätere Kalif Omar (gest. 644), Ibn Masud (gest. 653) und Ubayy b. Ka´b (gest. 649) die Sure 112 am Anfang nicht wie üblich mit „qul“ sprich gelesen haben. Außerdem habe Ibn Masud in der gleichen Sure nicht das Wort „ahad“ sondern den Begriff „wahid“ in seinem Koranexemplar aufgezeichnet (siehe hierzu: Ibn Ebu Dawud, Kitabu´l-Mesahif, Ägypten, 1936, S. 113, 222).

Vom Koranexegeten Qurtubi (gest.1273)  wird zudem berichtet, dass auch Ali ibn Abi Talib (gest. 661) insbesondere die Sure 103 (Asr) nach einem anderen Wortwahl gelesen habe, der nicht ganz dem heutigen Korantext entspricht (siehe hierzu: El Camiu li Ahkami´L-Kuran, Bd. 19, S. 330. Siehe aber auch Rudi Paret, Der Koran, Kommentar und Konkordanz, S. 521, Zweite Auflage 1981).

Wie ist es Angesicht dessen zu verstehen, wo doch die Muslime in der Gegenwart davon ausgehen, dass der Koran immer ein und derselbe Text seit Anbeginn seiner ersten Verkündigung sei? Gab es seit Beginn der Offenbarung des Korans, gegensätzlich abweichende Textvarianten?

Für den türkischen Koranforscher Prof. Ismail Cerrahoglu, besteht indes kein Zweifel, dass besonders westliche Orientalisten unermüdlich darauf hinarbeiten, die Authentizität des heutigen Korantextes zu widersprechen. Deshalb wundert es Cerrahoglu auch nicht, dass ausgerechnet der Orientalist Prof. Arthur Jeffery das kritische Werk über die Entstehungszeit des Koran „Kitabu´l-Mesahif“ von Ibn Abu Dawud (gest. 928) bei jeder Gelegenheit zitiert, um Zweifel an die gängigen autorisierten Koranausgaben zu schüren (vgl. Tefir Usulü, S. 64, Ismail Cerrahoglu, Türkiye Diyanet Vakfi Yayinlar, 20. Auflage, Ankara 2011).

Im Hadith-Korpus „al-Dschāmi as-sahīh von al-Bukhari (gest. 870) wird detailliert darüber berichtet, dass vor allem Umar ibn al-Chattab (gest. 644) den ersten Kalifen Abu Bakr (gest. 634) darauf drängte, den Koran der bis dato nur auf Palmblättern und flachen Steinen aufgeschrieben war, in ein Buchform zusammenzustellen. Der Grund für die Zusammenstellung eines Mushafs in eine Buchform war, dass in der Schlacht von al-Jamama (im Jahr 632) bedeutende Koranleser „Huffaz“ (Muslime die den Koran auswendig rezitieren konnten) starben. Zaid ibn Tabit (gest. 665) der mit einer Kommission damit beauftragt wurde, die Verantwortung für diese Angelegenheit zu übernehmen, beschreibt den Umstand wie folgt zusammen: „Abu Bakr sandte zur Zeit der Schlacht von al-Jamama, als Umar ibn al-Chattab bei ihm war, nach mir (Zaid ibn Tabit). Abu Bakr sagte: „Umar kam zu mir und sagte: In der Schlacht von al-Jamama raffte der Tod viele Koranleser dahin. Ich fürchte, der Tod möchte viele Koranleser in den Provinzen ereilen, und damit könnte ein Großteil des Korans verloren gehen. Ich glaube, du solltest anordnen, den Koran zu sammeln“. Was? Fragte ich Umar, willst du etwas tun, was selbst der Gesandte Gottes nicht tat? Bei Gott, erwiderte Umar, es wäre eine gute Tat. Umar ließ nicht ab, mich zu drängen, bis Gott mein Herz diesem Vorschlag gegenüber öffnete und ich dachte wie Umar. Zaid fuhr fort: Abu Bakr sagte zu mir: Du bist ein verständiger junger Mann, und wir sehen kein Fehler an dir; auch hast du schon für den Gesandten Gottes die Offenbarung niedergeschrieben. Geh also dem Koran nach und stelle ihn zusammen!

Bei Gott, hätte man mir befohlen, einen Berg zu bewegen, es wäre mich nicht härter angekommen als sein Auftrag, den Koran zu sammeln. Was? fragte ich (Zaid ibn Tabit), willst du etwas tun, was selbst der Gesandte Gottes nicht tat? Bei Gott, erwiderte Abu Bakr, es wäre eine gute Tat. Und er ließ nicht ab, mich zu drängen, bis Gott mein Herz diesem Vorschlag gegenüber öffnete, wie er dass Abu Bakrs und Umars geöffnet hatte. Darauf ging ich dem Koran nach und stellte ihn zusammen aus (Texten, die) auf Palmblättern, auf flachen Steinen oder in den Herzen der Männer (aufgeschrieben waren). Sogar das Ende der Sure der Buße fand ich, die ich nirgends sonst finden konnte, und zwar bei Abu l-Huzaima al-Ansari. Es handelte sich um die Verse von: „Nun ist ein Gesandter aus euren eigenen Reihen zu euch gekommen- einer, dem es nahe geht, wenn ihr in Bedrängnis kommtbis zu Schluss (Koran 9:129-130).  Die Blätter blieben bei Abu Bakr bis zu seinem Tod, dann bei Umar, bis dieser starb, dann bei Umars Tochter Hafsa“ (vgl.Sahihul Buchari, Bd. 6, S. 225. Siehe aber auch: „Die Geschichte des Koran“ (türk. Kuran-i Kerim Tarihi) Muhammed Hamidullah, S. 45-46, Beyan yayinlari).

Aus dieser Überlieferung geht eindeutig hervor, dass unmittelbar nach dem Ableben des Propheten, der Koran in ein Mushaf (schriftliche Aufzeichnungen) fixiert wurde. Zudem bezeugt der Koran selbst, dass es zu Lebzeiten des Propheten schriftlich aufgezeichnet wurde, wie dies in den folgenden Versen berichtet wird: „Und sie sagen: (Es sind) die Schriften der früheren (Generationen), die er sich aufgeschrieben hat. Sie werden ihm morgens und abends diktiert. Sag: (Nein!) Der hat ihn herab gesandt, der (alles) weiß, was im Himmel und auf Erden geheim gehalten wird. Er ist barmherzig und bereit zu vergeben“ (Koran 25:5).

„Beim Berg, (bei) einer Schrift, niedergeschrieben auf Pergament und entfaltet“ (Koran 52:1-3).

In einer weiteren Überlieferung von al-Bukhari (gest. 870) wird wiederum tradiert, dass es vor allem der 3. Kalif Uthman (gest. 656) gewesen war, der mehrere Abschriften vom Koran anfertigen ließ und diese an die neuen hinzugewonnen islamischen Zentren jeweils ein Exemplar versandt. Als Grund für die Verbreitung der Kopien ist der Bericht von Anas ibn Malik (gest. 709) aufschlussreich: „Hudaifa ibn al-Jaman kam zu Uthman, als dieser das syrische ebenso wie das irakische Heer für die Eroberung von Armenien und Adarbaigan rüstete. Hudaifa war von den unterschiedlichen Lesarten (des Koran) entsetzt und sagte zu Uthman: „Herrscher der Gläubigen, halte diese Gemeinde fest, bevor sie über ihr Buch genauso unterschiedlicher Meinung ist wie die Juden und die Christen über das ihrige“. Da sandte Uthman nach Hafsa (Tochter von Umar) und ließ ihr sagen: Schicke uns die Blätter. Wir wollen sie in Codices abschreiben und werden sie dir dann zurücksenden“. Hafsa schickte sie Uthman, der Zaid ibn Tabit, Abdallah ibn az-Zubair, Said ibn al-As und Abd ar-Rahman ibn al-Harit ibn Hisam mit der Abschrift in Codices beauftraget. Uthman sagte zu den dreien, die alle vom Stamme Qurais (Stamm des Propheten): „Wenn ihr euch bei irgendetwas im Koran von Zaid ibn Tabit unterscheidet, schreibt es entsprechend der Sprache der Qurais nieder, denn in ihrer Sprache wurde der Koran geoffenbart“. Sie taten es, und nachdem die Blätter in Codices abgeschrieben worden waren, schickte Uthman sie an Hafsa zurück. Er sandte Kopien des von ihnen hergestellten Codexes überall hin und befahl, jedes anders lautende Blatt oder jeden anders lautenden Codex zu verbrennen“ (vgl. al-Buhari, Sahih Bd. 3, S. 392-393).

Wie viele Kopien Uthman denn tatsächlich anfertigen und in die neuen Gebiete versandt, wird in den historischen Quellen mit unterschiedlichen Zahlen angegeben. Der bereits oben zitierte Ibn Abu Dawud (gest. 928) gibt in seinem Werk „Kitabu´l-Mesahif“, die Zahl zwischen vier und sieben an (Kitabu´l-Mesahif, S. 34. Vgl. auch Kuran-i Kerim Tarih, S. 50, Muhammed Hamidullah).

Die angefertigten Abschriften wurden durch die Gefährten des Propheten sowie der nachfolgenden Generation mit einer deutlich überwiegenden Zustimmung und Konsens beglaubigt. Es gab nur vereinzelten Widerstand, da diese von nun an daran angehalten wurden, den Koran nicht mehr in ihrem Dialekt, sondern nur noch ausschließlich im verkündeten Dialekt des Stammes Qurais zu rezitieren (vgl. Kurana Giris, S. 56-57, Mehmet Pacaci). Laut dem Bagdader Gelehrten Ibn Mujahid (gest. 936), gab es in der Frühzeit sieben verschiedene Lesarten gleichberechtigt nebeneinander (siehe hierzu: Nicolai Sinai, Die heilige Schrift des Islam, S. 21). Doch anderen Quellen zufolge waren sogar über zwanzig verschiedene Lesarten im Umlauf gewesen (vgl. Mustafa Öztürk, Tefsir Tarihi, S. 29-49). Der Prophet duldete anfangs abweichende Lesarten in den unterschiedlichen Dialekten, da diese als hilfreich für die Koranrezitation der neuen Muslime galten  und das Rezitieren erleichterten. In der Amtszeit von Uthman gingen die Lesarten jedoch soweit, dass selbst seine ursprünglichen Bedeutungen an etwaigen Stellen maßgeblich entstellt wurden. Das war der hauptsächliche Anlass dazu, weshalb der Kalif Uthman nur noch eine Lesart, und zwar die Lesart der Qurais für bindend erklärt hatte. Auch heute kann man die verschiedenen Lesarten in den klassischen Werken problemlos nachlesen.

Kritische Islamforscher wie John Burton, mussten schließlich nach der Anwendung von textkritischen Methoden die folgende Zeile eingestehen: “Was wir heute in unseren Händen halten, ist der mushaf (Buch) des Muhammed” (The Collection of the Quran, S. 239, Cambridge 1977).

Vollkommen ist das Wort deines Herrn in Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Es gibt niemandem, der Seine Worte abändern könnte” (Koran 6:115).

Mukatil ibn Sulaiman (gest. 767) erläutert den folgenden Koranvers 15:9 abschließend dahingehend, dass der Koran von allerlei Mängeln bewahrt geblieben ist: “Wahrlich, Wir sandten die Ermahnung herab, und Wir wollen fürwahr ihr Bewahrer sein” (Tefsir-i Kebir, Bd. 2, S. 361, isaret yayinlari).

 

Previous post:

Next post: