Wie gelangt man zum richtigen Verständnis des Koran?

von Ecevit Polat am 24. Juni 2013

Es gibt derzeit eine große Auswahl an Veröffentlichungen zu dem Thema „richtige Methode, um den Koran zu verstehen“, die besonders im Detail erläutern, wie über eine authentische Herangehensweise zum Verständnis des Korans gelangt werden kann (vgl. Temel Kaynagimiz Kuran, Fevzi Zülaloglu, S. 416-464). Hierbei werden von unterschiedlichen Autoren diverse Prinzipien aufgegliedert, ohne dessen Beachtung kein fundiertes Koranbild entstehen kann. Für den Vorsitzenden der Sülemaniye Stiftung Prof. Abdulaziz Bayindir, ist ohne Zweifel der Koran selbst sein bester Kommentator. Als Beleg wird die Sure Hud angeführt, indem es Gott allein zusteht, Seine Schrift zu erläutern: „(Dies ist) ein Buch, dessen Verse vervollkommnet und dann im Einzelnen erklärt worden sind – von einem Allweisen, Allkundigen“ (Koran 11:1).

Im Koran sei ein System enthalten, wonach es eine innige Beziehung zu den verschiedenen Koranversen aufzuweisen ist. Dies soll unter anderem aus den folgenden Vers hervorgehen: „Gott hat die schönste Verkündigung herabgesandt, ein Buch mit gleichartigen Worten und wiederholten Wendungen“ (Koran 39:23).

Nach Prof. Bayindir gibt es jedoch drei grundlegende Voraussetzungen für eine richtige Interpretation des Korantextes. Die ersten zwei Bedingungen werden in der Sure Fussilat unmissverständlich aufgeführt: „ein Buch, dessen Verse klargestellt sind, ein arabischer Koran für Menschen (kavmiy), die sich um Wissen bemühen“ (Koran 41:3).

Hiernach ist es zum einen die vornehmliche Pflicht der menschlichen Gemeinde (türk. Kavim), sowohl der Frauen als auch der Männer, die innere Beziehungen einzelner Koranverse ausfindig zu machen. Eine authentische Interpretation kann nur durch die gemeinsame Anstrengung der Gemeinschaft erfolgen und ist somit keine Aufgabe der einzelnen Individuen. Die zweite Bedingung ist, wie im obigen Vers zitiert, die arabische Sprache gut zu kennen. Bayindir weißt auch im Zusammenhang zum folgenden Koranvers nachdrücklich darauf hin, dass es sich hierbei um keine gewöhnlichen Experten handeln darf, die dieser Aufgabe nachkommen können: „Diejenigen aber, die ein tief begründetes Wissen (er-rasihune fi´l-ilm) haben“ (Koran 3:7). Deshalb wird als dritte Bedingung ein fundiertes Wissen über den Koran vorausgesetzt (siehe hierzu: Abdulaziz Bayindir, Dogru Bildigimiz Yanlislar, S. 314-316).

Prof. Yasar Nuri Öztürk vertritt eine ähnliche Sichtweise wie Bayindir. Um den Koran in seiner Bandbreite richtig zu verstehen, ist es nach Öztürk unerlässlich, die gesamten Zusammenhänge in Betracht zu ziehen. Nur so kann die Intention des Korans im Rahmen des Möglichen richtig verstanden werden. Der Koran enthalte maßgebliche Prinzipien, wenn es um die Interpretation der Schrift gehe: „Der Koran ist in der Menschheitsgeschichte vielleicht das einzige Buch, das gewisse Prinzipien aufstellt, wie er zu kommentieren und zu interpretieren ist. Wir können nicht einen Abschnitt des Korans verstehen, wenn wir nicht den gesamten Koran verstehen, wir können nicht einen Vers begreifen, wenn wir die anderen Verse vernachlässigen. Der Koran ist, genauso wie das Buch der Schöpfung, eine Einheit, in der das eine mit allem und alles mit dem einen in Verbindung steht“ (400 Fragen zum Islam 400 Antworten, S. 88, Yasar Nuri Öztürk).

Der Theologe Prof. Sadreddin Gümüs bemerkt in seinem Werk „die Grundlagen des Koranischen Tafsir“ an, dass besonders im folgenden Koranvers Gott unverblümt versichert hat, die Erläuterung der heiligen Schrift Ihm allein vorbehalten sei: „Dann obliegt Uns (Gott), seine Bedeutung darzulegen“ (Koran 75:19). Gümüs schreibt: „Wenn ein Koranvers einen anderen Vers erläutert hat, so ist dies für uns zweifellos die richtige und sicherste Auslegung“ (Kuran Tefsirinin Kaynaklari, S. 31, Sadreddin Gümüs).

In Anlehnung an den Gelehrten As-Suyuti (gest. 1505), fasst der deutsche Muslim Ahmad von Denffer die Kerngedanken prägnant wie folgt zusammen: „Die Interpretation des Koran durch den Koran ist die höchste Quelle des tafsir. Viele Fragen, die sich aus einem bestimmten Koranabschnitt ergeben, erfahren ihre Erklärung in anderen Teilen desselben Buchs und oft besteht keine Notwendigkeit, sich anderen Quellen als dem Wort Allahs zuzuwenden, dass in sich selbst tafsir (Erläuterung) enthält. Erläuterung einer aja (Vers) des Korans durch Rückgriff auf eine andere aja (Vers) aus dem Koran zu suchen, ist die erste und vornehmste Pflicht des mufassir (Koranausleger). Nur wenn das nicht ausreicht, wird er andere Quellen des tafsir heranziehen“ (Ulum al-Qur´an, S. 148, Ahmad von Denffer).

Wie im Grunde genommen ein Koranvers den anderen explizit auslegt, kann aufgrund einiger Beispiele aus dem Koran näher erläutert werden. Muslime rezitieren mindestens 17 Mal am Tag die Sure Al-Fatiha in ihren Pflichtgebeten mit dem Satz: „Führe uns den geraden Weg“ (Sure 1 Vers 6).

Was jedoch genau dieser gerade Weg ist, wird in der Sure Al-Fatiha nicht näher erläutert. Die Sure Al-An´am erläutert den Begriff „geraden Weg“ umgehend mit drei aufeinander folgenden Koranversen: „“Sprich: „“Kommt her, ich will verlesen, was euer Herr euch verboten hat: Ihr sollt Ihm nichts zur Seite stellen und den Eltern Güte erweisen; und ihr sollt eure Kinder nicht aus Armut töten, Wir sorgen ja für euch und für sie. Ihr sollt euch nicht den Schändlichkeiten nähern, seien sie offenkundig oder verborgen; und ihr sollt niemanden töten, dessen Leben Gott unverletzlich gemacht hat, außer wenn dies gemäß dem Recht geschieht. Das ist es, was Er euch geboten hat, auf das ihr es begreifen möget.“

„Und kommt dem Besitz der Waise nicht nahe, es sei denn zu ihrem Besten, bis sie ihre Volljährigkeit erreicht hat. Und gebt volles Maß und Gewicht in Billigkeit. Wir fordern von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten vermag. Und wenn ihr eine Aussage macht, so übt Gerechtigkeit, auch wenn es einen nahen Verwandten (betrifft); und haltet den Bund Gottes ein. Das ist es, was Er euch gebietet, auf das ihr ermahnt sein möget.“ Und dies ist Mein gerader Weg. So folgt ihm; und folgt nicht den (verschiedenen) Wegen, damit sie euch nicht weitab von Seinem Weg führen. Das ist es, was Er euch gebietet, auf das ihr gottesfürchtig sein möget (Koran 6:151-153, siehe hierzu auch: Islam ist Barmherzigkeit, S. 86-87, Mouhanad Khorchide).

Es wird im Koran berichtet, dass die erste Offenbarung in der gesegneten Nacht herabgesandt wurde: „Wahrlich, Wir haben es in einer gesegneten Nacht herabgesandt „ (Koran 44:3).

Was ist jedoch die gesegnete Nacht, in welchem der Koran herabgesandt wurde? Die Antwort ist: „Wahrlich, Wir haben ihn (den Qur´an) herabgesandt in der Nacht von Al-Qadr (Koran 97:1).

Als ein weiteres Beispiel könnte die Sure al-Fadschr angeführt werden. Hiernach wurden einige Völker von Gott aufgrund des frevelhaften Verhaltens komplett ausgelöscht. Hier heißt es: „Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den Ad verfuhr, mit (der Stadt) Iram, der Säulenreichen, dergleichen nicht erschaffen wurde in (anderen) Ländern? Und den Thamud, die die Felsen im Tal aushöhlten? Und Pharao mit seinen bodenfesten Bauten? Denjenigen, die im Lande gewalttätig waren und dort viel Verderbnis stifteten? Darum ließ dein Herr die Geißel der Strafe auf sie schütten (Koran 89:6-13).

Nach dem äußeren Wortlaut könnte wohl davon ausgegangen werden, dass Gott sowohl die Ungläubigen als auch die darunter befindlichen  Gläubigen Menschen allesamt ausgelöscht habe. Es wird zudem nicht ausführlich darüber berichtet, mit welchen Naturkatastrophen sie letztendlich vernichtet wurden. Die Sure Fussilat geht auf den geschichtlichen Kontext ausführlicher ein: „Als ihre Gesandten zu ihnen kamen von vorn und von hinten (und sagten): „“Dient keinem außer Gott.““ Da sagten Sie: „“Hätte unser Herr es gewollt, hätte Er zweifellos Engel herabgesandt. So lehnen wir das ab, womit ihr gesandt worden seid. Was nun die Ad anbelangt, so betrugen sie sich ohne Recht hochmütig auf Erden und sagten: „“Wer hat mehr Macht als wir?““ Konnten sie denn nicht sehen, dass Gott, Der sie erschuf, mächtiger ist als sie? Jedoch sie fuhren fort, Unsere Zeichen zu leugnen. Darum sandten Wir gegen sie einen eiskalten Wind mehrere unheilvolle Tage hindurch, auf das Wir sie die Strafe der Schmach in diesem Leben kosten ließen. Und die Strafe des Jenseits wird gewiss noch schmählicher sein, und es wird ihnen nicht geholfen werden. Und was die Thamud anbelangt, so wiesen Wir ihnen den Weg, sie aber zogen die Blindheit dem rechten Weg vor; darum erfasste sie die blitzschlagartige Strafe der Erniedrigung um dessentwillen, was sie begangen hatten. Und Wir erretteten jene, die glaubten und gottesfürchtig waren (Koran 41-14-18). Der letzte Vers unterstreicht in aller Deutlichkeit, dass die Gläubigen von diesen Strafen ausgenommen waren, wobei in der vorausgehenden Sure al-Fadschr (89:13) keine Ausnahme zur Unterscheidung näher definiert wurde.

Für den türkischen Koranforscher Prof. Mustafa Öztürk, ist die Methode um die Auslegung des Korans durch den Koran selbst, mit etwaigen Schwierigkeiten zu versehen. Denn welcher Koranvers den anderen Vers auslegt, bleibt letztendlich ein subjektives Vorgehen. Deshalb gibt es vor allem bei dieser Herangehensweise keinen Konsens innerhalb der Exegeten. Öztürk bemerkt indes, dass der Gründervater dieser Methodologie zweifelsohne Ibn Taymiya (gest. 1328) ist (siehe hierzu: Kuran, Tefsir ve Usul, S. 10-20, Mustafa Öztürk). Auf die ihm gestellte Frage, welche die beste Methode sei (ehsanu turuki´t-tafsir) antwortete Ibn Taymiya mit dem folgenden Satz: „den Koran mit dem Koran erläutern“ (Takiyyuddin ibn Teymiyye, Mukaddimetu´t-Tefsir, Riyad 1398, Bd. 13, S. 363).

Weitere Gelehrte wie Ibn Kesir (gest. 1373), Zerkesi (gest. 1393) und Suyuti (gest. 1505), führten diese Methode weiterhin aus, die schließlich bis heute noch als eine attraktive Methode von diversen Koranexegeten weiterentwickelt wird (vgl. Kuran, Tefsir ve Usul, S. 10-20, Mustafa Öztürk). Zu Anfang des 21. Jahrhunderts erschien die 21 bändige Koranexegese von Prof. Bayraktar Bayrakli. Die hauptsächliche Intention des Autors ist es, den Koran über den Koran sprechen zu lassen. Deshalb sei nach Prof. Bayrakli die vornehmliche Pflicht eines jeden Exegeten, diese primären Prinzipien nicht aus dem Auge zu verlieren. Denn dies wäre der sicherste Weg, die grundlegende Botschaft Gottes in seine Bandbreite zu erfassen (vgl. Yeni bir anlayisin isiginda Kuran Tefsiri, Bd. 1, S. 58-59, Bayraktar Bayrakli).

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