Die Verschleierung(Kopftuch) der Frau im Islam

von Ecevit Polat am 28. August 2010

Die Tradition der Verschleierung und Absonderung der Frauen (beides bezeichnet der begriff „Hidschab“) existierte in Arabien lange vor Mohammed(s) und geht vorrangig auf arabische Kontakte mit Syrien und Iran zurück, wo der Hidschab ein Indiz für den vornehmen gesellschaftlichen rang einer Frau war.
Denn nur eine Frau, die nicht auf den Feldern arbeiten musste, konnte es sich leisten, abgesondert und verschleiert zu leben.

In der Umma wurde die Sitte der Verschleierung der Frau erst um 627 n.Chr. eingeführt, mit dem herabkommen des sogenannten „Hidschab-Verses“ auf die islamische Gemeinde.
Dieser Vers bezieht sich jedoch ausschließlich auf Mohammeds Ehefrauen:
„Ihr gläubigen! Betretet nicht die Häuser des Propheten, ohne dass man euch Erlaubnis erteilt.
Tretet vielmehr (erst) ein, wenn ihr gerufen werdet.
Und geht wieder eurer Wege, wenn ihr gegessen habt. (…)
Und wenn ihr die Gatinnen des Propheten um etwas bittet, das ihr benötigt, dann tut dies hinter einem Vorhang! Auf diese weise bleibt euer und ihr herz eher rein
. (…).“

 

Diese Vorschrift erscheint plausibel, wenn man bedenkt, dass Mohammeds Haus gleichzeitig die Moschee der gemeinde war, Mittelpunkt des religiösen und sozialen Lebens der Umma.
Hier gingen Leute ein und aus. Wenn Delegationen anderer Stämme Mohammed aufsuchten, stellten sie ihre Zelte oft tagelang in dem offenen Innenhof auf, nur wenige Meter von den Schlafgemächern der Ehefrauen Mohammeds entfernt.
Und Neuankömmlinge wohnten nach ihrer Ankunft in Yathrib so lange in der Moschee, bis sie eine Unterkunft gefunden hatten.

In der zeit, da Mohammed(s) kaum mehr war als ein Stammesschaich, blieb dieses kommen und gehen erträglich. Doch nach 627, als er der mächtige Führer einer expandierenden Gemeinschaft wurde, mussten Regelungen getroffen werden, um den Ehefrauen des Propheten ein Mindestmaß an Privatsphäre zu sichern. Und so übernahm man die Sitte der iranischen und syrischen Oberschicht, hochgestellte Damen durch Verhüllung und räumliche Absonderung vor neugierigen blicken zu schützen.

Dass der Schleier eine Sonderregelung ausschließlich für Mohammeds Ehefrauen war, wird auch durch die Tatsache belegt, dass der begriff „den Schleier anlegen“ (arab. „darabat al-hidschab) gleichbedeutend war mit „Mohammeds Frau werden“. Aus diesem Grund folgte zu Lebzeiten des Propheten keine andere Frau aus der Umma der Vorschrift des Hidschab.
Selbstverständlich waren anstand und Sittsamkeit Forderungen, die für alle gläubigen galten, und besonders Frauen wurden angewiesen, „ihr gewand herunterzuziehen.
So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie als gläubige erkannt und daraufhin nicht belästigt werden“ (33, 59; Übersetzung nach Reza Aslan).
Insbesondere sollten Frauen in Anwesenheit fremder Männer „darauf achten, dass ihre Scham bedeckt ist und ihren schal (arab. „khamr“) über die Brust ziehen“ (24, 31; Übersetzung nach Reza Aslan).
Doch wie Leila Ahmed bemerkt, wird der begriff „Hidschab“ im gesamten Koran ausschließlich für Mohammeds Ehefrauen verwendet.

Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wann der Schleier von der gesamten Umma als brauch übernommen wurde, vermutlich jedoch erst lange nach dem Tod des Propheten.
Wahrscheinlich begannen muslimische Frauen den Schleier zu tragen, um den Ehefrauen des Propheten nachzueifern, die als „Mütter der Umma“ (arab. „umm al-umma) verehrt wurden.
Doch erst nach Mohammeds Tod, als männliche Schrift- und Rechtsgelehrte ihre religiöse und politische Autorität dazu benutzten, die gesellschaftliche Dominanz wiederzugewinnen, die sie im Zuge der egalitären Reformen des Propheten Eingebüßt hatten, wurde der Schleier zum zwang und zu einer allgemein verbreiteten Sitte.

Quelle: „Kein Gott außer Gott“ von Reza Aslan

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