Kann es zwischen Koran und Hadithe widersprüche geben?

von Ecevit Polat am 23. Dezember 2011

Auszüge aus dem Sahih Al-Buharyy (Al-Bucharyy, Al-Bukhari)

Zu dem Koranvers 61 der Sure 43: ,, Doch er dient  wirklich als Vorzeichen der Stunde“ schreibt Muhammad Ibn Ahmad Ibn Rassoul in Tafsir Al- Quran Al- Karim auf Seite. 1126-1127 folgendes:

In einem Ḥadīṯ heißt es: Jesus wird über einen Bergpass namens Afīq ins heilige Land herabkommen und in der Hand einen Speer tragen, mit dem er den falschen Propheten (Ad-Daǧǧāl) töten wird. Er wird dann nach Jerusalem kommen, wenn die Bewohner gerade das Frühgebet verrichten. Der Vorbeter wird angesichts der Erscheinung Jesu zurücktreten wollen, aber Jesus wird ihm den Vortritt lassen und hinter ihm nach der Šarī‘a Muḥammads das Gebet verrichten. Hierauf wird er die Schweine töten, das Kreuzzerschlagen, die Kirchen und Tempel zerstören und die Christen, soweit sie nicht den rechten Glauben an ihn haben, töten. (Baid, Gät)

Dieser Hadith, der in Buhari überliefert wird und von den Etablierten Rechtsschulen (Hanafi, Schafi, Hanbeli und Maliki)  als absolut authentisch eingestuft wird, widerspricht angesichts der zahlreichen Koranverse, die genau das Gegenteil offenbaren.

Die Sure 22 al-Hadsch (die Pilgerfahrt) genügt eigentlich, um diesen Hadith explizit zu widerlegen.

In Vers 16-17 heißt es hierzu: „ Und so haben Wir Ihn als deutliche Botschaft hinabgesandt. Und Gott leitet, wen Er will. Siehe, die Muslime und die Juden und Sabär und die Christen und die Magier und die Polytheisten – Gott wird gewiss am Tage der Auferstehung zwischen ihnen entscheiden. Siehe Gott ist Zeuge aller Dinge“.

In der selben Sure in Vers 40 lesen wir folgendes:“ Und Hätte Gott nicht die einen Menschen durch die anderen abgewehrt, wären (viele) Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen Gottes Name häufig gedacht wird, bestimmt zerstört worden.

Der muslimische Buchautor und Denker Murad Wilfried Hofmann warnte bereits vor vielen Jahren, in dem er auf diese prekäre Situation in „ Islam im 3. Jahrtausend“ hinwies. Im Folgendem ein  Ausschnitt aus dem Buch.

Die übergroße Mehrheit der Muslime hält im Prinzip an den Hadith-Sammlungen fest, räumt aber ein, daß sich darin schon aufgrund einer bloßen Wahrscheinlichkeitsrechnung noch unauthentisches Material finden kann. Damit sind die qualifiziertesten zeitgenössischen muslimischen Wissenschaftler in Nachfolge von Numani al-Shibli, Fazlur Rahman, Muhammad al-Ghazali und Yusuf al-Qaradawi aufgerufen, mit den modernsten Methoden der historisch-kritischen Forschung ein weiteres, zweites Mal zu versuchen, die Überlieferungen des Propheten in gültige und ungültige zu scheiden: eine monumentale Aufgabe von hoher Verantwortung, ohne deren Bewältigung der Islam kaum hoffen kann, den Aufgaben des 3. Jahrtausends gewachsen zu sein. Wie entscheidend diese Arbeit ist, ergibt sich aus der von ihr zu beantwortenden Hauptfragen:

• Sind Koran und Sunna beide Offenbarungen (wahy), oder ist die Sunna nur inspirierte (ilham) Rechtsleitung?

• Kann die Sunna den Koran abändern (derogieren)? Kann der Koran die Sunna abändern?

• Sind Sunna und Hadith identisch, oder gibt es neben den schriftlich festgehaltenen Traditionen (Hadith) noch eine >lebendige<, ohne Schriftform weitergegebene Sunna der frühen islamischen Gemeinde?

• Kann ein Hadith verworfen werden, obwohl seine Überliefererkette in Ordnung zu sein scheint?

• Wenn ein Hadith aus Gründen seines Inhalts (matn) verworfen werden soll, welches sind die dafür zulässigen Kriterien (Vernunft; Freiheit von Widersprüchen; historische oder kontextuelle Gründe)?

• Ist die gesamte Sunna moralisch bindend? Sind Traditionen rechtlicher Natur notwendig zeitlos und weltweit bindend? Beim Durchdenken dieser Fragen könnte einem schwindlig werden – auch dann, wenn man nicht wüsste, dass die Zukunft des Islam im 3. Jahrtausend davon wesentlich betroffen ist.

 

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