Ist Jesus Sohn Gottes oder ein Prophet?

von Ecevit Polat am 12. November 2012

Die größte Streitfrage und für viele auch ein Hindernis im Dialog zwischen den zwei Weltreligionen dem Christentum und dem Islam, ist zweifellos, das Verständnis über die Natur Jesus (a). Nach dem Neuen Testament ist Jesus (a) im physiologischen Sinn, der erzeugte Sohn Gottes: „Niemand hat Gott je geschaut. Der einzig erzeugte Sohn“ der an der Brust des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1, 18).

Der Koran betont jedoch unmissverständlich, dass auch Jesus genauso wie die vorangegangenen Gesandten, nur ein sterblicher Mensch sei. Auch wird hervorgehoben, dass das  Prädikat „Sohn Gottes“ nur eine Erfindung der Menschen ist: „Und die Christen sagen: Der Messias ist Gottes Sohn (ibn Allah). Das ist ihre Rede aus ihrem eigenen Munde!“ (Koran 9:30).

Wurde Jesus (a) tatsächlich seit Beginn seiner Mission als Sohn Gottes verehrt? Was sagen die historischen Quellen dazu?

Der christliche Religionswissenschaftler Professor Thomas Schirrmacher ist fest davon überzeugt, dass Jesus (a) mit dem Titel „Sohn Gottes“ auch immer schon öffentlich auftrat. Seine Anhänger und Mitstreiter verehrten ihn als Sohn Gottes (siehe hierzu: Schirrmacher, Koran und Bibel, S. 88-90).

Für viele gläubige Christen liegt der Beweis für die Sohnschaft Jesu (a) im Neuen Testament. Joachim Gnilka ist Professor für neutestamentliche Exegese und Buchautor zahlreicher Werke. Sein Schwerpunkt liegt vor allem darin, den Beweis zu erbringen, dass die Bibel in sämtlichen Vergleichen dem Koran überlegen sei. Nach Gnilka ist die Beweislage über die göttliche Natur von Jesus (a) offenkundig, weil dies an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments vorkommt. Daher wäre es des Weiteren auch nicht nötig, darüber sinnlos zu streiten: „Als Gottessohn steht er in einem einzigartigen Verhältnis zu Gott. Dabei ist es von Bedeutung, dass diese beiden Prädikate (Christus/Sohn) in allen wichtigen neutestamentlichen Schriften und Schriftgruppen hinreichend vertreten sind, auch in den synoptischen Evangelien“ (Bibel und Koran, Was sie verbindet, was sie trennt, S. 103).

Sind die Schriftgruppen denn wirklich hinreichend in den historischen Quellen dokumentiert, wie  Gnilka es zu glauben wünscht?

Der evangelische Theologie Professor Gerd Lüdemann lässt keinen Zweifel darüber walten, dass insbesondere die historischen Quellen in Bezug auf die Person Jesus (a) mangelhaft erscheinen. Es gibt im wahrsten Sinne des Wortes keine schriftliche Quellen, die lückenlos weder auf Jesus (a), noch auf seine Gefährten zurückzuführen sei. Die historische Bibelkritik habe dies wissenschaftlich nachgewiesen: „So haben wir über Jesus nur Fremdberichte. Sie sind weder in seiner aramäischen Muttersprache verfasst, noch stammen sie von Augenzeugen. Die Erzählungen über ihn sind zudem nicht selten widersprüchlich“ (Gerd Lüdemann, Ketzer- Die andere Seite des frühen Christentums, S. 71).

Für den international renommierten Religionswissenschaftler Professor Mircea Eliade, ist selbst eine Rekonstruktion der Botschaft von Jesus (a) nur erschwerlich zu filtern: „Es ist nicht möglich, seine ursprüngliche Botschaft zu rekonstruieren“ (Handbuch der Religionen, S. 202).

Nach den Historikern besteht heute ein weitgehender Konsens darüber, dass erst im Jahre 325 im Konzil von Nizäa Jesus (a) wesensgleich mit Gott gesetzt wurde. Ironischerweise wurde das Konzil von einem nicht getauften Heiden Kaiser Konstantin (gest. 337) einberufen. Eines der Gründe für die Einberufung der Bischöfe war unter anderem, die Streitigkeiten unter den verschiedenen Gruppen über die Natur Jesus (a) ein Ende zu setzten. Nach intensiven Disputationen innerhalb der Bischöfe, konnte sich die Überzeugung allmählich zugunsten der Göttlichkeit von Jesus (a) durchsetzen.

Dr. Gerhard Wehr skizziert den historischen Ablauf prägnant wie folgt: „So lud der noch nicht getaufte Konstantin (gest. 337) im Jahr 325 etwa 220 Bischöfe nach Nizäa in Bithynien ein, von denen die Mehrzahl aus der Ostkirche kam. Die Einflussnahme des Kaisers war offensichtlich, da er die Reisekosten beglich und seinen Sommerpalast als Tagungsort für das erste ökumenische Konzil der Christenheit zur Verfügung stellte“. Die Diskussion mündete in den Beschluss ein: „Christus ist wesensgleich mit dem Vater“ (Gerhard Wehr, Christentum, S. 36).

In seinem Buch „Jesus im Koran“  behandelt  Dr. Martin Bauschke die Frage über die historische Entwicklung von Jesus (a) vom Menschensohn zur Göttlichkeit hin ausführlich. Auch für Bauschke ist es nicht einfach, von der Hand zu weisen, dass der anfängliche Jesus (a) als Prophet seines Volkes  und nicht im wörtlichen Sinne als Sohn Gottes auftrat. Erst nach drei Konzilen konnte sich allmählich die heutige Auffassung der Groß- Kirchen  nach heftigen Auseinandersetzungen durchsetzen. Die Ansicht der Christen, die Jesus (a) für nicht gezeugt sondern von Gott erschaffen wähnten, wurden unter schrecklichen Bedingungen verfolgt: „Im Verlaufe jahrhundertelanger christologischer Streitigkeiten ist die Rede von der exklusiven Gottessohnschaft Jesu auf den Konzilen von Nizäa (325), Konstantinopel (381) und Chalzedon (451) dogmatisiert worden, und das zudem in einem metaphysischen, substanzontologischen Sinne, ähnlich wie in den altorientalischen Götterkulten, von der auch die Ideologie der Apotheose des römischen Kaiserkultes beeinflusst war. Das sog. „Nicaeno-Constantinopolitanum (381)“ bekennt von Jesus, er sei „gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich dem Vater“ (gr. Gennethenta ou poithhenta, homoousion to patri). Alle andersglaubenden Christen wurden von den Konzilvätern als häretisch verdammt. Einige Kirchen, darunter die arianischen, monophysitischen und nestorianischen Kirchen, haben das Chalcedonense von 451 abgelehnt (Jesus im Koran, S. 70).

Der Koran verwirft ausdrücklich die Göttlichkeit von Jesus (a) und seiner Mutter Maria (r), in dem er darauf aufmerksam macht, dass Beide menschliche Eigenschaften hatten, vor allem durch die Aufnahme von Nahrung. Auch Maria (r) wurde als Gottesgebärerin in orientalischen Teilen der Welt hoch verehrt. Der Jerusalemer Bischof Cyrill (gest. 386) war wohl der erste Theologe, der Maria „Muttergottes“ bzw. „Gottesgebärerin bezeichnete“  (gr. Parthenos he theotokos) nannte (in: Catechesis Bd. X, S. 19, zit. nach Migne (Hg.), Patrologia Graeca. Siehe auch: Neutestamentliche Apokryphen, Bd. 1, S. 365).

Der Messias, der Sohn der Maria, ist nichts anderes als ein Gesandter. Ihm gingen andere Gesandte voraus, und seine Mutter war aufrichtig. Beide nahmen Nahrung zu sich“ (Koran 5:75).

Professor Sayyid Qutb (gest. 1966) erläutert in seinem Korankommentar den Unterschied ausgehend von den  Eigenschaften von Jesus (a) und Maria (r) zum Schöpfer Gott. Für Qutb ist dies auch ein unwiderlegbarer  Beweis dafür, dass erst nach dem Ableben von Jesus (a) dieser als Sohn Gottes vergöttert wurde: „Dass er Nahrung zu sich genommen hat, ist im Leben Jesu- Gottes Friede sei mit ihm- sowie im Leben seiner wahrhaften Mutter eine Tatsache. Sie ist eine Eigenheit von erschaffenen Lebewesen und ein Zeichen des Mensch-Seins von Jesus und seiner Mutter. Wer Nahrung zu sich nimmt, stillt damit ohne Zweifel ein menschliches Bedürfnis, und es kann kein Gott sein, der dies tut, um zu leben. Denn Gott lebt, besteht und erhält Sich Selbst, ohne Essen zu benötigen“ (Fi Zilal al-Qur´an, zu Sure 5 Vers 75).

Nach dem katholischen Theologen Professor Hans Küng, darf die Sohnschaft keinesfalls als eine physische Gottessohnschaft verstanden werden. Jesus (a) habe nie den Titel „Gottessohn“ für sich in Anspruch genommen. Küng stützt seine Sichtweise hauptsächlich auf die historisch-kritische Exegese. So beschreibt er den historischen Jesus (a) folgendermaßen: „Was in der Diskussion immer wieder vergessen wird: Jesus selber war Jude und einem heutigen palästinischen Araber schon phänotypisch sehr viel ähnlicher als allen unseren byzantinischen, italienischen, spanischen oder deutschen Jesusbildern. Dieser jüdische Jesus dachte so wenig wie heute ein Muslim daran, den Glauben an den einen Gott- das erste Gebot!- aufzulockern. „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott allein“ war seine Reaktion auf die Anrede „Guter Meister“ (Markus, 10, 17. Siehe hierzu: Christentum und Weltreligionen, S. 172-173).

Werden nicht alle Menschen laut der Bibel, als Gottes Kinder betrachtet? „Damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“ (Matthäus, 5: 45).

Schon im Alten Testament ist die Rede von den Gottessöhnen. Wie ist das aber konkret zu verstehen, etwa als leibliche Söhne? Sohn Gottes bedeutet so viel wie: in einem besonderen Verhältnis zu Gott stehen, von ihm erwählt sein. Das Volk Israel wird als Gottes erstgeborener Sohn beschrieben: „Und du sollst zu ihm sagen: So spricht der Herr: Israel ist mein erstgeborener Sohn(Exodos, 4:22).

Die Menschen in Jerusalem betrachteten Jesus (a) nicht anders wie in den Traditionen der Altvorderen, als den auserwählten Propheten seines Volkes: „Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der? Die Menge aber sprach: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa“ (Matthäus, 21: 10-11).

Für den Autor christlicher Publikationen Dr. Konrad Dietzfelbinger, kommt es allein auf die spirituelle Erfahrung an, nicht an die historische Authentizität der Bibel. Auch wenn diverse Textstellen bewusst oder unbewusst verfälscht wurden, entscheidend sei die geistliche Wahrheit des Neuen Testaments. Für den Glauben reicht es vollkommen aus, auch dann, wenn die schriftlichen Quellen erst ca. 200 Jahren nach Christus nieder geschrieben wurden: „Ob und wie viele Änderungen in dieser Hinsicht durchgeführt wurden, lässt sich für die Zeit bis etwa 200 n. Chr. nicht mehr mit Sicherheit ausmachen. Erst von da ab sind Handschriften mit vollständigen Büchern des Neuen Testaments erhalten. Was vorher mit diesen Büchern geschehen sein könnte, liegt im Dunkeln. Aber viele Texte sind ja ohnehin Schicht um Schicht zusammengefügt, wie etwa die Evangelien, und mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von Augenzeugen der Ereignisse um Jesus verfasst. Was spielt es da für eine Rolle, wenn noch Hinzufügungen gemacht worden sind- vorausgesetzt, sie dokumentieren den Geist eigenständiger spiritueller Erfahrungen und damit der Wahrheit? Sind nicht die Verse Markus 16: 9-20, das halbe Kapitel am Ende des Markusevangeliums, ja das ganze 21. Kapitel des Johannesevangeliums solche Hinzufügungen? (Konrad Dietzfelbinger, die Bibel, S. 98. Siehe auch: Der historische Jesus, Angelika Strotmann).

Wahrlich, Jesus ist vor Gott gleich Adam; Er erschuf ihn aus Erde, als dann sprach Er zu ihm: „Sei!“ und da war er. (Dies) ist die Wahrheit von deinem Herrn! Darum sei keiner der Zweifler“ (Koran 3:59-60).

Fürwahr, die Wahrheit leugnen diejenigen, die sagen: Siehe, Gott ist der Christus, Sohn der Maria- da doch der Christus (selbst) sagte: O Kinder Israels! Betet Gott (allein) an, der mein Erhalter wie auch euer Erhalter ist. Siehe, wer immer irgendeinem Wesen neben Gott Göttlichkeit zuschreibt, dem wird Gott das Paradies verwehren, und sein Ziel wird das Feuer sein; und solche Übeltäter werden keinen haben, ihnen beizustehen!“ (Koran 5:72 Übersetzung nach Muhammad Asad).

Previous post:

Next post: