Schliefen die „Leute der Höhle“ wirklich 309 Jahre lang?

von Ecevit Polat am 30. Januar 2012

 

Nach den klassischen Korankommentatoren handelt es sich bei den „Männern der Höhle“ um gläubige Christen, die während der Regierungszeit von Kaiser Decius (249-251 n. C.) gewaltsam verfolgt wurden. Der Grund für ihre brutale Unterdrückung und Verfolgung war, dass sie neuerdings anfingen, den monotheistischen Glauben öffentlich zu predigen. Die damalige Staatsreligion war jedoch die römische Religion.

Der in Bukarest geborene (1907) Religionswissenschaftler Mircea Eliade schreibt zu dieser Religion folgendes: „Im 3. Jahrhundert sind die Kaiser bestrebt, sich mit Götter zu identifizieren: Septimius Severus und seine Gemahlin Julia Donna lassen sich anbeten wie Jupiter und Juno.“ (Handbuch der Religionen, S. 122) Auch berichten die zahlreichen muslimischen Geschichtsschreiber, dass sie erst nach einem langen Schlaf (dreihundertneun Jahre) in der Herrschaftszeit von Kaiser Theodosium II (408-450 n. C.) wieder erwachten. Als Beleg für den langen Zeitraum ihres Schlafes, wird dieser Koranvers herangezogen: „Und sie verweilten in ihrer Höhle dreihundert Jahre und neun dazu.“ (18:25.Übersetzung nach Ahmad von Denffer)

„Und sie blieben dreihundert Jahre lang in ihrer Höhle…“ (18:25. Übersetzung nach Muhammad Rassoul)

„Und sie verweilten dreihundert Jahre in ihrer Höhle…“ (18:25. Übersetzung nach Rudi Paret)

Der Historiker und Hadith- Spezialist ibn Kathir (gest. 1387) kommentierte den Aufenthalt der Männer  in der Höhle folgendermaßen: „Hier berichtet Gott, wie lange sie in der Höhle schliefen. Nach dem Mondjahr waren es dreihundertneun Jahre und nach dem Sonnenjahr dreihundert Jahre. Der Unterschied liegt daran, dass zwischen dem Mond und dem Sonnenjahr alle hundert Jahre eine Differenz von drei Jahren entsteht.“ (Tafsir al- Quran al- adhim, Bd. 6, S. 81)

Schliefen sie wirklich so viele Jahre in der Höhle, wie uns ibn Kathir glauben lassen will? Gibt es unter den Korankommentatoren auch andere Auslegungen und Betrachtungsweisen zu dem Ereignis?

Muhammad Asad übersetzt den Koranvers, indem er in Klammern Einschübe hinzufügt, was den Sinn und Gehalt diametral verändert:

„Und (einige Leute behaupten) Sie bleiben dreihundert Jahre in ihrer Höhle; und einige haben (dieser Zahl) neun hinzugefügt. Sag: Gott weiß am besten, wie lange sie (dort) blieben.“ (18:25. Die Botschaft des Koran, S. 561)

Hiernach waren es die Menschen jener Zeit, die über die Anzahl der Jahre spekulierten und keine Darlegung Gottes war, was die Jahre betrifft: Sag: Gott weiß am besten, wie lange sie (dort) blieben.

Schon im Vers 22 zuvor begannen die Menschen über die Anzahl „der Männer der Höhle“ zu spekulieren: „(Und in kommenden Zeiten) werden einige sagen: (Sie waren) drei, der vierte von ihnen war ihr Hund, während andere sagen werden: Fünf, mit ihrem Hund als sechstem von ihnen- müßig über etwas vermutend, wovon sie kein Wissen haben können- und (so weiter, bis) einige sagen werden: (Sie waren) sieben, der achte von ihnen war ihr Hund.“ (18:22- Übersetzung nach Muhammad Asad)

Asads Interpretation erhält auch von den modernen Koranexegeten wie Mustafa Islamoglu, Süleyman Ates und Ihsan Eliacik Unterstützung. Eliacik schreibt dazu: Es war die damalige Bevölkerung, die den langen Zeitraum von dreihundert neun Jahren überlieferten.“ (Yasayan Kuran, S. 459)

Der Propheten Gefährte Abdullah ibn Mesud (gest. 653), der zugleich auch als einer der ersten Korangelehrten gilt, erläuterte den Koranvers 18:25 wie folgt: „Sie (die Bevölkerung) sagten dreihundert Jahre und fügten später 9 Jahre hinzu.“ (Tabari (gest.923) Cami u´l-beyan, Bd. 15, S. 231. siehe auch: Zamakhschari (gest.1140) Kessaf: Bd. 2, S. 481)

Ibn Mesuds Kommentierung findet neuerdings auch in neu erschienenen Koranübersetzungen Anklang, wie die von Mustafa Öztürk 2011 veröffentlichte Ausgabe (Anlam ve Yorum Merkezli Ceviri, Düsün Yayincilik). In der Fußnote zum maßgeblichen Koranvers 18:25 fügt Öztürk die Sichtweise von Ibn Mesud zu (Kuran-i Kerim, S. 407, Fußnote 312).

Auch in den deutschsprachigen Koran-Ausgaben bleibt es zu hoffen, dass in Zukunft diese Interpretation ihren Eingang findet. Allerdings bleibt und ist Muhammad Asads „Botschaft des Koran“ (im Moment noch) eine Rarität unter den zahlreichen Koranübersetzungen.

 

 

 

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