Kann die Verfassung von Medina auch heute eine Inspirationsquelle sein?

von Ecevit Polat am 11. September 2012

Als die Verfolgung und Repressalien im Jahre 622 n. Chr. unerträglich für die Muslime wurde, beschlossen sie Mekka zu verlassen und nach Medina auszuwandern. Diese Auswanderung wird in der Geschichtsschreibung als die „Hidschra“ ausführlich beschrieben. In Medina befanden sich unterschiedliche arabische Stämme und Juden, die untereinander in vielen Angelegenheiten Meinungsunterschiede und Streitpunkte hatten. Nach der Emigration in Medina, wurde der Prophet als Schlichter für die prekäre Situation und Lage einberufen. Für Muhammed (a.s) schien es nun unentbehrlich zu sein, den ersten Gesellschaftsvertrag in der Menschheitsgeschichte zu entwerfen.

Der „Vertrag von Medina“ (Jahr 623) sollte vor allem die ethischen Beziehungen innerhalb der verschiedenen Gesellschaftsgruppen regulieren. Für den islamischen Theologen Prof. Muhammed Hamidullah, war der Gesellschaftsvertrag zweifelsohne eine Revolution. Medina wurde eine multireligiöse (muslimisch-jüdische) Republik mit föderativer Struktur, deren Staatsoberhaupt durch eine Wahl ermittelt wurde. Hamidullah schreibt dazu: „In nur wenigen Wochen wurden alle Einwohner des Gebietes durch den Propheten zusammengeführt, um einen Stadtstaat zu begründen, in dem Muslime, Juden, Heiden und wahrscheinlich auch Christen– deren Zahl jedenfalls sehr gering war- durch einen Gemeinschaftsvertrag in staatlicher Organisation vereinigt wurden“.

Das Auffallendste an dieser Begebenheit und Entwicklung ist für Hamidullah jedoch: „die Tatsache, dass die selbstständigen jüdischen Dörfer nach der Verfassung dieses Stadt-Staates aus freien Stücken dem Bündnisstaat beitraten und Muhammad (a.s) als Obersten Herrscher anerkannten, bedeutet nach unsere Meinung, dass auch die nicht-muslimischen Untertanen im politischen Leben des Landes Stimmrecht bei der Wahl des Leiters des muslimischen Staates besaßen“ (Hamidullah, Der Islam, S. 224).

Der Vertrag von Medina besteht insgesamt aus 47 Artikeln und ist bis heute in der ältesten erhalten gebliebenen Propheten Biographie von Ibn Ishaq (gest. 767) „Das Leben des Propheten“ (As-Sira an-Nabawiyya) überliefert worden. Der Islamforscher Prof. Montgomery Watt, untersuchte jahrzehntelang die Authentizität des Textes und kam letztendlich zu dem folgenden Ergebnis: „Der Text (Vertrag von Medina) gilt allgemein als authentisch“ (M. Watt, Muhammad at Medina, S. 151-174).

Auch der Islamwissenschaftler Prof. Ebehard Serauky stellt deutlich klar, dass „die Authentizität des Dokumentes außer Zweifel steht“ (Geschichte des Islam, S. 89).

Für den katholischen Theologen Prof. Hans Küng, übertreiben die muslimischen Historiker, indem sie den Bündnisvertrag von Medina als eine Verfassung betrachten. Küng schreibt dazu: „Man hat bisweilen übertrieben eine Verfassung, ja die Gemeindeordnung von Medina genannt“ (Hans Küng, Der Islam, S. 145-146).

Die international renommierte Religionswissenschaftlerin Prof. Karen Armstrong, widerspricht Küng vehement und weist auf die umfangreiche Funktion des neuen Vertrages von Medina hin. Armstrong beschreibt in ihrem Werk „Kleine Geschichte des Islam“ folgendes: „Muhammad (a.s) war zum Führer einer Stammesgruppe geworden, die nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch eine gemeinsame Ideologie verbunden war, was für die arabische Gesellschaft eine erstaunliche Erneuerung bedeutete. Niemand wurde gezwungen, zur Religion des Koran überzutreten, aber Muslime, Heiden und Juden gehörten alle der einen „umma“(Gemeinschaft) an, durften sich nicht angreifen und hatten geschworen, sich gegenseitig zu beschützten“ (Karen Armstrong, S. 28).

Armstrongs Betrachtungsweise erhält eine breite Zustimmung von muslimischen Theologen wie z. B. von Prof. Hüseyin Atay. Für Atay wurde den Juden erstmals in der Geschichte in der Position einer Minderheit grundlegende Rechte zugesprochen. Auch gewährte die neue Verfassung von Medina ihnen die Gleichstellung mit den Muslimen (Hüseyin Atay, Islam´in Siyasi Olusumu, S. 116).

Ausschlaggebend waren die folgenden Artikel im Vertrag:

25. „Die Juden von den Bani Auf bilden eine Gemeinschaft mit den Gläubigen. Die Juden haben ihre Religion und die Muslime die ihrige. Dies gilt für ihre Schutzbürger wie für sie selbst, es sei denn, jemand begeht Unrecht oder Übertretung; denn ein solcher schadet nur sich selbst und seinen Angehörigen“.

26. „Und die Juden der Banu Nadhir … , und die Juden der Banu Haritha…, und die Juden der Bani Sa‘ida…, und die Juden der Bani Dschuschan…, und die Juden der Banu Aus …, und die Juden der Banu Tha‘laba sollen die gleichen Rechte und Pflichten haben wie die Juden der Bani Auf. Wer jedoch Unrecht oder Übertretung begeht, der schadet nur sich selbst und seinen Angehörigen“ (Ibn Ishaq, Das Leben des Propheten, S. 112-113).

An diesem Bündnisvertrag nahmen insgesamt 18 verschiedene Stämme teil. Für den Koranexegeten Ihsan Eliacik, kann man die Verfassung auch primär mit einem sozialen Vertrag identifizieren, deren Hauptaufgabe darin bestand, die ethisch-moralischen Prinzipien, im Umgang mit verschiedenen Gesellschaftsgruppen zu regeln (Adalet Devleti, S. 167, 2003).

Das Besondere an diesen 47 Abschnitten ist, dass der Begriff „Gerechtigkeit“ am Häufigsten im Dokument gebraucht wird (siehe hierzu: Ihsan Eliacik, Adalet Devleti, S. 169).

Im Koran werden die Muslime immer wieder daran erinnert und angemahnt, sich für die Gerechtigkeit aktiv einzusetzen:

„O ihr, die ihr glaubt! Setzt euch für Gott ein und seid Zeugen der Gerechtigkeit. Und der Hass gegen eine Gruppe soll euch nicht (dazu) verleiten, anders als gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist der Gottesfurcht naher. Und fürchtet Gott; wahrlich, Gott ist eures Tuns kundig“ (Koran 5:8).

Wahrlich, Gott gebietet, gerecht (zu handeln), uneigennützig Gutes zu tun und freigebig gegenüber den Verwandten zu sein; und Er verbietet, was schändlich und abscheulich und gewalttätig ist. Er ermahnt euch; vielleicht werdet ihr die Ermahnung annehmen“ (Koran 16:90).

Das Wesentliche an der Verfassung ist vor allem, dass der Prophet des Islam die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen in Medina, als eine gemeinsame Gemeinschaft vereinte. Alle in ihnen genossen dieselben Rechte, kein Muslim durfte einem Juden oder Polytheisten bevorzugt werden. Dass war die Essenz der Verfassung von Medina.

Artikel/25. „Die Juden von den Bani Auf bilden eine Gemeinschaft mit den Gläubigen. Die Juden haben ihre Religion und die Muslime die ihrige. Dies gilt für ihre Schutzbürger wie für sie selbst, es sei denn, jemand begeht Unrecht oder Übertretung; denn ein solcher schadet nur sich selbst und seinen Angehörigen“.

Auch heute könnte der Inhalt der Verfassung von Medina beispielhaft eine Inspirationsquelle für einige Länder sein, in denen ein multiethnisches und multireligiöses Zusammenleben funktionieren kann.

Hier die Verfassung in seiner Gesamtheit:

www.eslam.de/manuskripte/vertraege/verfassung_von_medina.htm

 

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