Verbietet der Koran Freundschaften zu Andersgläubigen?

von Ecevit Polat am 28. November 2012

Viele christliche Würdenträger halten eine enge freundschaftliche Beziehung zu den Muslimen für nicht möglich. Der Grund sei offensichtlich im Koran begründet. Für den Theologen und Jesuiten Professor Samir Khalil Samir, beinhalten einige Koranverse feindliche Einstellung gegenüber den Christen allgemein (siehe hierzu: 100 Fragen zum Islam, 156-157). Als Beleg führt Samir vor allem die folgende Koranstelle an: „O ihr, die ihr glaubt! Nehmt nicht die Juden und die Christen zu freunden. Sie sind einander Freunde“ (Koran 5:51).

Solange Muslime sich nicht gegen diese Aufforderung im Koran erheben, oder ernsthaft in Frage stellen, so sei auch keine authentische Freundschaft mit den Muslimen auch nur denkbar.

Ludwig Hagemann, Professor für Systematische Theologie ist sogar der Ansicht, dass der Vers: „Nehmt nicht die Juden und die Christen zu Freunden“ im Mittelalter dazu geführt hat, die Christen im wahrsten Sinne des Wortes aus der Gemeinschaft der Gläubigen auszuschließen: „Das Muhammad gegen Ende seines Lebens, als er die Macht auf der Arabischen Halbinsel errungen hatte, die endgültige Ausgrenzung der Christen vollzog, indem er sie aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausschloss… (Christentum contra Islam, S. 8).

Ist es eine generelle Aufforderung vom Koran, Juden und Christen nicht als Freunde zu nehmen? Weshalb ermutigt der Koran die Muslime zu solch einer Haltung?

Zunächst sollte der maßgebliche Begriff „auliya“ näher erläutert werden. In den gängigen Übersetzungen wird es üblicherweise mit „Freunde“ wiedergegeben. Der türkische Koranexeget Mustafa Islamoglu, weist ausdrücklich darauf hin, dass der Begriff „auliya“ nicht ausschließlich mit „Freunde“ übersetzt werden kann. Vielmehr könnte es auch wie folgt übersetzt werden: „Freund, Weggefährte, Vertrauter, Autorität, Verbündeter, Vormund, Treuhänder und Beschützer“ (Hayat Kitabi Kur´an, S. 202, 2 Auflage 2008).

Da der Begriff verschiedene Bedeutungen haben kann, gibt es mittlerweile auch in diversen Koranübersetzungen Erläuterungen hierzu. So fügt zum Beispiel Dr. Murad Wilfried Hofmann in einer Fußnote zu 5:51 folgende zusätzliche Bedeutungen wie  „zu Verbündeten“ oder „zu Beschützern“ hinzu (Der Koran, S. 108, Verlag Diederichs 2007).

Wegen dem verschiedenen Bedeutungsgehalt des Wortes „auliya“, kann unweigerlich in den meisten Koranübersetzungen festgestellt werden, dass die Übersetzter letztendlich subjektiv eine von vielen Bedeutung favorisieren, wie zum Beispiel:

° „Nehmt Juden und Christen nicht als Vertraute“ (Koranübersetzung nach Mustafa Maher)

° „Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden“ (Koranübersetzung nach Rudi Paret)

° „Nehmt nicht die Juden und die Christen als Beistand“ (Koranübersetzung nach Ahmad Milad Karimi)

Unter den muslimischen Koranexegeten gibt es keinen Konsens darüber, warum und weshalb der Koranvers 5:51 offenbart wurde. Einige behaupten, es sei gegen die Juden offenbart. Andere wiederum wähnen, es sei gegen Christen und Juden gleichermaßen offenbart worden (siehe hierzu: Muhammad Abduh, Tefsirul Kur´ani´L-Hakim, Bd. 6, S. 560-570).

Traditionelle Korangelehrte wie ibn Kesir (gest. 1373), kommentierte den Koranvers 5:51 dahingehend, dass Juden und Christen die unbestreitbaren Feinde der Muslime seien. Bemerkenswert ist, dass ibn Kesir (gest. 1373) diese Feindschaft verallgemeinert und auf alle Juden und Christen bezieht. Schon in der ersten Zeile seiner Kommentierung schreibt er: „Möge Gott der Erhabene Seine Gläubigen Diener vor den Feinden des Islams und der Muslime, den Juden und Christen- Gott möge sie verfluchen- vor einer Freundschaft bewahren!“ (Tefsir´ul-Qur´an il-Azim, Bd. 3, S. 350).

Zeitgenössische Theologen nehmen 5:51 auch als Anlass dafür, um alle Juden und Christen der Gegenwart zu verdammen. Erstaunlicherweise schließen sich der Interpretation einer Feindschaftsideologie, nicht nur konservative Theologen, sondern auch sogenannte liberale Denker an. Prototyp dafür ist der türkische Autor und ehemalige Dekan der theologischen Fakultät von Istanbul, Professor Yasar Nuri Öztürk. Bekanntlich wird Öztürk im Westen als der „Luther des Islam“ gefeiert. Seine Veröffentlichungen erzielen allein in der Türkei mehrstellige Auflagen (siehe hierzu: Gerhard Schweizer, Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus, S. 161).

Für Öztürk besteht indes kein Zweifel daran, dass die Schuld an dem miserablen Zustand in der islamischen Welt, hauptsächlich durch die Freundschaft an Juden und Christen verursacht sei. Der Koranvers 5:51 warnt nach Öztürks Auslegung die zukünftige islamische Gemeinschaft davor, Freundschaften mit Juden und Christen einzugehen. Somit wird dem Vers eine allgemeingültige Grundhaltung in Bezug auf Juden und Christen von Öztürk beigemessen (siehe hierzu: Kur´an Penceresinden Kurtulus Savsina Bir Bakis, S. 413-422, Yasar Nuri Öztürk).

Der katholische Koranforscher Professor Hans Zirker macht in diesem Zusammenhang auf eine wichtige Lesart des Korans aufmerksam. Nach Zirker können nicht einfach Koranverse aus dem Zusammenhang gerissen werden, um bestimmte ideologische Interpretationen erschließen zu können. Erst der gesamt Kontext,  erlaube gewisse Schlussfolgerungen ziehen zu können: „Die unterschiedlichen Bewertungen sind nur dann verständlich, wenn man die Kontexte dieser Verse mitberücksichtigt. Dort findet man jeweils gegensätzliche Umstände angesprochen. Wo vor den Juden und Christen gewarnt wird, lesen wir in der Nähe„O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die zu Freunden von jenen, denen vor euch die Schrift (Juden und Christen) gegeben wurde, und von den Ungläubigen, die mit eurem Glauben Spott und Scherz treiben und fürchtet Gott, wenn ihr Gläubige seid“ (Koran 5:57) […] Zweifellos haben wir es also bei den Bewertungen der „Leute der Schrift“ und insbesondere der Christen im Koran nicht mit allgemein gültigen Aussagen zu tun, sondern mit sehr situationsbezogenen“ (Der Koran, Zugänge und Lesarten, S. 137-138).

Ähnlich wie Zirker betont auch der islamische Gelehrte und ehemalige Ministerpräsident Irans Mehdi Bazargan besorgt daraufhin, dass es keinen allgemeinen Aufruf seitens des Korans gibt, Andersgläubige nicht als Freunde zu nehmen. Entscheidend sind die Eigenschaften im Umgang mit den Muslimen und nicht der Glaube als solche: „Der Koran erklärt, dass das Verbot der Freundschaft (wilaya) mit den Buchbesitzern (Juden und Christen) nicht allgemein zu bewerten ist, sondern sich auf diejenigen unter ihnen bezieht, die sich wie Ungläubige und Götzendiener über die Muslime lustig machen und ihre Religion und den Gottesdienst als Spielzeug und als lächerlich betrachten“ (Und Jesus ist sein Prophet, S. 73-74).

Der Abschnitt in 5:57 „die mit eurem Glauben Spott und Scherz treiben“ definiert grundlegende Merkmale, welche es nicht erlauben als Freunde zu sich zu nehmen wie zum Beispiel: „keinen Respekt vor anderen Religionen und Andersgläubigen zu haben, und vor allem die Intention noch hegt, die religiöse Ausdruckformen zu beleidigen“.

Ali Ünal versucht auf diese Haltung in seiner Koran-Übersetzung durch Ergänzung in den Klammern im Text  aufmerksam zu machen: „Nehmt euch nicht die Juden und die Christen (die den Muslimen gegenüber feindselig sind) zu Beschützern und Vertrauten“ (Ali Ünal, Der Koran und seine Übersetzung, S. 296).

In der selben Sure heißt es unter anderem: „Und du wirst zweifellos finden, dass die, welche sagen: „Wir sind Christen“ den Gläubigen am freundlichsten gegenüberstehen. Dies (ist so), weil es unter ihnen Priester und Mönche gibt und weil sie nicht hochmütig sind (Koran 5:82).

Der historische Anlass dieses Verses war, dass der Prophet Muhammed (s) fünf Jahre nach Beginn der ersten Offenbarung im Jahre 615, ca. hundert Muslime nach Abessinien (Äthiopien) auswandern ließ, denn in Mekka wurden sie bis aufs Leben brutal wegen ihres Glaubens verfolgt. Dort herrschte ein gerechter Christ namens Negus, der den Ruf genoss, sein Volk gerecht und respektvoll zu behandeln (siehe hierzu: Nesei, el-Kubra, Bd. 6, S. 336, Hadit Nr. 11148). In der ältesten Propheten Biografie von ibn Ishak (gest. 767) wird diese historische Begebenheit wie folgt geschildert: „Als der Prophet all das Unglück sah, das seine Gefährten traf, und erkannte, dass er sie nicht davor schützen konnte, obwohl er selbst dank der Hilfe Gottes und seines Onkels Abu Talib verschont blieb, riet er ihnen, nach Abessinien wegzuziehen. „Denn dort“, so sprach er, „herrscht ein König, bei dem niemandem Unrecht geschieht. Es ist ein freundliches Land. Bleibt dort, bis Gott eure Not zum Besseren wendet!“. Darauf zogen die Gefährten des Propheten nach Abessinien, da sie die Versuchung fürchteten, vom Islam abzufallen, und sich mit ihrem Glauben zu Gott flüchten wollten“ (Ibn Ishaq, Das Leben des Propheten, S. 65).

Die spätere Frau des Propheten Umm Salama befand sich auch unter den ersten Muslimen, die nach Abessinien auswanderten. Ihren persönlichen Erlebnis schildert sie folgendermaßen: „Als wir in Abessinien ankamen, wurden wir vom Negus aufs Beste aufgenommen. Wir konnten in Sicherheit unseren Glauben ausüben und Gott dienen, ohne dass wir misshandelt wurden oder etwas Unziemliches zu hören bekamen“ (Ibn Ishaq, Das Leben des Propheten, S. 65-67, Spohr Verlag 1999).

Der Koran definiert offen, dass Freundschaften nicht ausschließlich nur Muslimen vorbehalten sind. In der Sure al.-Mumtahana (die geprüfte) wird unmissverständlich darauf hingewiesen, mit wem Freundschaften einzugehen bzw. Abzulehnen sei. So beschreibt der Vers: „Gott verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht des Glaubens wegen bekämpft haben und euch nicht aus euren Häusern vertrieben haben, gütig zu sein und redlich mit ihnen zu verfahren; wahrlich, Gott liebt die Gerechten. Doch Gott verbietet euch, mit denen, die euch des Glaubens wegen bekämpft haben und euch aus euren Häusern vertrieben und (anderen) geholfen haben, euch zu vertreiben, Freundschaft zu schließen. Und wer mit ihnen Freundschaft schließt − das sind die Missetäter (Koran 60:8-9).

Danach kann grundsätzlich mit jedem eine Freundschaft geschlossen werden, eine grundlegende Voraussetzung wäre jedoch, respektiert und wegen des Glaubens nicht diffamiert zu werden.

Welche Konsequenzen selektive Koranauslegungen schlussfolgern können, beschreibt der in Münster Lehrende Theologe Professor Mouhanad Khorchide in seinem vor kurzem erschienenen Buch „Islam ist Barmherzigkeit“. Seine jungen Jahre verbrachte Khorchide hauptsächlich in Saudi Arabien, wobei er in die Grundzüge der Religion dort in der Schule eingewiesen wurde. Seine eigene Erfahrung schildert er wie folgt zusammen: „Das Dogma der Inklusion und Exklusion besagt, dass die Loyalität eines Muslims (wala) – das umfasst werte wie Liebe, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft usw.- nur gegenüber den Muslimen gelten dürfe, und dass ein Muslim dazu verpflichtet sei, sich von allen Nichtmuslimen loszusagen (Islam ist Barmherzigkeit, S. 16).

Sagt der Koran denn nicht: „(Dies ist) ein Buch, dessen Verse vervollkommnet und dann im Einzelnen erklärt worden sind,  von einem Allweisen, Allkundigen“ (Koran 11:1).

 

 

 

 

 

 

 

 

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