War Muhammed (s) ein Meuchelmörder?

von Ecevit Polat am 24. Januar 2013

Nichtmuslimische Historiker und Religionswissenschaftler verurteilen den Propheten des Islam als einen nicht kritikfähigen und intoleranten Menschen. So schrieb beispielsweise der Orientalist Professor Maxime Rodinson den folgenden Satz, dass  „Muhammed keinen Spott und keine Schmähreden vertrug“ (Maxime Rodinson, Mohammed, S. 171, 1961). Gegenstand der Verurteilung von Muhammed (s) ist hauptsächlich die Geschichte um den halbjüdischen Dichter  Ka´b ibn al-Aschraf. Dieser hatte nach dem Zeugnis der muslimischen Primärquellen die mekkanischen Polytheisten mit seiner Dichtkunst auf die noch zahlenmäßig geringen Muslime aufgehetzt, um diese letztendlich zu töten (siehe hierzu: Siret-i ibn Hisam, Bd. 3, S. 71).

Der Grund war, dass viele arabisch-aristokratische Polytheisten in der Schlacht von Badr im Jahre 624 getötet wurden. Aus diesem Umstand her, erhofften sich einige dem Propheten feindlich gesinnte jüdischen Stämme aus Medina, die polytheistischen Mekkaner zu einem erneuten Angriff gegen die Muslime aufzuwiegeln. Ka´b ibn al-Aschraf nutzte in dieser Gelegenheit  sein künstlerisches Talent, um die in Medina sesshaften Juden in einer Koalition mit den Götzendiener aus Mekka, zu einem erneuten Krieg gegen Muhammad (s) und seinen Anhängern anzustacheln (Marco Schöller, Mohammed, S. 46-49).

Nach der ältesten und bis heute erhalten gebliebenen Propheten- Biographie von ibn Hisam (gest. 833) wird berichtet, dass auf Anweisung von Muhammed (s) Ka´b ibn al-Aschraf exekutiert wurde (siehe hierzu: detailliert Siret-i ibn Hisam, Bd. 3, S. 71-80). Erstaunlicherweise berichten Propheten-Biographen wie Professor Muhammed Hamidullah und Muhammed Hussain Haikal, dass nicht Muhammed (s) den Tod von Ka´b ibn al-Aschraf verordnet hätte, sondern einige Muslime eigenständig handelten (siehe hierzu: „Islam Peygamberi, S. 483“ und „Das Leben Muhammads, S. 241“).

Die frühsten Quellen wie z. B. die von dem Historiographen Taberi (gest. 923) bestätigen jedoch zweifelsfrei, dass die Anordnung und Initiative vom Propheten persönlich ausgingen (siehe hierzu: Tarih-i Taberi, Bd. 3, S. 172).

Der niederländische Propheten-Biograph Professor Hans Jansen ist sogar der Ansicht, dass sich die Attentate vom 6. Oktober 1981  auf den ägyptischen Präsidenten Sadat, maßgeblich von der Geschichte von Ka´b´s Schicksal beeinflusst war. Die Mörder von Sadat hätten für ihre terroristischen Ziele somit eine fundierte Grundlage in der Herangehensweise ihres Propheten gefunden: „Sadats Mörder nahmen die Geschichte in ein Dokument auf, das einer von ihnen nicht lange vor dem Anschlag auf den Präsidenten am 6. Oktober 1981 zu seiner Verteidigung geschrieben hatte“ (Hans Jansen, Mohammed, S. 280).

Der Prophet des Islam wird von seinen Kritikern als jemand dargestellt, der keine Kritik an seiner Person duldete und in diesem Zusammenhang jede Gelegenheit ergriff, Kritiker unmittelbar auszulöschen: „Und die Lehre aus dieser Geschichte ist simpel, grob und eindeutig: Wer unanständig über muslimische Frauen oder Männer spricht, muss umgebracht werden. Mit den modernen Vorstellungen von Meinungsfreiheit, insbesondere von einer Polemik, die sich in einem gewissen Rahmen bewegt, ist dies freilich nicht in Einklang zu bringen“ (Hans Jansen, Mohammed, S. 281).

Es gibt jedoch einige sehr wichtige Details in diesem historischen Ereignis, die (vermutlich) bewusst von Hans Jansen ausgelassen werden. Im ältesten Tafsir-Werk von Mukatil bin Süleyman (gest. 767) wird berichtet, dass Ka´b ibn al-Aschraf und seine Sippe zu allen erdenklichen Mitteln griffen, um Muhammed (s) und seinen Anhängern, die im Jahre 622 von Mekka nach Medina (Hidschra) auswanderten, zu vernichten. In einem Gespräch mit Muhammed (s) erklärte nun Ka´b ibn al-Aschraf  den Propheten zum offiziellen Feind, was bis dahin nur heimlich unter ihnen zirkelte: „Du bist unser Feind!“ (Mukatil bin Süleyman, Tefsir-i Kebir, Bd. 1, S. 475).

Somit wurde der Gesandte Gottes öffentlich zum Staatsfeind in Medina deklariert.

Im alten Arabien war die Dichtkunst das wichtigste und effektivste Werkzeug, um ganze Sippen zu diffamieren, ja sogar um nicht bevorstehende Kriege anzuzetteln. In der heutigen Zeit könnte man dies mit den Medien vergleichen, die die Öffentlichkeit zu einer Volksverhetzung aufrufen.  Die Islamwissenschaftlerin Professorin Gudrun Krämer, fasst die weitreichende Wirkung der Dichtkunst des 7. Jahrhunderts wie folg zusammen: „In einer Gesellschaft, in der die Kunst der Rede so hoch geschätzt wurde, kam der Macht des Wortes große Bedeutung zuDie Dichter waren in dieser Hinsicht Konkurrenten, sie konnten Muhammed- man denke an die Tradition der Schmährede- unter Umständen ebenso Gefährlich werden wie bewaffnete Widersacher“ (Gudrun Krämer, Geschichte des Islam, S. 22).

In ihrer Propheten-Biographie und im Zusammenhang mit der Geschichte um Ka´b ibn al-Aschraf,  schildert die international renommierte Religionswissenschaftlerin Professorin Karen Armstrong die gefährliche Situation für die Muslime in Medina folgendermaßen: „Feindselige Dichter und Poeten hatten schon immer Muhammeds tiefen Argwohn erregt: Ihre Äußerungen besaßen angeblich nahezu magische Macht. In Arabien konnte ein Dichter fast so etwas wie eine tödliche Waffe sein, und Muhammed konnte es sich nicht leisten, dass er die Gefühle in der Oase weiter aufheizte und möglicherweise auch noch die Beduinenstämme zu einer Koalition mit Abu Sufyan gegen Medina bewegte“ (Karen Armstrong, Muhammad, S. 254).

Es ist so offenkundig, dass der historische Kontext von vielen nicht-muslimischen Propheten-Biographen nicht berücksichtigt wird. Dem heutigen Leser wird somit der Eindruck vermittelt, dass Muhammed (s) nicht fähig war, Kritik zu dulden. Deshalb sollte sein wichtigstes Anliegen darauf abzielen, alle nicht-muslimische Dichter seiner Zeit zu exekutieren.

In der Tat bezeugen die islamischen Primärquellen- wie oben dargelegt- dass einige von ihnen wie Ka´b ibn al-Aschraf die Dichtkunst instrumentalisierten, um die Stadt Medina frei von Muslimen zu machen. Dr. Martin Lings wies bereits in seinem Werk „Muhammad“ daraufhin, welche einflussreiche Stellung die Poeten im damaligen Arabien hatten:

Unter den Arabern galt ein begabter Poet mehr als nur ein einzelner Mann, denn seine Verse waren in aller Munde. War er ein guter Mann, dann war er ein machtvolles Werkzeug des Guten, war er ein schlechter Mann, dann war er ein Werkzeug des Bösen, dessen es sich um jeden Preis zu entledigen galt“ (Martin Lings, Muhammad, sein Leben nach den Frühsten Quellen, S. 236).

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