Ist die Sunna auch eine göttliche Offenbarung, die mit dem Koran gleichzustellen ist?

von Ecevit Polat am 22. Oktober 2013

 

Auf die Frage, ob der Koran für die Interpretation und das Praktizieren der Religion allein ausreicht oder nicht, wird zunehmend seit dem 19. Jahrhundert umstritten diskutiert. Nach Dr. Ali Özgür Özdil ist die Aufgabe der Sunna nicht nur primär den Koran zu erläutern, sondern seine wichtigste Komponente besteht zweifelsfrei darin, den Koran weitestgehend zu ergänzen: „Eine weitere Besonderheit der Sunna ist, dass es viele Situationen gab, wo der Prophet die Offenbarungen erläutern oder ergänzen musste. Z. B. in Bezug auf das Gebet: Der Koran gibt keine direkten Anweisungen wann, wie oft und wie gebetet werden soll. In einer Überlieferung heißt es dagegen: „Betet so, wie ihr mich beten gesehen habt“ (al-Buhari, Adan 18, Was ist Islam, S. 27). Als Nachweis für die Autorisierung der Sunna gibt Özdil die folgenden Koranstellen an: „Im Gesandten Gottes habt ihr doch ein schönes Beispiel“ (Koran 33:21) und weiter „Was der Gesandte euch nun gibt, das nehmt an; und was er untersagt, dessen enthaltet euch! (Koran 59:7, Was ist Islam, S. 25).

Bemerkenswerterweise schildert der türkische Koranexeget Mustafa Islamoglu, dass insbesondere die unkonventionelle Grundhaltung, die Sunna komplett zu leugnen, erst in dem damals kolonisierten Indien wieder als eine bestimmte Reformbewegung hervorgetreten sei. Diese Bewegung wurde unter dem Namen „Koraniten“ (el-Kur´an´iyyun) berühmt. Seine bekanntesten Vertreter waren: „Abdullah Cekralevi (gest. 1918), Ahmeduddin Amritsari (gest. 1936), el-Hafiz Eslem Ciracpuri (gest. 1947), Inayetullah Khan el-Mesriki (gest. 1963) und Gulam Ahmad Parviz (gest. 1985). Für Islamoglu war dies ohne weitere eine Intention der Orientalisten gewesen, die bei den Muslimen den Gedanken hervorheben, die Sunna (Lebensweise und Haltung des Propheten) mitsamt ihrer Orthopraxie im Angesicht der Moderne als weit überholt verwerfen zu müssen. Doch gesteht Islamoglu unweigerlich auch ein, dass die Schuldzuschreibung zur Förderung der „Koraniten“ im damaligen Indien nicht allein auf die Orientalisten anzulasten ist: „Den Gedanken nach einem Islam im Koran, wurde unter den Einfluss des orientalistischen Projektes herbeigeführt. Aber die Verantwortung nur auf das orientalistische Projekt zu verschieben, ist auch nicht ganz richtig“ (siehe: Mustafa Islamoglu, Üc Muhammed, S. 192-194).

Selbst die sogenannten Rechtsbestimmungen werden im großen Umfang von der Sunna des Propheten bestimmt. Vor allem besteht ihre Funktion auch darin, nicht nur die Religion zu erläutern, sondern auch die Anweisungen des Korans deutlicher zu präzisieren: „Die Frage, ob die Sunna als Quelle des islamischen Rechts dem Koran in seiner gesetzgeberischen Funktion ähnelt, ist ohne weiteres zu bejahen. Ihrer interpretatorischen Funktion nach ist die Sunna jedoch mehr danach ausgerichtet, konkrete Bestimmungen zu geben oder die allgemeinen Anweisungen des Korans zu präzisieren“ (Prof. A. Falaturi, Grundkonzept und Hauptideen des Islam, S. 19). Bereits im 14. Jahrhundert wies der andalusische Gelehrte al-Schatibi (ges. 1388) in seinem monumentalem Werk „al-Muwafaqat“ darauf hin, dass die Sunna in seiner Bandbreite den Koran umgehend erläutert. Deshalb wäre es unter keinen Umständen hinnehmbar, die Sunna als Instrument zur Interpretation der Heiligen Schrift beiseite stehen zu lassen. Somit könnte kein Urteil aus dem Koran unter nicht Berücksichtigung der Sunna abgeleitet werden. Al-Schatibi (gest. 1388) schreibt dazu: „Bei der Ableitung von Urteilen aus dem Koran ist es nicht möglich, die Sunna, die dessen Auslegung und Erklärung darstellt, beiseite zu lassen und sich mit der ausschließlichen Betrachtung des Korans zu begnügen. Denn der Koran ist umfassend formuliert (kulli). In ihm sind umfassende Dinge wie das Gebet, die Zakah (Sozialsteuer), die Pilgerfahrt und das Fasten erwähnt. Es gibt keinen anderen Weg als das Heranziehen der Sunna, die ihn (den Koran) erklärt“ (siehe hierzu: Abu Hanifa, Leben und Werk des Ehrenhaften Großgelehrten, S. 509, Muhammad Abu Zahra). Auf die Wichtigkeit der Überlieferungen in ihrer primären Aufgabe den Koran zu ergänzen und zu erläutern, verfasste der Hadith Gelehrte Ibn Hadschar al-Asqalani (gest. 1449) das auch bis heute maßgeblich für die Studenten der Hadithwissenschaft gewordene Buch „Bulugu´l –meram min edilleti´l-ahkam“. Hierin werden insgesamt 16 Hauptthemen behandelt. Die wiederum in mehrere Kapitel gegliederten Sachverhalte werden eingehend mit der Angabe der entsprechenden Hadithe erläutert. Al-Asqalani verwendet bis zu 1569 rechtsbestimmende (ahkam) Hadithe an, um auf die besondere unverzichtbare Stellung der Sunna aufmerksam zu machen (siehe hierzu: Bulugu´l-Meram- Ahkam Hadisleri, S. 9).

Somit wäre eine richtige Deutung des Korans ohne die Einbindung und Kenntnis der Überlieferungen auch nur annähernd nicht möglich. Bis heute vertritt eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Rechtsgelehrten die Sichtweise, dass die Sunna keineswegs dem Koran als Primärquelle untergeordnet sei, sondern so wie dieser göttlichen Ursprungs ist. Aus diesem Grund wäre eine Klassifikation zwischen Koran und Sunna von vornerein zum Scheitern verurteilt: „Die Sunna, d. h. die Verhaltensweise des Propheten (s.a.s.) in religiösen Dingen nach Beginn seiner Gesandtschaft, gilt als Offenbarungstext […] Somit gelten alle religiösen Handlungen des Propheten (s.a.s.) als von Allah so bestimmt“ (vgl. Methodenlehre der Ermittlung rechtlicher Bestimmungen aus Koran und Sunna, S. 25). In der Tat wurde nachweislich die Gleichstellung von Koran und Sunna bereits in der Frühzeit des Islams ausführlich von namhaften Rechtsgelehrten definiert. Es war kein anderer als Imam Schafi (gest. 820), der in seinem Hauptwerk „Ar-Risala“ (die Botschaft) die Sunna systematisch auf die gleiche Stufe und Stellenwert des Korans erhob. Bedeutende Gelehrte wie z. B. al-Zarkaschi (gest. 1392) waren sogar der Ansicht, dass Imam Schafi der Erste war, der die Prinzipien des Usul al-Fiqh (Quellenlehre der islamischen Bestimmungen) niederschrieb (siehe dazu: Al-Bahr al-Muhit). Als Beleg für die Gleichsetzung der Sunna des Propheten mit der Offenbarung des Koran, führte asch-Schafi sämtliche Koranstellen wie diese folgende auf: „Gedenkt stets der Gaben Gottes, des euch herabgesandten Buches und der offenbarten Weisheit“ (2:231). „Er ist es, Der unter den Schriftunkundigen einen Gesandten aus ihrer Mitte erweckt hat, um ihnen Seine Verse zu verlesen und sie zu reinigen und sie die Schrift und die Weisheit zu lehren“ (62:2). In den beiden oben angeführten Koranversen wird unmittelbar nach dem Buch (Koran) bzw. nach der Schrift die Weisheit (arab. hikmati) postuliert. Für asch-Schafi stellt eben diese Weisheit ein Synonym für die Sunna des Propheten (s) dar. Gewiss wird daher die Befolgung der Sunna zur unbestreitbaren Pflicht deklariert: „Gott hat die Befolgung der Offenbarung (Koran) und die Sunna des Propheten zur Pflicht erklärt“. […] Gott hat das Buch erwähnt, dies ist ohne Zweifel der Koran. […] Hier kann nur gesagt werden, dass hier mit der Weisheit nur die Sunna des Propheten gemeint sein kann“ (ar-Risala, S. 50-51, asch-Schafi). Ein gewisser Koranvers soll sogar explizit zum Ausdruck bringen, dass selbst der Prophet von Gott befähigt wurde, Erlaubtes und Verbotenes eigenständig ausführen zu dürfen: „und die das nicht für verboten erklären, was Gott und Sein Gesandter für verboten erklärt haben“ (9:29). Fahreddin ar-Razi (gest. 1209) kann zumindest im aufgeführten Vers, unabhängig vom Wortlaut des Korans, nicht gänzlich ausschließen, eine Option zur Legitimation des Propheten zu sehen, implizite Verbote eigenwillig aufstellen zu dürfen. Ar-Razi schreibt dazu: „Sie erkennen nicht das an, was der Koran und die Sunna des Gesandten für verboten erklärt haben“ (Mefatihul-Gayb, Bd. 11, S. 474, Huzur Yayinevi).

In der langjährigen islamischen Geschichte profilierte sich unteranderem der aus Cordoba stammende Universalgelehrte ibn Hazm (gest. 1064), besonders durch die theologischen Diskurse, die weit über die Landesgrenzen hinweg geführt wurden. Nach ibn Hazm hatte Gott schon seit Beginn der Offenbarung alle Einzelheiten bis ins kleinste Detail im Buch bekundet, da der Koran selbst versichert hat, alles im Buch (Koran) aufgezeichnet zu haben. Als Referenz werden von ibn Hazm die folgenden Koranverse dargelegt: „Nichts haben Wir in dem Buch ausgelassen“ (Koran 6:38) und „Und Wir haben dir das Buch zur Erklärung aller Dinge herniedergesandt“ (Koran16:89) sowie „Heute habe Ich euch eure Religion vervollkommnet und Meine Gnade an euch vollendet (Koran 5:3). Ähnlich wie bei asch-Schafi hielt auch ibn Hazm die Sunna des Propheten für eine göttliche Offenbarung. Im Koranvers: „noch spricht er (Muhammad) aus Begierde“ (53:3) wird von Gott ausdrücklich erläutert, dass alles wie der Prophet zu seiner Lebzeit gehandhabt hat, auf die Göttliche Offenbarung zurückzuführen sei. Deshalb gliedert ibn Hazm die Offenbarung (wahy) in zwei ergänzende Komponenten, erstens die gelesene Offenbarung (wahy-i-metluv), dem Koran und als zweite führt er die Überlieferten Hadithe des Propheten (Wahy-i-mervi) auf. Somit werden alle authentischen Aussagen und Handlungen des Propheten triebhaft auf denselben Status wie dem des Korans autorisiert und dürfen aus den genannten Gründen auch nicht voneinander separat betrachtet werden (siehe hierzu: ibn Hazm, el-ihkam fi Usuli´l-Ahkam, Beyrut 1980, Bd. 1, S. 96-98 aber auch: Mezhepler Tarihi, S. 616- 630, Muhammad Abu Zahra). Im Hadith-Kompendium von ad-Darimi (gest. 869) wird von Hassan ibn Atiyye (gest. 737) die folgende Aussage überliefert: „Der Erzengel Gabriel hat genauso wie den Koran auch die Sunna herabgesandt“ (Darimi, Mukaddime, Nr. 49). Entgegen dieser Sichtweise weist der Ankaraner Theologe Prof. Ilhami Güler mit Besorgnis darauf hin, dass ausgerechnet mit diesem Überlieferungsmaterial und der daraus resultierten Herangehensweise alle juristischen Merkmale wie die des idschma (Konsens) und qiyas (Analogieschluss) vergöttlicht werden (Sabit Din Dinamik Seriat, S. 183, Ilhami Güler). Somit wird der eigenständige Bezugsrahmen zum Offenbarungstext von Anfang an beschnitten, so dass von einer individuell interpretierten Religiosität ganz zu schweigen wäre. Doch bleibt die Frage noch offen, welche Überlieferungen letztendlich denn genau als göttlich zu bewerten sind. In den großen Hadith-Sammlungen werden nahezu hundert tausende Hadithe registriert. Wenn die Sunna als solche in ihrer Gesamtheit als Offenbarung (wahy) angesehen wird, weshalb werden diese unterschiedlich in ihrer Authentizität bewertet?

In seinem Aufsehen erregenden Buch „Scharia-der missverstandene Gott, geht der Münsteraner Religionspädagoge Prof. Mouhanad Khorchide dieser Problematik umfangreich und detailliert nach und zeigt anhand von Primärquellen, wie prekär die Situation um die Hadithe bestellt sind (siehe „Scharia, der missverstandene Gott, S.99-118). Khorchide wirbt für einen sensiblen und kritischen Umgang mit den Hadithen umzugehen und keinesfalls diese pauschal zu verwerfen. Auch wird nachdrücklich darauf hingewiesen, wie wegweisend Überlieferungen in Bezug auf die Ausführung religiöser Rituale sind: „Diese Ausführungen sollten die Notwendigkeit eines sensiblen und kritischen Umgangs mit den Hadithen unterstreichen, aber keineswegs die Hadithe pauschal verwerfen. Gerade solche Hadithe, die das Ausführen religiöser Rituale betreffen, sind für die Muslime unentbehrlich, da im Koran kaum Details dazu zu finden sind“ (Scharia, der missverstandene Gott, S. 118, Mouhanad Khorchide). Auch der Gründer der Hanafitischen Rechtsschule Abu Hanifa (gest. 767) bemühte sich indessen, sorgfältig und kritisch reflektierend mit dem Überlieferungsmaterial umzugehen. Bekanntlich überlieferte Abu Huraira (gest. 678) die meisten Hadithe im sunnitischen Raum, um genau zu sagen 5374 Hadithe in der Gesamtzahl. Obwohl Abu Huraira eine sonderliche Stellung innerhalb der sunnitischen Welt einnimmt, wird dieser ungeachtet von Abu Hanifa wegen seiner über den Inhalt nicht scharfsinnig nachgedachtes Tradieren sowie leidenschaftlich alles zu überliefern, kritisiert. Der Schüler von Abu Hanifa, asch-Schaibani (gest. 805) überliefert unverhohlen diesen besorgniserregenden Satz von seinem Lehrer: „Abu Huraira hat ohne über den Inhalt genauer zu überlegen, alles Mögliche überliefert, ohne jedoch Kenntnis von an-nasikh und al-mansukh zu besitzen!“ (Quelle: Abu Schame Makdisi, Muhtasar kitab al-muammal li´r-redd ila ´l-amr´il-evvel, Mecmuatu´r-resail el-muniriyye, Bd. 3, S. 33). Abu Dawud (gest. 889) hat in seiner Hadith-Sammlung eine Überlieferung von ibn Abbas (gest. 687) registriert, wonach dieser für die „Koraniten“ (gemeint sind jene, die sich nur auf den Koran beziehen) wie vom Himmel gefallen sei. Gemeint ist die berüchtigte Überlieferung, wonach alles Erlaubte (Halal) und Verbotenes (Haram) nur ausschließlich auf den Koran zu beziehen ist. Kurzum, alles was nicht deutlich vom Koran für verboten oder erlaubt verkündet wird, kann auch den Umständen entsprechend, weder durch die Rechtsgelehrten, noch im Namen der Sunna für absolut erlaubt oder auch nur sanktioniert werden. Daher würden allen Hadithen mit ihren jeweiligen charakterlichen Rechtsbestimmungen der Boden ein für alle Mal entzogen werden: „Gott hat den Propheten entsandt. Das Buch herabgesandt und in diesem das erlaubte und das verbotene mitgeteilt. Das was Er als erlaubt erklärt hat ist auch erlaubt und was Er verboten hat ist verboten. Was aber nicht ausdrücklich mitgeteilt worden ist, dem ist bereits verziehen“ (Sunen Abu Dawud, Bd. 4, S. 561, Hadith, Nr. 3800).

Für die „Koraniten“ stellt bereits Aischa (gest. 678), die Ehegattin des Propheten, den Prototypen schlechthin dar, wenn es darum geht, in Diskrepanzen als Letztere den Koran sprechen zu lassen statt die Überlieferungen. Danach soll Aischa (ra) selbst die im Umlauf befindlichen Überlieferungen durch das Sieb des Korans angewandt haben. Im ältesten und bis heute erhaltenen Schriftensammlung „al-Muwatta“ (der geebnete Pfad) von Malik ibn Anas (gest. 795) wird unteranderem berichtet, dass Aischa (ra) in Streitpunkten den Koran letztendlich als Bezugsquelle offerierte. So wird sinngemäß überliefert: „Als Aischa vorgetragen wurde, dass wegen dem Nachtrauern und Weinen der Angehörigen eines Toten, dieser (der Verstorbene) dadurch zur Vergeltung im Grab bestraft würde, entgegnete Aischa: „Möge Gott Abu Abdurrahman verzeihen, denn dieser lügt nicht, sondern hat entweder den Inhalt der Überlieferung vergessen, oder in ihrer Vollständigkeit vergessen“. Denn als der Prophet eines Tages eine jüdische Familie besuchte und diese um ihren Verstorbenen heftig weinten, entgegnete Muhammad (s): „Ihr weint um ihn, doch im Moment wird der Verstorbene im Grab bestraft“. Abschließend sagte Aischa (ra): „Genügt euch denn nicht der Koran? Kein Sünder wird die Last des anderen tragen“ und deutete als Referenz den folgenden Koranvers 35:18 an, um aufzeigen zu können, dass nicht allein wegen des Trauerns der Familienangehörigen des Verstorbenen, dieser deshalb als Vergeltung zusätzlich im Grab bestraft wird: „Kein Sünder trägt die Last eines anderen. Wenn ein sündenbeladener Mensch einen zum Mittragen holen könnte, würde er ihm nichts abnehmen können, auch wenn es sich um einen Blutsverwandten handelt. Du kannst nur diejenigen warnen, die ihren Herrn im Verborgenen fürchten und die das Gebet verrichten. Wer sich läutert, läutert sich zu seinem eigenen Vorteil. Zu Gott führt die endgültige Heimkehr“ (al-Muwatta, Bd. 1, S. 393-393, Beyan Yayinlari. Buhari, Bd. 2, S. 80-81. Muslim, Bd. 2, S. 638-644. Siehe aber auch: az- Zarkaschi, die Kritik von Aischa an die Gefährten des Propheten in el-Icabe li iradi ma´stedrekethu Aise ala´s-sahabe, S. 39).

Dr. Murad Wilfried Hofmann wies bereits in seinem Buch „Der Islam im 3. Jahrtausend“ auf die Herausforderung und  der Problematik für die Muslime im 21. Jahrhundert hin. Die angeführten sechs Punkte jedoch sind bis heute weitestgehend ungeklärt: • Sind Koran und Sunna beide Offenbarungen (wahy), oder ist die Sunna nur inspirierte (ilham) Rechtsleitung? • Kann die Sunna den Koran abändern (derogieren)? Kann der Koran die Sunna abändern? • Sind Sunna und Hadith identisch, oder gibt es neben den schriftlich festgehaltenen Traditionen (Hadith) noch eine >lebendige<, ohne Schriftform weitergegebene Sunna der frühen islamischen Gemeinde? • Kann ein Hadith verworfen werden, obwohl seine Überliefererkette in Ordnung zu sein scheint? • Wenn ein Hadith aus Gründen seines Inhalts (matn) verworfen werden soll, welches sind die dafür zulässigen Kriterien (Vernunft; Freiheit von Widersprüchen; historische oder kontextuelle Gründe)? • Ist die gesamte Sunna moralisch bindend? Sind Traditionen rechtlicher Natur notwendig zeitlos und weltweit bindend? „Beim Durchdenken dieser Fragen könnte einem schwindlig werden – auch dann, wenn man nicht wüsste, dass die Zukunft des Islam im 3. Jahrtausend davon wesentlich betroffen ist“ (Der Islam im 3. Jahrtausend, S. 215-216, Verlag Diederichs).

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