Warum neigen und werfen sich Muslime im Gebet nieder?

von Ecevit Polat am 20. Juni 2011

Ich glaube, hierin liegt der Grund für die besondere Form des islamischen Gebets, in welchem geistige Konzentration und bestimmte körperliche Bewegungsabläufe miteinander verknüpft sind. Dem Islam feindselig gegenüberstehende Kritiker ziehen diese Form des Gebets oft als Beweis für ihre Behauptung heran, dass der Islam eine Religion des Formalismus und der Äußerlichkeiten sei. Und in der Tat können es Menschen anderer Religionen, die gewohnt sind, dass Geistige vom Körperlichen sorgfältig zu trennen, nur schwer verstehen, dass in der nicht entrahmten Milch des Islam diese beiden Bestandteile trotz Verschiedenheit ihrer jeweiligen Beschaffenheit harmonisch miteinander hergehen und zum Ausdruck kommen.

 Mit anderen Worten: das islamische Gebet besteht aus geistiger Konzentration und aus körperlichen Bewegungsabläufen, weil sich das menschliche Leben selbst auch derart zusammensetzt und weil wir uns Gott durch die Gesamtheit aller von Ihm verliehenen Fähigkeiten annähren müssen.

Ich habe die Ginn und die Menschen nur erschaffen, damit sie Mir dienen (Koran, 51:56).

Das Konzept der Anbetung im Islam unterscheidet sich also von dem in jeder anderen Religion. Es ist hier nicht nur auf reine Andachtsübungen beschränkt, wie z.B. das Gebet oder das Fasten, sondern erstreckt sich ebenso auf das gesamte praktische Leben des Menschen. Wenn der Sinn unseres Lebens insgesamt in der Anbetung Gottes liegt, dann müssen wir dieses Leben in der Gesamtheit all seiner Aspekte notwendigerweise als eine komplexe moralische Verantwortung auffassen.

Daher müssen all unsere Handlungen, sogar die anscheinend unbedeutsamen, unsere Gottesverehrung ausdrücken und somit bei bewusster Ausführung quasi einen Teil von Gottes allumfassendem Plan in sich bergen. Eine derartige Betrachtungsweise ist für den Menschen mit durchschnittlichen Fähigkeiten ein entferntes Ideal; aber ist es nicht die Absicht der Religion, Ideale Wirklichkeit werden zu lassen?

Muhammad Asad ist im Jahre 1900 in Lemberg als Leopold Weiss geboren. Er entstammt einer angesehenen jüdischen Familie. Er bereiste den Orient als Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Im Jahre 1926 nahm er den Islam an. Er gilt als einer der bedeutendsten islamischen Denker des 20 Jh.
Er hat mehrere Bücher verfasst, u.a. „Der Islam am Scheideweg“ und „Der Weg nach Mekka“. Muhammad Asad starb 1992 in Spanien.

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