Religion nur ein Opium?

von Ecevit Polat am 5. Dezember 2011

Die Materialisten begründeten seit geraumer Zeit eine Theorie, die beweisen sollte, dass die Religion als solche eine destruktive Wirkung auf die Gesellschaft ausübe. Einer der Begründer dieser Weltanschauung war zweifelsohne Karl Marx (gest.1883) mit seinem Werk „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“.

Darin beschrieb er folgendes: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ (Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Werke Bd. 1, 489)

Die Ansicht der Materialisten in Bezug auf die Religion kann man wie folgt zusammenfassen: „Es betäubt die Armen und unterdrückt die Menschen, damit sie von Ungerechtigkeit und Armut abgelenkt werden und vom Paradies träumen.“

Ist es tatsächlich die Aufgabe einer Religion, wie ein Rauschmittel die Menschenmassen zu betäuben und sie vor jeglicher sozialen Verantwortung zu entbehren? Entwickelte sie sich nur zufällig aus den sozialen Umständen und Bedürfnissen? Was sagt der Koran zu den Vorwürfen?

Unzählige Koranverse weisen darauf hin, dass die Partizipation ein integraler Bestandteil des Islam ist. Muslime werden immer wieder zum aktiven Handeln aufgefordert: „Und sag: „Handelt, denn Gott  wird euer Handeln sehen sowie Sein Gesandter und die Gläubigen. Und ihr werdet zum Allwissenden über das Verborgene und das Sichtbare zurückgebracht, dann wird ER euch das kundtun, was ihr zu tun pflegtet.“ (Sure 9, Vers 105)

„Doch wenn du einen festen Entschluss gefasst hast, dann vertraue auf Gott…“ (Sure 3, Vers 160)

Der Prophet (s.a.s.) sagte zu einem Mann, der sein Kamel ungebunden stehen lassen wollte, sich dabei auf Gott verlassend: „Binde es an und vertraue auf Gott.“ Das heißt, tue zuerst was du kannst, binde es fest an, und dann verlasse dich auf Gott.

Religiös sein heißt, für sein Tun und Handeln die Verantwortung zu übernehmen und zugleich die Konsequenzen hierfür zu tragen. Dies schließt eine offenkundige Passivität aus. Ein grundlegendes Prinzip des Korans ist es, aktiv am Leben teilzuhaben. Nur durch aktives Handeln kann es gelingen, Missstände aus dem Weg zu räumen. Dies geht unmittelbar aus den folgenden Koranversen hervor, in denen Frauen und Männer in einem Atemzug aufgefordert werden, sich auf das Gute auszurichten:

Die gläubigen Männer und Frauen sind einer des anderen Beschützer. Sie gebieten das Rechte und verbieten das Verwerfliche…“ (9:71)

Da erhörte sie ihr Herr: „Ich lasse kein Werk eines (Gutes) Tuenden von euch Verloren gehen, sei es von Mann oder Frau; die einen von euch sind von den anderen.“ (3:195)

Der Psychoanalytiker und auch der einflussreichster Sozialpsychologe des 20. Jahrhunderts Erich Fromm stellte eine Gegenthese zu Karl Marx auf: „Wenn wir die Religion im weitesten Sinne als Rahmen der Orientierung und als Objekt der Hingabe verstehen, dann ist tatsächlich jedes menschliche Wesen religiös, denn niemand kann ohne ein solches System leben, wenn er bei Verstand bleiben will.. Unsere Götter sind die Maschinen und der Leistungsgedanke; der Sinn unseres Lebens ist voranzukommen, vorwärts zudrängen und der Spitze so nahe wie möglich zu kommen.“(Erich Fromm, Wege aus einer kranken Gesellschaft, S. 152)

Erstaunlichweise stellte ein Zeitgenosse von Fromm, der Österreichischer Muslim Muhammad Asad bereits Jahrzehnte (1934) vor ihm folgendes fest:

„Aber die moderne westliche Zivilisation begreift nicht die Notwendigkeit, sich als Mensch auch etwas anderem als wirtschaftlichen, sozialen oder nationalen Vorgaben zu unterwerfen.“ Ihre wirkliche Gottheit ist nicht geistiger Natur: Es ist Komfort.

Weiter führt er fort:

„Die Tempel dieser Religion sind die gigantischen Fabriken, Kinos, chemischen Laboratorien, Tanzlokale, hydroelektrischen Werkanlagen; ihre Priester sind Bankiers, Ingenieure, Filmstars, führende Industrielle, Rekordflieger.“ (Islam am Scheideweg, S. 55)

Der Prophet Muhammed (s.a.s.) sagte: „Der Beste von Euch ist derjenige, der den Menschen am nützlichsten ist.“ (Al-qada´i/Ad-Daraqutni: Hadith Hassan)

Die Nützlichkeit und der Dienst an den Menschen setzt immer ein aktives Handeln voraus: „Der den Tod und das Leben erschuf, damit ER euch prüft, wer von euch besser im Tun ist. Und ER ist Der Allwürdige, Der Allvergebende.“ (Koran: 67:2)

Die Teilhabe in der Gesellschaft ist ein grundlegender Baustein des islamischen Glaubens. Der Prophet (s.a.s.) riet indes immer zur Wachsamkeit:

„Unterstütze deinen Bruder, ob er gerecht oder ungerecht sei!“ Die Gefährten wunderten sich: „Wenn er gerecht ist, so ist das verständlich, wie aber ist es zu verstehen, wenn er ungerecht ist?“ Der Prophet antwortete: „Indem du seiner Ungerechtigkeit ein Ende setzt!“ (Bukhari/Muslim).

Die Theorie von Karl Marx „die Religion ist ein Opium fürs Volk“  lässt sich freilich nicht auf den Islam erschließen. Nirgends im Koran gibt es einen Beleg für diese areligiöse These der Materialisten. Im Gegenteil, Muslime werden in zahlreichen Versen daran erinnert, das Leben auf dieser Erde nicht zu vernachlässigen:

„Sondern trachte mit dem, was Gott dir gegeben hat, nach der jenseitigen Wohnstätte, vergiss aber auch nicht deinen Anteil am Diesseits. Und tu Gutes, so wie Gott dir Gutes getan hat. Und trachte nicht nach Unheil auf der Erde, denn Gott liebt nicht die Unheilstifter.“ (28:77)

Gott ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist.“ (13:11)

„Und gebt auf Gottes Weg aus und stürzt euch nicht mit eigener Hand ins Verderben. Und tut Gutes. Gott liebt die Gutes Tuenden.“ (2:195)

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