Darf der Mann seine Frau nach Sure 4 vers 34 schlagen?

von Ecevit Polat am 12. April 2013

Eines der schärfsten und heftigsten Angriffsflächen der westlichen Islamkritiker an den Koran, bietet vor allem der berüchtigte Vers 34 der Sure 4 -Nisa (die Frauen) dar:Und wenn ihr fürchtet, dass (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie“!

In zahlreichen westlichen Publikationen  suggeriert dieser Umstand die Grundlage für die Frauenfeindlichkeit des Islams. Hier werden nun einige Beispiele in Bezug auf die Koranstelle 4:34 aus ausgewählten Schriften wiedergegeben, denen zufolge der Koran die Züchtigung der Frau ausdrücklich fordern soll:

° „Als Ernährer der Familie hat der Mann Anspruch auf weiblichen Gehorsam. Widerspruch dagegen ist der Frau nicht erlaubt, ja, diese kann sogar durch Schläge gemaßregelt werden(Islamische Kultur und Geschichte, S. 28, Peter Ortag). Interessanterweise wird diese Publikation durch die Landeszentrale für politische Bildung herausgegeben.

° „Für den Fall, dass es bei einem Streit zu keiner Einigung kommt, weist der Koran (4:34) den Mann an, seine Frau zunächst zu ermahnen. Kommt sie nicht zur Vernunft, soll er sie im Ehebett meiden, und wenn auch das nichts nützt, schlagen(Zwischen Ramadan und Reeperbahn, S. 38, Rita Breuer).

° „Leider ist das Schlagen der Frauen durch ihre Männer weit verbreitet, und es fällt vielen Männern natürlich nicht schwer, die Auflehnung ihrer Frauen recht großzügig auszulegen und sich für ihre Gewaltanwendung auf den Koran zu berufen“ (Der Islam, was Christen wissen sollten, S. 41, Pastor Eberhard Troeger).

In dem ca. 800 Seiten umfassenden Werk „Islam-Lexikon“ schreibt der katholische Religionswissenschaftler Professor Adel Theodor Khoury, unter dem Kapitel „Ehe und Familie“ folgendes: „So ist der Mann das Haupt der Familie und darf von seinen Frauen Gehorsam verlangen. Wenn diese sich auflehnen, dann darf der Mann sie ermahnen und auch im Eheverkehr und durch Züchtigung und Schläge bestrafen (4, 34)“ (Islam-Lexikon, S. 156. Herausgegeben von Adel Theodor Khoury, Ludwig Hagemann und Peter Heine).

Tatsächlich weisen einige muslimische Autoren mit Stolz darauf hin, dass der Koran mit dem „Schlagen“ ein bedeutendes Wunder der modernen Psychologie bereits vor 14 Jahrhunderten vorwegnahm. Das Schlagen einer widerspenstigen Frau, hat nach diesem eine Therapie ähnliche Funktion. Der ägyptische Schriftsteller Dr. Moustafa Mahmoud und Inhaber des Staatspreises von 1996 für seine Literaturwerke, schrieb in seinem vielbeachteten Buch „Ein Gespräch mit meinem Freund dem Atheisten“ folgendes: Bei einer solchen Frau gibt es keine andere Lösung als ihr ihren Stachel zu nehmen und ihre Waffen zu brechen, mit denen sie herrscht. Die Waffe der Frau ist ihre Weiblichkeit. Man entwaffnet sie, indem man das Ehebett verlässt. Für die andere Frau, die ihren Genuss in der Unterwürfigkeit und im Schlagen findet, ist das Schlagen ihre TherapieUnd wenn ihr fürchtet, dass (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie (4:34)“. Ein wissenschaftliches Wunder und eine prägnante Zusammenfassung dessen, was in Bänden der Psychologie über die widerspenstige Frau und ihre Therapie steht“ (Ein Gespräch mit meinem Freund dem Atheisten, S. 62-63, Moustafa Mahmoud).

Der Imam der muslimischen Gemeinde in Penzberg Benjamin Idriz, hält das Schlagen der Frau für einen erheblichen Widerspruch gegen sämtliche Koranverse, in denen zu den Ehefrauen mit „Liebe und Barmherzigkeit“ begegnet wird. Idriz ist der Ansicht, dass der maßgebliche Begriff in 4:34 „wadribuhunne“ für Schlagen unzureichend übersetzt wird. So stützt er sich vor allem auf den muslimischen Gelehrten Ihsan Eliacik, der das Schlagen in seiner Koranübersetzung mit „trennt euch von ihnen für eine Weile“ übersetzt (siehe hierzu: Yasayan Kuran, S. 797-798). Ferner schreibt Idriz dazu: „Wie kann Gott, der – wie wir soeben sahen- in seinem Vers (Koran) 30:21 „Liebe und Barmherzigkeit“ in der Ehe verlangt, nun das Gegenteil befehlen: Schlagt sie!?Das hieße ja, dass einer der Verse nicht göttlichen Ursprungs ist- da dies aber nicht möglich ist, müssen wir annehmen, dass es sich bei der Deutung „Schlagt sie´´! Um einen Fehler handeln muss“.

Benjamin Idriz ist wie der bereits erwähnte Theologe Ihsan Eliacik der Ansicht, dass das Schlagen (darabe) in seinem Stamm verschiedene Bedeutungen zum Ausdruck bringen kann, wie zum Beispiel: „Schlagen, prügeln, machen, lassen, sich trennen, zeigen, tun, platzieren“ usw. Es gibt auch Stellen im Koran, wo der Stamm darabe im Sinne von „verreisen, vorübergehend weggehen, öffnen, reservieren“ verwendet wird. Von diesem Stamm ist z. B. auch das arabische Wort für Hungerstreik abgeleitet: al-idrab an al-taam. Das Wort idrab hier und das Wort wadribuhunne im Vers 4:34 kommen vom selben Stamm (d-r-b). Warum soll das einmal „sich vom Essen fernhalten“ bedeuten und das andere Mal unbedingt „schlagen“?

Auch wirft Idriz jenen Koranübersetzer, die es mit schlagen übersetzten, unverantwortlich einen großen Fehler zu begehen: „Auch die wenigen deutschen Koranübersetzungen weisen (wie die Übersetzungen in viele andere Sprachen) für das Wort wadribuhunne (darabe) die Entsprechung „Schlagt sie! Auf, sodass die Übersetzer sowohl sprachwissenschaftlich als auch ethisch einen großen Fehler begehen(Benjamin Idriz, Grüss Gott Herr Imam, Eine Religion ist angekommen, S. 150).

Gegen diese Annahme widerspricht jedoch vehement ein anderer Sprach- und Literaturwissenschaftler Prof. Nasr Hamid Abu Zaid entgegen. Nach Abu Zaid ist darabe korrekt mit schlagen zu übersetzten. Auch liegt die Entstellung von darabe mit der Wiedergabe „sich fernhalten“ nichts anderes als eine apologetische Grundhaltung, die erst in der Moderne aufgetreten ist: „Was den späteren Halbsatz „und entfernt euch von ihnen in den Schlafgemächern und schlagt sie“ angeht, gibt es zwar Feministinnen, die das arabische Wort daraba so verstehen wollen, dass es nicht „schlagen“, sondern „sich fernhalten“ bedeutet; aber damit stimme ich nicht überein. Daraba ist korrekt mit schlagen zu übersetzen, nach diesem Vers ist es erlaubt, wenn auch nur in einem bestimmten Kontext“ (Mohammed und die Zeichen Gottes, S. 160).

Die ältesten Koranexegeten verstanden wörtlich den Begriff „darabe“ nicht anders als das im herkömmlichen Sinne verstanden wird, nämlich als „das Schlagen´´. Ist mit diesem Schlagen etwa gemeint, dass man einer Frau einen erheblich körperlichen Schaden zufügen darf? Mukatil bin Süleyman (gest. 767) paraphrasiert im ältesten Tafsir-Werk den Koranvers 4:34 in Klammern dahingehend, dass mit „darabe“ hauptsächlich gemeint ist, keine Spur von Verletzung zu hinterlassen, also leicht und harmlos zu schlagen (siehe hierzu: Mukatil bin Süleyman, Tefsir-i Kebir, Bd. 1, S. 356, Isaret Yayinlari 2006).

Der Koran beteuert den Muslimen explizit, in den Propheten Muhammad (s) ein schönes Vorbild vorzufinden: „Im Gesandten Gottes habt ihr doch ein schönes Beispiel, die auf Gott hoffen und sich auf den jüngsten Tag gefasst machen und unablässig Gottes gedenken“( Koran 33:21).

Bekanntermaßen hatte der Prophet nie seine Hand gegen seine Frauen, noch gegen seine Töchter erhoben. In einer Auseinandersetzung mit seinen  Ehefrauen (Koran 66:1-5) Hz. Aise und Hz. Hafsa, die schließlich bis zu einer Ehekrise führte, entschloss sich der Prophet – wie die Überlieferungen berichten, sie nicht zu schlagen sondern sich von ihnen vorerst fernzuhalten (ausgiebig und mit verschiedenen Überlieferungen wird davon in Fahruddin er-Razis Mefatihu´l-Gayb, Bd. 21, S. 551-559 Huzur Yayini berichtet).

Im Koran 66:1-5 heißt es dazu:

Prophet! Warum erklärst du denn im Bestreben, deine Gattinnen zufriedenzustellen, für verboten, was Gott dir erlaubt hat? Aber Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben. Gott hat für euch angeordnet, ihr sollt eure (unbedachten) Eide annullieren. Gott ist euer Schutzherr. Er ist der, der Bescheid weiß und Weisheit besitzt. Und als der Prophet einer seiner Gattinnen etwas unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute. Als sie es dann (trotzdem einer anderen) mitteilte und Gott ihn darüber aufklärte, gab er es teils bekannt, teils ließ er es auf sich beruhen. Und als er es dann ihr (selber) mitteilte, sagte sie: „Wer hat dir das kundgetan?“ Er sagte: „Er, der Bescheid weiß und (über alles) wohl unterrichtet ist“. Wenn ihr beiden (Frauen) euch (reumütig) Gott wieder zuwendet (tut ihr gut daran). Euer Herz ist ja abgewichen. Wenn ihr jedoch gegen den Propheten zusammensteht (und glaubt, euren Willen durchsetzen zu können, werdet ihr nicht zum Ziel kommen). Gott ist ja sein Schutzherr. Und Gabriel, die Gläubigen, soweit sie rechtschaffen sind, und überdies die Engel werden Helfer sein“.

Tatsächlich verbot der Prophet Muhammad (s) übereinstimmend in den Überlieferungen, die Frauen körperlich zu züchtigen. Das kein Mann das Recht hat, seine Frau im wörtlichen Sinne zu schlagen, wird von den Aussagen und Empfehlungen des Propheten Muhammad deutlich unterstrichen: „Die Frauen sind die Zwillingshälften der Männer. Gott erlegt euch auf, eure Frauen gut zu behandeln, denn sie sind eure Mütter, Töchter und Tanten. Die ihre Frauen schlagen, handeln nicht gut. Gib deiner Gattin gute Ratschläge und schlage sie nicht wie einen Sklaven. Die Rechte der Frau sind heilig. Sorge dafür, dass ihr die Rechte gegeben werden, die ihnen zustehen (siehe hierzu: Muslim, Hacc 147, Abu Dawud, Menasik 56, Ibn Mace, Menasik 84, Darimi, Menasik 34 und besonders Qurtubi, el-Camiu li-Ahkami´l-Qur´an, Bd. 5, S. 175-176, Buruc Yayinlari).

Aus diesem Grund werden in einigen Koranausgaben Erklärungen  in Fußnoten zu 4:34 gemacht, um besonders vorprogrammierte Missverständnisse zu entschärfen wie beispielhaft: „Nur auf symbolische Weise, im Interesse der Aufrechterhaltung einer stark gefährdeten Ehe(Der Koran, S. 86, überarbeitet und herausgegeben von Murad Wilfried Hofmann, Verlag Diederichs 2007).

 

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